Manche Comictitel sagen schon alles, bevor man die erste Seite aufgeschlagen hat. „Ich will nicht arbeiten“ von Nele Jongeling, gerade bei Reprodukt erschienen, ist so ein Fall. Der Titel ist eine Ansage, die vermutlich die halbe Generation Z im Chor mitspricht. Und trotzdem klingt sie nach mehr als nach einem Meme mit Sprechblase. 304 Seiten, farbig, im handlichen Format von 17 mal 24 Zentimetern, mit Klappenbroschur, für 29 Euro, auf den ersten Blick ein unauffälliges Buch. Auf den zweiten merkt man: Hier hat sich jemand mit sehr viel Genauigkeit durch ein Gefühl gearbeitet, das gerade eine ganze Generation umtreibt.

Die Geschichte: Edith hat ihr Studium hinter sich, ist auf Jobsuche – und will eigentlich gar nicht arbeiten. Damit trotzdem irgendwas bei rumkommt, lässt sie sich auf „Projekt Traumjob“ ein, eine neue Fernsehshow, ausgerichtet vom fiktiven Bundesbüro für Beruf. Fünf Kandidat:innen ringen dort um den perfekten Job, müssen sich gemeinsam durch allerlei Challenges quälen – und tragen dabei alle ihr eigenes kleines Elend mit sich herum: erfolglose Bewerbungen, cholerische Vorgesetzte, miese Bezahlung, Burnout, Depression. Aus dieser Ausgangslage bastelt Jongeling eine bitterböse Mediensatire, die Arbeit nicht als Selbstverständlichkeit, sondern als Zumutung verhandelt – und die trotzdem, das ist die eigentliche Kunst, nie larmoyant wird.

Klare Linie, giftiger Witz

Gestalterisch bleibt Jongeling erstaunlich reduziert für einen Stoff, der eigentlich vor lauter Wut und Erschöpfung aus dem Rahmen kippen könnte. Ihr Strich ist klar, fast plakativ, mit sicherer Kontur und einem Gespür für pointierte Gesichter, die in Sekundenbruchteilen Frust, Ironie oder blanke Erschöpfung transportieren. Die Farbgebung bleibt gedeckt und funktional, nie effekthascherisch, dafür immer im Dienst der Pointe – ein visueller Stil, der eher an gute Reportagezeichnung erinnert als an ausufernde Graphic-Novel-Ästhetik. Genau in dieser Nüchternheit liegt die Wirkung: Je sachlicher die Bilder daherkommen, desto absurder wirkt das, was sich in ihnen abspielt – ein Fernsehformat, das aus purer Verzweiflung einen Unterhaltungswert presst, eine Bürokratie, die Arbeit verwaltet, aber nicht versteht.

Nele Jongeling, Jahrgang 1996, hat Visuelle Kommunikation an der Hochschule Düsseldorf sowie Graphic Storytelling an der LUCA School of Arts in Brüssel studiert und lebt heute in Düsseldorf, wo sie neben ihren Comics auch als Illustratorin und Dozentin arbeitet. Ihre Arbeiten sind meist autobiografisch angelegt und kreisen immer wieder um Themen wie Arbeit, Feminismus, Gender und Lesbischsein – „Ich will nicht arbeiten“ ist dabei ihr bislang größtes und persönlichstes Projekt, an dem sie, nach einem verworfenen Vorgänger-Konzept, gut zwei Jahre gesessen hat. In einem Interview mit dem Fachmagazin Comic.de brachte sie ihre Haltung auf eine Formel, die man sich getrost auf ein Poster drucken könnte: „Jeder Mensch sollte ein Anrecht auf Freizeit haben.“ Genau dieser Satz ist der heimliche Motor des ganzen Buchs.

Was den Comic auszeichnet

Was „Ich will nicht arbeiten“ von der üblichen Prekariats-Satire unterscheidet, ist der Mut zur Groteske. Jongeling verlässt sich nicht auf sozialrealistisches Erzählen, sondern kippt ihre Geschichte konsequent ins Überzeichnete – ein Bewerbungssystem, das sich wie eine Gameshow inszeniert, eine Bürokratie, die Menschen wie Produkte vermarktet, Kandidat:innen, die zwischen Selbstoptimierung und totaler Erschöpfung hin- und herschlingern. Das Ergebnis liest sich streckenweise wie ein Fiebertraum aus dem Bewerbungsverfahren-Albtraum-Genre, mit einer Konsequenz, die man selten in deutschsprachigen Comics zu diesem Thema findet. Wo andere Werke über Arbeit und Ausbeutung ins Dokumentarische abrutschen, bleibt Jongeling erzählerisch, bissig, fantasievoll – und genau deswegen bleibt der gesellschaftliche Kommentar hängen, ohne dass er einem predigend entgegenschlägt.

Am Ende ist das, was Jongeling hier abliefert, ein echtes Kunststück: ein Comic, der hochaktuell von Erschöpfung, Mutlosigkeit und dem täglichen Kleinkrieg mit dem eigenen Antrieb erzählt, und der es trotzdem schafft, dabei mit Schwung, Witz und einer gehörigen Portion Schaffenslust zu Werke zu gehen. Surreal wie ein Traum, spannend inszeniert wie eine echte Gameshow, und dabei mutiger, als man es einem Debüt dieser Größenordnung zutrauen würde. Man liest „Ich will nicht arbeiten“ und merkt: Genau diese Unlust, über die hier erzählt wird, hat offenbar keine einzige Zeichnung in diesem Buch gebremst.

Ich will nicht arbeiten

von Nele Jongeling
Verlag: Reprodukt

ISBN 978-3-95640-504-4
304 Seiten, farbig,
7 × 24 cm
Klappenbroschur
29 Euro
Link: https://reprodukt.com/products/ich-will-nicht-arbeiten