Manchmal reicht ein einziger Satz, um zu wissen, in welchem Schlamassel man als Leser gleich landet. „Der Mann, der Wunder vollbringen konnte“ heißt der neue Band aus dem Splitter Verlag, und schon der Titel verrät: Hier bekommt einer eine Gabe, mit der er heillos überfordert ist. Mister Fotheringay, ein Büroangestellter ohne jeden Ehrgeiz und ohne die geringste Spur von Fantasie, entdeckt eines Tages, dass er Wunder wirken kann – er muss sich nur etwas wünschen, und es geschieht. Statt die Welt zu verändern, begnügt er sich zunächst mit Nichtigkeiten, bis er sich mit einem sturen Polizisten anlegt und diesen kurzerhand, im Wortsinn, zur Hölle schickt. In Panik läuft er zu einem Pastor, der die Tragweite der Macht sofort begreift – und sie nicht ganz uneigennützig für sich nutzen will. Zwei Männer mit einer gottgleichen Fähigkeit und ungefähr null Weitsicht: Das kann nur in einer Katastrophe biblischen Ausmaßes enden, und genau dorthin steuert die Geschichte mit spürbarem Vergnügen. 72 Hardcover-Seiten, ein einzelner, in sich geschlossener Band – kompakt, aber mit einem Erzähltempo, das keine Sekunde verschenkt.



Eine vergessene Perle von H. G. Wells
Dass diese Geschichte von H. G. Wells stammt, überrascht viele – zu Unrecht landete sie im Schatten seiner großen Klassiker. Erstmals erschien sie im Juli 1898 in der Illustrated London News, mit dem hübsch altertümlichen Untertitel „A Pantoum in Prose“, später fand sie Aufnahme in die Sammlung „Tales of Space and Time“. Wells, der Erfinder von „Die Zeitmaschine“ und „Krieg der Welten“, zeigt sich hier von seiner leichtfüßigeren, geradezu sketchhaften Seite – weniger Zukunftsvision, mehr bissige Gesellschaftskomödie über die Frage, was Menschen mit unbegrenzter Macht anstellen, wenn ihnen die Vorstellungskraft fehlt, sie klug einzusetzen. 1936 wurde der Stoff sogar verfilmt, wobei Wells selbst am Drehbuch mitschrieb und die Handlung um seine eigenen politischen Frustrationen über die europäische Klassengesellschaft erweiterte. Trotzdem blieb die Kurzgeschichte hierzulande weitgehend unbekannt – ein Schicksal, das sie mit vielen kleineren Wells-Texten teilt, die im Schatten der großen Romane verschwunden sind.
Ein Spanier mit französischem Herzen

Gezeichnet hat den Band José-Luis Munuera, geboren 1972 im andalusischen Lorca. Er brach ein Kunststudium in Granada nach fünf Jahren ab, weil ihn dort vor allem beigebracht wurde, wie man Marcel Duchamp kopiert – während seine eigentlichen Vorbilder immer schon Jean Giraud und Uderzo hießen. Auf dem Comicfestival in Angoulême traf er Joann Sfar, mit dem er seine ersten Alben schuf, seither zeichnet er im französisch-belgischen Stil, unter anderem jahrelang für die Traditionsserie „Spirou und Fantasio“. In seinen Linien mischen sich dabei ganz unterschiedliche Einflüsse: die Klarheit der franko-belgischen Schule, ein Schuss Manga-Dynamik und, ganz erkennbar, die weiche, fast plastische Rundung von Disney-Zeichnern wie Giorgio Cavazzano. Genau diese Mischung erzeugt bei „Der Mann, der Wunder vollbringen konnte“ einen Look, der einen sofort in die goldene Ära der Fantasy-Adventure-Spiele zurückkatapultiert – die gemalten Hintergründe, die überzeichneten, aber warmherzigen Figuren, dieses leicht Angestaubte, das an „Dragon’s Lair“ oder „Baphomets Fluch“ erinnert, ohne dabei je aus der Zeit gefallen zu wirken. Es ist ein Stil, der Wärme ausstrahlt, selbst wenn gerade die Erde aus den Fugen gerät.
Altmodisch, und genau deshalb charmant


Beim Lesen fällt schnell auf: Sowohl die Geschichte als auch ihre bildliche Umsetzung wirken angenehm aus der Zeit gefallen. Kein Grimdark, keine ironische Distanz, kein Zynismus – stattdessen ein geradliniges Erzählen, das sich ganz auf seine Pointen und seine Figuren verlässt. Das ist keineswegs ein Nachteil. Im Gegenteil: In einer Comiclandschaft, die sich gerne in Komplexität verheddert, wirkt diese Rückbesinnung auf die einfache, klar erzählte Geschichte geradezu erfrischend. Man will unbedingt wissen, wie weit Fotheringay und sein Pastor ihre Macht noch treiben, bevor alles kollabiert – und genau dieses Ziehen, diese leise Sogwirkung, macht den eigentlichen Reiz des Bandes aus.
Am Ende bleibt ein schönes, kurzweiliges Comicalbum, das sich in einer guten Stunde durchlesen lässt und dabei mehr zu bieten hat als bloße Unterhaltung: einen Blick auf eine der schönsten unbekannten Geschichten eines der wichtigsten Science-Fiction-Autoren überhaupt, verpackt in einen Zeichenstil, der einen mit warmem Herzen an früher denken lässt. Wer Wells nur für „Krieg der Welten“ kennt, sollte hier unbedingt nachlegen.

Der Mann, der Wunder vollbringen konnte
von H. G. Wells (Autor) und José-Luis Munuera (Zeichnungen)
Verlag: Splitter
ISBN: 978-3-68950-139-6
Hardcover, 72 Seiten
19,80 Euro
Link: https://www.splitter-verlag.de/mann-der-wunder-vollbringen-konnte.html