Der avant-verlag holt „Andy Morgan“ zurück. Im Großformat, mit satten Farben und viel Respekt vor Hermanns Zeichnungen. Die Deluxe Edition ist eine prächtig gedruckte Zeitreise zu einem Helden, der erstaunlich gut gealtert ist.
Manche Comics liest man einfach schnell weg. Andere muss man erst einmal auf den Tisch legen.. Der erste Band der neuen „Andy Morgan“-Deluxe-Edition gehört eindeutig zur zweiten Sorte. 36 mal 27 Zentimeter, 128 Seiten, Hardcover. Das ist kein Buch für die schnelle Lektüre in der U-Bahn. Es ist ein ziemlicher Brocken. Und genau das ist gut so. Denn schon beim ersten Durchblättern wird deutlich, wie viel Liebe der avant-verlag in diese Neuveröffentlichung gesteckt hat. Der Druck ist fantastisch, das große Format wird den Abenteuern gerecht. Und vor allem wird sichtbar, was Hermann in seinen Bildern alles untergebracht hat. Da brennt nicht einfach nur eine Oase. Die Hitze flimmert, der Sand scheint zwischen den Seiten zu knirschen, Fahrzeuge rasen durch die Wüste und Menschen geraten zuverlässig von einer Katastrophe in die nächste. Später tobt ein Taifun, das Meer bäumt sich auf und eine ziemlich schlecht gelaunte Muräne sorgt dafür, dass auch unter Wasser keine Ruhe einkehrt.
In kleinerem Format wäre das alles noch immer spannend. Aber das wäre in etwa so, als würde man einen Film von Christopher Nolan auf dem Smartphone anschauen. Geht, macht aber keinen Sinn. In dieser Ausgabe bekommt es Raum, das Format ist so etwas wie das Imax für Comic-Leser.
Klassikerpflege ohne Staubschicht
Der Berliner avant-verlag wurde 2001 von Johann Ulrich gegründet. Zum Programm gehören internationale und deutsche Graphic Novels, neue Stimmen und seit einigen Jahren verstärkt auch Klassiker. Darunter finden sich Werke wie „Eternauta“, „Cocco Bill“, „Alack Sinner“, „Ernie Pike“ oder die „Freak Brothers“. Das ist eine ziemlich bemerkenswerte Mischung. Der Verlag behandelt Comicgeschichte nicht wie eine museale Pflichtübung, sondern wie etwas, das immer noch gelesen, entdeckt und diskutiert werden kann.
Bei „Andy Morgan“ geht avant noch einen Schritt weiter. Die Abenteuer erscheinen parallel in zwei Fassungen. Die Deluxe Edition zeigt die Geschichten in Farbe, die sogenannte avant Edition präsentiert Hermanns Zeichnungen in Schwarz-Weiß. Das ist mehr als eine verkaufsfördernde Doppelung. Es sind tatsächlich zwei unterschiedliche Möglichkeiten, denselben Comic zu betrachten. In Schwarz-Weiß treten Hermanns Linien, Flächen und Kontraste stärker hervor. Die Farbausgabe wiederum bringt genau jenes Abenteuergefühl zurück, das viele Leser mit den klassischen Alben und ihrer Veröffentlichung in „ZACK“ verbinden.

Hinzu kommen Kurzgeschichten, zusätzliche Illustrationen und einige Seiten im französischen Original. Gerade diese Seiten sind eine schöne Idee. Sie machen die Arbeit am Material sichtbar und zeigen, wie stark sich Wirkung, Druck und Farbgebung verändert haben. Man sieht gewissermaßen alt und neu nebeneinander. Und plötzlich wird aus der Neuauflage auch ein kleines Seminar über Comicgestaltung. Nur ohne Seminar.
Ein Strich, der keinen Windkanal braucht
Hermann Huppen kam ursprünglich aus dem Möbelbau und der Innenarchitektur. Vielleicht erklärt das ein wenig seinen Blick für Räume, Konstruktionen und Perspektiven. Greg erkannte sein Talent und holte ihn Mitte der 1960er-Jahre zum Comic. Gemeinsam entwickelten sie „Bernard Prince“, wie Andy Morgan im Original heißt. Später folgte mit „Comanche“ eine weitere große Zusammenarbeit. Mit Reihen wie „Jeremiah“ und „Die Türme von Bos-Maury“ wurde Hermann endgültig zu einem der wichtigsten europäischen Comiczeichner. 2016 erhielt er den Grand Prix des Comicfestivals von Angoulême. Hermann starb am 22. März 2026 im Alter von 87 Jahren. Sein Werk umfasst mehr als 120 Alben. Sein Strich ist realistisch, aber nie glatt. Menschen sehen bei ihm nicht aus, als seien sie für eine Heldenpose kurz aus dem Windkanal gekommen. Gesichter haben Kanten, Kleidung wirft schwere Falten, Bewegungen besitzen Gewicht. Wenn Barney ausholt, dann fliegt gleich jemand durch den Raum. Vermutlich nicht ohne vorher einen Tisch abzuräumen.


Auch die Natur ist bei Hermann keine hübsche Kulisse. Sie mischt sich ein. Wüste, Sturm und Meer werden zu Gegenspielern. Sand verschluckt die Sicht, Wind drückt gegen Körper und Schiffe, Wasser zieht Menschen in die Tiefe. Hermann arbeitet dabei mit wechselnden Perspektiven, großen Totalen und engen Nahaufnahmen. Das wirkt häufig erstaunlich filmisch. Nur dass sich seine Kamera überall dort hinstellen kann, wo es gerade gefährlich wird. Besonders eindrucksvoll sind die Unterwasserszenen aus „Das Gesetz des Taifuns“. Hermann lässt Dunkelheit, Bewegung und Bedrohung aus seinen Linien entstehen. Die Muräne muss nicht ständig vollständig zu sehen sein. Ein Schatten, ein geöffnetes Maul und ein Taucher, der gerade eine sehr schlechte Entscheidung bereut, reichen vollkommen aus.
Die Farbgebung der Deluxe Edition ist dabei vielleicht sogar der heimliche Star des Bandes. Die Farben sind satt, ohne die Zeichnungen mit digitalem Glanz zu überziehen. Sie besitzen einen leicht nostalgischen Ton, wirken aber nicht muffig. Das Ergebnis erinnert an klassische Abenteueralben, nur eben so, wie man sie gern in Erinnerung behalten würde.
Greg und die Kunst der nächsten Katastrophe
Geschrieben wurden die Abenteuer von Michel Régnier, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Greg. Er war Zeichner, Autor, Redakteur und einer der produktivsten Köpfe des frankobelgischen Comics. Von 1966 bis 1974 leitete er das Magazin „Tintin“, schrieb unter anderem „Luc Orient“, „Bruno Brazil“ und „Comanche“ und entwickelte seine berühmte Humorserie „Achille Talon“. Schätzungen gehen davon aus, dass er als Autor oder Zeichner an rund 250 Alben beteiligt war. Greg beherrschte dabei sowohl den Humor als auch das klassische Abenteuer.
„Andy Morgan“ startete 1966 im belgischen „Tintin“-Magazin. Zunächst war der Titelheld noch Interpol-Agent und löste kurze Fälle. Dann bekam er die Yacht „Cormoran“, ein paar Freunde und damit die Möglichkeit, überall dort aufzutauchen, wo Ärger wartete. Das war eine ziemlich praktische Konstruktion. Andy und seine Mannschaft konnten in der einen Woche in Afrika landen und wenig später in der Südsee. Hauptsache, es gab einen Auftrag, einen Sturm oder jemanden, der eindeutig etwas im Schilde führte. Die Reihe entwickelte sich von kurzen Episoden zu langen Abenteuern. In Deutschland erschien sie zunächst in „MV-Comix“ und wurde vor allem durch das Magazin „ZACK“ bekannt. Genau dort bin auch ich Andy Morgan zum ersten Mal begegnet.
Der erste Band der Deluxe Edition setzt nicht am Anfang der Reihe ein. Avant hat sich für zwei spätere Geschichten entschieden, in denen Hermanns Stil bereits deutlich ausgeprägt ist: „Oase in Flammen“ und „Das Gesetz des Taifuns“. Ergänzt werden sie durch die Kurzgeschichten „Die rote Sonne“ und „Die Passagierin“. Der Band umfasst insgesamt 128 farbige Seiten und kostet 50 Euro.
Ein Held braucht die richtigen Leute
Die Geschichten zeigen sehr klar, mit was für Figuren wir es hier zu tun haben. Andy Morgan ist Kapitän seiner eigenen Yacht. Er sucht nach Aufträgen, aber noch häufiger finden die Aufträge ihn. Selbst eine vermeintlich einfache Fahrt kann innerhalb weniger Seiten zu einem ausgewachsenen Abenteuer werden. Dabei ist Andy nicht nur der strahlende Held, der grundsätzlich alles weiß und immer den richtigen Hebel findet. Manchmal weiß auch er nicht weiter. Er übernimmt sich, unterschätzt Situationen und braucht seine Mannschaft. Das macht ihn sympathischer als viele seiner makellosen Kollegen aus jener Zeit. Denn ein Held kann nur richtig glänzen, wenn das Team stimmt.


Der eigentliche Star ist ohnehin Barney Jordan. Auf den ersten Blick ist er ein grobschlächtiger Kerl mit großer Klappe. Auf den zweiten Blick ebenfalls. Allerdings hat Barney ein bewegtes Leben hinter sich, ein großes Herz und fast immer eine Idee. Nicht zwangsläufig eine gute. Aber eine Idee. Er ist Freund, Unruhestifter und Ärger-Magnet in einer Person. Wo Barney auftaucht, dauert es selten lange, bis die ersten Fäuste fliegen. Gleichzeitig besitzt er eine Loyalität, auf die sich Andy und Ali jederzeit verlassen können. Gerade diese Mischung macht ihn zur interessantesten Figur des Trios.
Komplettiert wird die Mannschaft durch den Schiffsjungen Ali, der im französischen Original Djinn heißt. Trotz seines jungen Alters ist er in manchen Situationen der Erwachsene an Bord. Er beobachtet genauer, denkt schneller und muss gelegentlich verhindern, dass Barney seiner nächsten großartigen Eingebung folgt. Ein tolles Trio.

Abenteuer der Woche
„Oase in Flammen“ beginnt mit einem Hilfstransport. Medikamente und Lebensmittel sollen zu Menschen im Landesinneren gebracht werden. Das klingt zunächst nach einem überschaubaren Auftrag. Dann gerät die Mannschaft mitten in einen gewaltsamen Aufstand. Es folgen Überfälle, Verfolgungsjagden und reichlich Ärger in der Wüste.
In „Das Gesetz des Taifuns“ gewinnt ein alter Bekannter Barneys beim Kartenspiel eine Perlenfischerei. Vor Ort stellt sich heraus, dass der Gewinn ein paar Nachteile besitzt. Einer davon hat viele Zähne und lebt unter Wasser. Dazu kommen Inselbewohner, die auf Glücksritter nicht unbedingt gewartet haben, und ein Taifun, der sich ebenfalls nicht an den Reiseplan hält.
Das sind klassische „Abenteuer der Woche“-Geschichten. Sie wollen keine tiefenpsychologische Studie sein. Greg führt seine Figuren von einer beinahe sicheren Katastrophe zur nächsten, gönnt ihnen eine kurze Pause und wirft sofort das nächste Problem hinterher. Vieles erinnert an die Abenteuerfilme der 1950er- und 1960er-Jahre. Exotische Orte, raue Männer, gefährliche Tiere, finstere Gegner und Naturgewalten, die genau im ungünstigsten Moment loslegen. Manche Perspektive auf fremde Länder und deren Bewohner trägt dabei sichtbar das Alter der Geschichten. Das lässt sich nicht wegkolorieren. Man kann es einordnen und trotzdem anerkennen, wie präzise Greg und Hermann ihr Handwerk beherrschten. Denn diese Geschichten haben Tempo. Sie besitzen klare Figuren, starke Bilder und ein ziemlich gutes Gespür dafür, wann die nächste Seite umgeblättert werden muss.
Die Erinnerung hält
Nostalgische Rückblicke sind gefährlich. In der Erinnerung waren alte Comics, Filme und Fernsehserien häufig großartig. Schaut man sie sich Jahrzehnte später noch einmal an, stellt sich heraus, dass vor allem die Erinnerung gute Arbeit geleistet hat. Bei Andy Morgan ist das anders. Natürlich stammen diese Abenteuer aus einer anderen Zeit. Sie erzählen geradliniger, lauter und manchmal auch naiver als moderne Comics. Aber sie funktionieren noch immer. Nicht nur als Erinnerung an „ZACK“, sondern als präzise erzählte und hervorragend gezeichnete Abenteuer. Die Deluxe Edition bewahrt diesen Klassiker deshalb nicht einfach auf. Sie zeigt, was immer schon in ihm steckte.
Für mich war die Lektüre eine kleine Zeitreise. Eine, bei der ich nicht enttäuscht zurückgekommen bin. Der alte Haudegen ist tatsächlich ein Held der Zukunft. Und ich habe große Lust auf die Fortsetzung.

Andy Morgan Bd. 1 – Deluxe Edition
Verlag: Avant
Text: Greg
Zeichnungen: Hermann
ISBN: 978-3-96445-169-9
128 Seiten, Hardcover
27 x 36 cm, vierfarbig
Link: https://www.avant-verlag.de/comics/andy-morgan-bd-1-deluxe-edition/
