„Die Weltenerschaffer“ von John Hendrix (Verlag Knesebeck) ist ein Werk, bei dem ich schon vor dem Aufschlagen ahne: Das ist etwas für mich. Diese Graphic Novel kombiniert nämlich auf einen Schlag gleich zwei meiner absoluten Leidenschaften – nein, wartet, machen wir drei daraus! Erstens: Comics und Graphic Novels (na klar!). Zweitens: Biografien (unsere Leser und Hörer wissen das ja ohnehin schon längst). Und drittens: die Geschichten von J.R.R. Tolkien und C.S. Lewis.
Und ich soll Recht behalten. Dies ist kein gewöhnlicher Comic, den man mal eben so wegsnackt. Von Beginn an fesselt mich der visuelle Stil und das inhaltliche Konzept, mit denen die über 20-jährige Freundschaft zwischen den beiden Protagonisten zum Leben erweckt wird. Hendrix nimmt sich dabei die Zeit, uns diese beide A-Lister der (fantastischen) Weltliteratur ausführlich vorzustellen, die gegensätzlicher kaum sein könnten und doch so viel teilen.

Von Mittelerde bis Narnia: Die fantastische Freundschaft von C.S. Lewis & J.R.R. Tolkien von John Hendrix, Verlag Knesebeck
Auf der einen Seite steht J.R.R. Tolkien, der Urvater der modernen Fantasy. Als Sprachwissenschaftler erschafft er nicht nur Geschichten, sondern ganze Mythologien, eigene Sprachen und die unsterbliche Welt von Mittelerde mit dem „Herrn der Ringe“. Er steht für akribische Detailverliebtheit, tiefe Melancholie und die Liebe zur Natur. Auf der anderen Seite C.S. Lewis, der mit den „Chroniken von Narnia“ ein zeitloses, allegorisches Fantasy-Reich für Kinder erschaffen hat. Lewis nutzt dabei Logik, philosophische Tiefe und eine leidenschaftliche Suche nach Wahrheit, die ihn (wie ich gelernt habe) vom überzeugten Atheisten zu einem der einflussreichen christlichen Denker seiner Zeit macht.
Ein Comic zum Lesen
Doch wer sich auf dieses Werk einlässt, muss eine Sache wissen: Man muss hier auch wirklich lesen wollen. Hendrix liefert kein reines Bilderbuch, sondern füllt die Graphic Novel mit vielen langen Textpassagen. Diese nehmen sich intensiv Zeit, uns von der Welt, den historischen Hintergründen und den wechselnden Lebensumständen der beiden Protagonisten in ihren unterschiedlichen Altersstufen zu erzählen.

Von Mittelerde bis Narnia: Die fantastische Freundschaft von C.S. Lewis & J.R.R. Tolkien von John Hendrix, Verlag Knesebeck
Für mich macht genau das den Reiz aus. Die erzählerische Dichte entsteht vor allem durch den cleveren Mix der Perspektiven: Mal geht es streng belegt und autobiografisch zu, mal werden wahre Begebenheiten aus verschiedenen Briefen, Tagebüchern und historischen Quellen meisterhaft rekonstruiert. Hendrix verwebt diese Fragmente zu einem lebendigen Gesamtbild, das die Gratwanderung zwischen fundierter Biografie und magischem Storytelling perfekt meistert.
Dazu kommen die beidem Figuren der Zauberer und der Löwe, die den Leser durch die Geschichten und Zeiten führen, als Erzähler, als Begleiter. Sie stehen natürlich für die beiden Protagonisten, geben dieser Biografie jedoch den passenden Fantasy-artigen Touch.
Während ich mich durch die Jahrzehnte, die grausamen Schützengräben des Ersten Weltkriegs und die intensiven Treffen der selbsternannten „Inklings“, dem literarischen Diskussionskreises in Oxford aus den 1930er- und 1940er-Jahren, lese, passiert in meinem Kopf etwas Spannendes: Ich komme einfach nicht drumherum, mir diese tragische und zugleich wunderschöne, fantasievolle Geschichte auch als Film oder als aufwendige Serie vorzustellen. Die Dynamik zwischen dem rational-gläubigen Lewis und dem detailversessenen Tolkien bietet so viel cineastischen Zündstoff, dass eine filmische Adaption im Stil eines epischen Historiendramas eigentlich längst überfällig ist.

Von Mittelerde bis Narnia: Die fantastische Freundschaft von C.S. Lewis & J.R.R. Tolkien von John Hendrix, Verlag Knesebeck
Und genau das ist wohl bereits in Planung. Der US-Filmemacher Aaron Burns hat sich die Filmrechte von Hendrix‘ „Die Weltenerschaffer“ gesichert und produziert mit seiner Firma Burns & Co. die animierte Leinwandwandfassung, die 2027 erscheinen soll. Ich bin sehr gespannt.
Bis dahin lest das Buch. Es ist ein wunderbares Porträt über zwei Genies, die sich gegenseitig inspirieren, kritisieren und prägen. Am Ende schließe ich das Buch mit dem dringenden Bedürfnis, sofort wieder nach Mittelerde und Narnia (was ich noch nicht so gut kenne) zu reisen – mit noch größerem Respekt vor den Männern, die diese Welten erschaffen haben. Eine absolute Herzensempfehlung!
Aufgrund der Textlastigkeit und der an einigen Stellen schweren historischen Kost liegt meine Altersempfehlung allerdings bei „ab 12 Jahren“.

Von John Hendrix
Verlag Knesebeck
224 Seiten
Preis: 30 Euro
ISBN 978-3-98962-038-4