Man muss noch nicht einmal die ersten Seiten gelesen haben, um zu wissen, dass hier jemand am Werk war, der die Regeln kennt – und sie trotzdem bricht, wo es ihm passt. „Weißer Volvo“ von Erik Svetoft, erschienen im Wiener Luftschacht Verlag, ist so ein Fall. Bereits das Cover verrät die Marschrichtung: satt-blau, kühl, ein bisschen unheimlich, dazu ein Farbschnitt, der die 336 Seiten wie einen kompakten Ziegelstein in Blau erscheinen lässt. Wer das Ding aus dem Regal zieht, ahnt: Das hier wird kein gemütlicher Sonntagnachmittags-Comic.

Und tatsächlich, die Geschichte hat es in sich, ohne dass man am Ende genau sagen könnte, was eigentlich passiert ist – und das ist ausdrücklich ein Kompliment. Ein Fabrikunfall setzt eine Kettenreaktion in Gang, die schließlich in einem Attentat auf den bedeutendsten Unternehmer des Landes gipfelt. Ein gesichtsloser Täter flüchtet in eine Gasse, ein ehrgeiziger Leibwächter nimmt die Verfolgung auf, ein weißer Volvo verschwindet hastig vom Tatort. Parallel dazu: Eine Rezeptionistin verliebt sich, eine Katze fühlt sich unwohl, ein mittlerer Manager grübelt ernsthaft darüber nach, sich einen Hut zuzulegen. Ist das alles Zufall? Teil einer Verschwörung? Beides gleichzeitig? Svetoft lässt einen mit dieser Frage bewusst allein, und genau darin liegt der Reiz: Das Buch verlangt Mitdenken, Querlesen, ein bisschen Verwirrung – wer stringente Krimikost erwartet, wird hier eher irritiert als bedient. Wer sich dagegen gerne von Kafka’scher Bürokratie-Absurdität und David-Lynch-hafter Unwirklichkeit treiben lässt, ist hier goldrichtig.

Figuren zwischen Groteske und Albtraum

Was diesen Thriller endgültig aus dem Rahmen kippen lässt, ist das Personal: Körper ohne Köpfe, Köpfe ohne Körper, Kreaturen, die genauso gut in einem Horror- oder Fantasy-Album ihren Auftritt hätten. Svetoft mischt die Genres schamlos durcheinander, ohne dass es je beliebig wirkt – jedes noch so schräge Detail fügt sich am Ende in ein größeres, verstörend stimmiges Bild. Es ist diese Mischung aus bitterbösem Witz und echtem Unbehagen, die schon seinen international gefeierten Erstling „SPA“ ausgezeichnet hat, jenes Hotel-Kammerspiel voller skandinavischer Hochglanz-Fassade und darunterliegender Abgründe, das es bis nach Frankreich, Südkorea, Brasilien und in die USA geschafft hat. „Weißer Volvo“ ist nun sein erster echter Comicroman – und man merkt auf jeder Seite, dass hier einer weiß, wie man aus einem simplen Verfolgungsjagd-Motiv ein vielstimmiges, verschachteltes Gesellschaftsporträt baut.

Blau gegen Weiß, Strich gegen Stille

Gestalterisch ist das Buch die eigentliche Sensation. Svetoft verzichtet komplett auf Vollfarbigkeit und arbeitet stattdessen zweifarbig, mit einem tiefen, elektrischen Blau, das sich mal wie Tinte über die Seite ergießt, mal nur als feine Schraffur die Konturen andeutet. Gegen das strahlende Weiß des Papiers entsteht ein Wechselspiel, das an skandinavische Winternächte erinnert – hell und kalt zugleich, nie gemütlich, immer ein wenig auf der Kippe zwischen Klarheit und Bedrohung. Der Strich selbst ist reduziert, fast plakativ, mit klaren Konturen, die an Design- und Illustrationsarbeit erinnern – kein Wunder, hat Svetoft schließlich visuelle Kommunikation an der Konstfack in Stockholm studiert und Design an der HDK in Göteborg, bevor er sich dem Comic verschrieben hat. Diese Herkunft aus der angewandten Gestaltung sieht man dem Buch an: Jede Seite ist komponiert wie ein Plakat, mit einem sicheren Gespür für Fläche, Leerraum und den Moment, in dem ein einzelnes blaues Panel mehr sagt als zehn Textzeilen. Die Panelaufteilung selbst bleibt oft klassisch, geradezu ruhig – und genau dieser formale Kontrast zur inhaltlichen Wucht macht den Sog aus, der einen durch die 336 Seiten zieht, ohne dass man wirklich innehalten will.

Erik Svetoft, gebürtiger Stockholmer, arbeitet neben seinen Comics auch als Grafikdesigner und Illustrator von Kinderbüchern – man ahnt, wie viel Handwerk aus diesen anderen Welten in seine Comicseiten einsickert. Sein Antrieb scheint weniger die reine Schockwirkung zu sein als die Lust am Zerlegen gesellschaftlicher Fassaden: Konzernwelt, Statussymbole, die Fassade der nordischen Wohlstandsgesellschaft – all das nimmt er mit spitzer Feder auseinander, ohne dabei den skurrilen Humor zu verlieren, der seine Bilder auch dann noch tragbar macht, wenn die Handlung ins Groteske kippt.

„Weißer Volvo“ ist am Ende kein Comic, den man einfach so nebenbei durchblättert. Es ist ein Buch, das fordert – gedanklich wie ästhetisch – und genau dafür belohnt: mit einer Bildsprache, die lange nachhallt, und einer Geschichte, deren Fäden man noch tagelang im Kopf weiterspinnt. Ein Volvo, der einem nicht mehr aus dem Kopf geht.

Weißer Volvo
von Erik Svetoft

Luftschacht Verlag

Graphic Novel, 336 Seiten
Aus dem Schwedischen von Andreas Donat

Softcover mit Farbschnitt,
Fadenheftung zweifärbig illustriert
17,0 * 24,0 cm

ISBN 978-3-903422-75-9
€ 30.00 [D]

Link: https://www.luftschacht.com/produkt/erik-svetoft-weisser-volvo/