In 13 Kurzgeschichten erzählt Bianca Bagnarelli von Verlust, Einsamkeit, Nähe und den kleinen Grausamkeiten des Alltags. „Kreaturen“ ist ein stilles Buch. Und gerade deshalb eines, das ziemlich lange nachwirkt.

Manche Menschen begleiten wir ein Leben lang. Andere nur für ein paar Minuten. Wir begegnen ihnen im Zug, beobachten sie im Café oder hören im Vorbeigehen einen Satz, der neugierig macht. Bianca Bagnarelli erzählt in „Kreaturen“ von solchen kurzen Begegnungen. Ihre 13 Geschichten öffnen jeweils ein kleines Fenster. Wir schauen hinein, sehen einen Ausschnitt aus einem Leben und ziehen weiter. Nicht immer wissen wir genau, was vorher passiert ist. Und nur selten erfahren wir, wie es danach weitergeht. Bagnarelli interessiert sich für den Moment dazwischen. Für eine Erinnerung, eine beiläufige Kränkung oder jene Sekunde, in der ein Mensch begreift, dass etwas vorbei ist.

Das verbindende Element dieser Geschichten ist kein gemeinsamer Ort und auch keine durchgehende Handlung. Es ist der Blick auf Menschen, die miteinander leben wollen und es sich dabei erstaunlich schwer machen.

Es geht um Familien, Freundschaften, verpasste Nähe und Einsamkeit. Um junge Menschen, die ihren Platz suchen. Um Trauer, alte Verletzungen und Beziehungen, die längst Risse bekommen haben, obwohl nach außen noch alles ordentlich aussieht. Manchmal genügt ein Blick oder eine kleine Geste, damit sich ein Abgrund öffnet. Bagnarelli muss dafür nicht laut werden. Ihre Figuren erledigen das ganz allein. Der Titel „Kreaturen“ passt deshalb gut. Zwar tauchen in mehreren Geschichten Tiere auf, darunter Fische, Katzen, Hunde und Kaninchen. Die eigentlichen Kreaturen sind aber die Menschen. Wesen, die Nähe suchen, sich gegenseitig beobachten, verletzen und trotzdem nicht voneinander lassen können.

Menschen sind auch nur Kreaturen

So ähnlich der Grundton sein mag, so unterschiedlich sind die einzelnen Geschichten. In „Fish“ versucht der zwölfjährige Milo, mit dem Tod seiner Eltern zurechtzukommen. Er verbringt den Sommer mit seiner Familie an der Côte d’Azur. Eigentlich ist alles da, was einen unbeschwerten Sommer ausmachen könnte. Sonne, Wasser und ein volles Haus. Milo aber sieht überall Vergänglichkeit. Welke Blumen, tote Tiere, die Innereien einer Garnele. Der Tod ist für ihn kein abgeschlossenes Ereignis. Er ist mitgereist. Andere Geschichten erzählen von vergangenen oder möglicherweise nur eingebildeten Liebschaften. Von Menschen, die sich an einen Moment klammern, weil er in der Erinnerung größer geworden ist als in der Wirklichkeit. Bagnarelli zeigt dabei, wie unterschiedlich zwei Menschen dieselbe Begegnung erleben können. Für den einen war es vielleicht ein Wendepunkt. Für den anderen ein Dienstag.

In „Say Hi for Me“ verzichtet sie vollständig auf Dialoge. Das Schweigen ist keine Spielerei, sondern der eigentliche Inhalt. Blicke, Abstände und Bewegungen erzählen, was die Figuren nicht aussprechen können. Man versteht genug. Vielleicht sogar mehr, als einem lieb ist. „The Match“ beginnt mit einem Tennisspiel und übernimmt dessen Rhythmus. Die Panels werden kleiner, der Blick springt hin und her. Aufschlag, Rückschlag, kurze Pause. Form und Geschichte bewegen sich im selben Takt.

„Cara F.“ fällt durch seine beinahe fantastische, futuristische Umgebung auf. Doch auch hier bleibt Bagnarelli bei ihren vertrauten Fragen: Wie richten wir uns im Leben ein? Was brauchen wir wirklich? Und wie viel Nähe halten wir aus? Selbst wenn die Kulisse einer Raumkapsel ähnelt, bleibt das eigentliche Abenteuer ein menschliches.

„Dog Days“ wiederum beginnt mit Tieren und entwickelt daraus eine Geschichte, in der Fürsorge, Überforderung und Unbehagen dicht nebeneinanderliegen. Bagnarelli weigert sich auch hier, ihre Figuren eindeutig einzuordnen. Niemand ist nur sympathisch oder unsympathisch. Die Menschen handeln widersprüchlich, manchmal ungerecht und gelegentlich erschreckend. Also ungefähr so, wie Menschen nun einmal handeln.

Einige Geschichten bleiben zärtlich, andere werden bitter. Mal geht es um Verlust und Trauer, mal um die beiläufige Grausamkeit einer Gruppe. Eine Erzählung nähert sich dem Thriller, eine andere dem Science-Fiction-Comic. Manche enden mit einer überraschenden Wendung, andere scheinen einfach aufzuhören. Doch genau darin liegt ihre Stärke. Bagnarelli erklärt nicht alles. Sie vertraut darauf, dass die Bilder und die Leerstellen ihre Arbeit erledigen.

Ein Jahrzehnt in 13 Geschichten

Bianca Bagnarelli wurde 1988 in Mailand geboren und studierte an der Kunstakademie in Bologna. Von 2010 bis 2018 gehörte sie zu den Gründerinnen des unabhängigen Comiclabels Delebile. Als Illustratorin arbeitet sie für internationale Magazine und Zeitungen wie „The New Yorker“, „The New York Times“, „The Atlantic“, „National Geographic“ und das „Süddeutsche Zeitung Magazin“. Die in „Kreaturen“ versammelten Geschichten entstanden zwischen 2013 und 2024. Einige erschienen zunächst in Magazinen, Anthologien oder als kleine eigenständige Veröffentlichungen. „Fish“ wurde 2014 von der Society of Illustrators in New York mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Dass die Arbeiten aus einem Zeitraum von rund zehn Jahren stammen, ist sichtbar. Strich, Farben und Seitengestaltung verändern sich. Trotzdem wirkt die Sammlung erstaunlich geschlossen. Bagnarellis Handschrift war offenbar früh vorhanden. Sie ist im Laufe der Jahre nur sicherer und präziser geworden.

Viel Raum und wenig Lärm

Bagnarelli zeichnet mit klaren Linien, großen Flächen und einer zurückgenommenen Farbpalette. Pastelltöne bestimmen viele Seiten. Die Kolorierung ist dezent und flächig, manchmal fast wie ein Scherenschnitt. Gesichter werden stark reduziert. Einige Figuren erinnern leicht an Anime-Charaktere, ohne dass sich der Stil eindeutig in diese Richtung bewegt. Die Zeichnungen wirken minimalistisch, aber nie leer. Eine Körperhaltung, eine Hand auf einer Tischkante oder der Abstand zwischen zwei Menschen reichen aus, um eine Beziehung zu beschreiben. Oft braucht es dafür keinen Dialog. Der Text ist ohnehin knapp. Bagnarelli schreibt nur dann etwas in eine Sprechblase, wenn es dort wirklich gebraucht wird.

Mich erinnert diese Gestaltung ein wenig an die Filme von Jacques Tati, besonders an „Mon Oncle“. Nicht als direktes Vorbild, eher als spirituelle Verwandtschaft. Auch Tati arbeitete mit klaren Räumen, moderner Architektur und Menschen, die sich darin manchmal etwas unbeholfen bewegen. Er ließ Situationen wirken, statt sie mit Dialogen zu erklären. Das Komische, Traurige oder Absurde entstand im Bild.

Ähnlich geht Bagnarelli vor. Ihre Panels geben den Figuren Raum und den Geschichten Zeit. Nichts drängt. Nichts ruft nach Aufmerksamkeit. Man gleitet entspannt von einer Erzählung zur nächsten und merkt oft erst ein paar Seiten später, dass die vorherige Geschichte noch immer im Kopf arbeitet. „Kreaturen“ ist deshalb kein Buch, das mit großen Gesten Eindruck machen möchte. Es beobachtet. Still, genau und gelegentlich ziemlich unerbittlich. Die 13 Geschichten erzählen keine vollständigen Leben. Aber sie zeigen jene Augenblicke, in denen sich ein Leben für einen Moment vollständig offenbart.

Kreaturen

Verlag: Reprodukt

Aus dem Italienischen von Myriam Alfano
Lettering: Minou Zaribaf / Font: Bianca Bagnarelli

ISBN 978-3-95640-545-7
224 Seiten, farbig, 15 × 21 cm, Hardcover
25 Euro
Link: https://reprodukt.com/products/kreaturen