Die Weste kratzte, die Stiefel waren eine Nummer zu groß, und im Spiegel der Redaktionstoilette übte ich den halb schiefen Blick, mit dem Harrison Ford in jeder einzelnen Szene die Kamera stiehlt. Ein Kollege drückte ab, ich zog den Bauch ein, dachte an Han Solo und fühlte mich für zwei Minuten näher an dieser Galaxis, als ich es je wieder sein würde. Das war vor vielen Jahren, für eine Fotostory in einer TV-Zeitschrift, die niemand mehr kennt. Aber die Erinnerung sitzt tiefer als so manches, was ich tatsächlich auf der Kinoleinwand gesehen habe. Und ich habe den dritten Teil zuerst gesehen, nicht den ersten, mit VHS-Kassetten, die ich in Original und Special Edition besaß. Und irgendwann viel später mit einer gebrannten DVD von einem Arbeitskollegen „Die dunkle Bedrohung“. Der Film war kein Vergleich zu den alten, dennoch habe ich die Scheibe behandelt wie eine Reliquie, obwohl sie hochgradig illegal war.

Jetzt liegt vor mir etwas, das mit dieser Nähe konkurrieren will, auf ganz andere Art: 5,58 Kilo, 28 mal 39,5 Zentimeter, 680 Seiten. Wer das Buch aus dem Karton hebt, merkt sofort, dass Taschen hier nicht übertreibt, wenn der eigene Katalog es als „XXL“ führt. Ich habe es auf die Küchenwaage gestellt, aus reiner Neugier, und meine Frau hat mich sehr verstört angeschaut, als ich mit dem Buch aus dem Bad kam. Später war sie etwas beleidigt, weil ich das Buch neben mir aufs Sofa gelegt hatte und kein Platz mehr für sie war.

Ein Comic, der seinem Film davonlief

1976, während George Lucas noch drehte, klopfte er bei Marvel an und bot die Rechte für eine Comic-Umsetzung praktisch geschenkt an. Tantiemen sollten erst ab 100.000 verkauften Heften gezahlt werden. Marvel zögerte, ließ sich aber überzeugen. Als der Film im Mai 1977 anlief, war Heft eins schon einen Monat auf dem Markt, und die Verkaufszahlen sprengten alles: über eine Million Exemplare, viermal so viel wie beim damaligen Zugpferd Spider-Man. Der Comic wurde monatlich, und weil bis zum nächsten Film noch Jahre vergehen sollten, blieb er für die Fans die einzige verlässliche Quelle für Nachschub. Kein Nebenprodukt also, sondern für eine ganze Weile das Hauptprodukt.

Kurator des Sammlung ist Paul Duncan, ein Filmhistoriker mit einer beeindruckenden Taschen-Bibliografie – die „Star Wars Archives“, die James-Bond- und Chaplin-Archive, das Godfather-Album. Er ordnet nicht nur, er erklärt, warum diese Hefte überhaupt so wichtig wurden, und überlässt die tiefere Einordnung dem Comic-Historiker Peter Sanderson, dessen Begleittext sich liest wie eine Liebeserklärung mit Fußnoten. Gezeichnet haben die ersten Ausgaben Howard Chaykin, ein damals junger Künstler aus der Independent-Szene, den Lucas persönlich entdeckt hatte, nach Skripten von Roy Thomas. Später übernahmen Archie Goodwin als Autor und Carmine Infantino am Zeichenbrett. So wurde mit der Zeit aus der Blaupause des Films allmählich eine eigene Erzählung mit eigenem Atem.

Papier von damals, Druck von heute

Wer alte Marvel-Hefte aus den Siebzigern in der Hand hatte, weiß: Das Papier war dünn, die Farben liefen ineinander, der Raster war grob. Taschen hat die ersten 23 Ausgaben digital neu abgestimmt, ohne den Charakter zu glätten. Chaykins Actionpanels bekommen dadurch endlich die Schärfe, die ihnen 1977 die Drucktechnik verweigert hat, während der eigentümliche Siebziger-Look – diese satten, fast grellen Grundfarben – erhalten bleibt. Man blättert und hat trotzdem das Gefühl, an einem Kiosk zu stehen, der es nur besser meint als der echte damals.

© Taschen Verlag

Wo Han zuerst schießt

Für alle, die sich nie ernsthaft gefragt haben, ob Han oder Greedo zuerst abgedrückt hat: Der Comic lässt keinen Zweifel. Han schießt, mitten in Greedos Satz hinein, ohne jede nachträgliche Rechtfertigung. So stand es 1977 im Skript, so wurde es gezeichnet, lange bevor irgendjemand auf die Idee kam, daran etwas zu ändern.

Man kann es ja mal versuchen
Screenshot des Originals von 1977
Der Comic als Beweis: Han schoß zuerst
Screenshot des Originals von 1977

Die frühen Hefte sind voller solcher kleiner Verschiebungen. Jabba the Hutt taucht bereits in Heft zwei auf, Jahre vor „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“, und sieht dort aus wie ein zwielichtiger Ganove in Menschengestalt, nicht wie die Riesenschnecke, die wir heute kennen. Obi-Wans Lichtschwert schimmert stellenweise pink statt blau. Garindan, der langnasige Spitzel aus der Cantina-Szene, hat schlicht eine normale Nase, weil dem Zeichner offenbar die Vorlage fehlte. Und die berühmte Docking-Bay-94-Szene, die erst 1997 digital in den Film zurückgeholt wurde, stand von Anfang an im Comic – ganz selbstverständlich, weil niemand ahnte, dass sie einmal aus dem fertigen Film herausfliegen würde.

Nach den ersten sechs Heften, die noch dem Kinofilm folgten, ging die Reihe eigene Wege: Han Solo als Schatzsucher in verlorenen Tempeln, Jahre bevor ein gewisser Archäologe mit Peitsche die Kinos eroberte. Neue Planeten, neue Gegner, ganze Handlungsstränge ohne jede Filmvorlage. Der Comic hörte auf, Abklatsch, sorry, Adaption zu sein. Wenn ich mir die aktuellen Verfilmungen aus dem „Star Wars“-Universum anschaue, denke ich: Es gäbe so geniale Story, die man verfilmen könnte. Hey Hollywood, schaut doch einfach mal die alten Comics an!

Und der Preis?

200 Euro. Kein Betrag für die Portokasse, sondern für Sammler, die wissen, was sie tun. Man kauft hier kein Buch zum Wegnicken auf dem Sofa, sondern ein Archiv mit Anspruch auf Dauer. Taschen weiß das genau, wenn der eigene Katalog damit wirbt, größer als ein Todesstern zu sein. Ob einem das den Preis wert ist, hängt weniger vom Kontostand ab als davon, wie viel einem die eigene Geschichte mit dieser Galaxis bedeutet. Bei mir, das gebe ich unumwunden zu, rechnet sich das schon lange nicht mehr nüchtern.

Ich habe in Weste und Stiefeln vor einer Redaktionskamera posiert, VHS-Kassetten in zwei Versionen gekauft, eine gebrannte DVD gehütet wie einen Schatz, und trotzdem war der Comic immer mein erster, direktester Draht zu dieser Welt. Wer beim Blättern die Stimmen von Han, Luke und Leia im Ohr hat, den Soundtrack von John Williams mitsummt und beim Summen der Lichtschwerter unwillkürlich den Kopf einzieht, für den ist dieser Band kein Nostalgieartikel, sondern ein Nachhausekommen. George Lucas selbst hat es treffender gesagt, als es dieser Text je könnte: „Unser wunderbares Abenteuer in Comics.“ Möge die Macht mit dir sein. Und wenn dir jemand die Erfolgschancen nennt – sag ihm, du willst sie gar nicht hören.

Star Wars Comics Library. Vol. 1. 1977-1979
Verlag: Taschen
Hardcover
28 x 39.5 cm
5.58 kg
680 Seiten
ISBN 978-3-7544-0579-6
Link: https://www.taschen.com/de/books/comics/08199/star-wars-comics-library-vol-1-1977-1979