In „Ahmadjan und der Wiedehopf“ erzählt Maren Amini die Lebensgeschichte ihres Vaters. Dabei entsteht weit mehr als eine Familienchronik. Die Graphic Novel erinnert an ein Afghanistan voller Kunst, Poesie und kultureller Vielfalt. Politisch ist das Buch trotzdem. Oder gerade deshalb.
Auf dem Cover läuft ein kleiner Mann mit wildem Haar durch das Bild. Unter dem Arm trägt er eine Mappe. Vielleicht sind es auch Bilder. Aus ihr wächst ein gewaltiger Schweif aus Farben, der sich nach oben hin in eine Schar Vögel verwandelt. Daneben hüpft ein kleiner gelber Wiedehopf. Das ist im Grunde schon das ganze Buch. Ein Mann zieht los, um Künstler zu werden. Seine Erinnerungen setzen Farben frei. Und ein Vogel zeigt ihm den Weg. Der Mann heißt Ahmadjan Amini. Er wächst im Pandschirtal in Afghanistan auf und kommt 1972 nach Deutschland. Seine Tochter Maren erzählt von seiner Kindheit, seiner Begeisterung für Kunst, seinen Reisen zwischen Afghanistan und Hamburg, von Aufbruch, Rückkehr, Krieg und dem Versuch, irgendwo anzukommen. Vor allem aber erzählt sie von der Suche nach Freiheit.

Der Vater, die Tochter und die Vögel
„Ahmadjan und der Wiedehopf“ folgt keiner geraden biografischen Linie. Die Lebensgeschichte des Vaters ist mit „Die Konferenz der Vögel“ verwoben, dem großen mystischen Epos des persischen Dichters Fariduddin Attar. Darin machen sich die Vögel auf die Suche nach ihrem König, dem Simurgh. Ihr Weg führt durch sieben Täler. Jedes verlangt eine neue Einsicht. Auch Ahmadjan durchquert solche Täler. Sie heißen bei ihm Armut, Fremdheit, Krieg, Kunst, Verantwortung und Heimat. Verschiedene Vögel begleiten die einzelnen Lebensabschnitte. So wird aus einer Biografie eine Reise, die äußerlich zwischen Afghanistan und Deutschland verläuft und innerlich sehr viel weiter führt.
Dieser Rückgriff auf die persische Literatur ist kein dekorativer Überbau. Er gibt dem Buch seinen Rhythmus und öffnet die Familiengeschichte zu etwas Größerem. Ahmadjans Leben steht für sich. Gleichzeitig erzählt es von Emigration, kultureller Zerrissenheit und der Frage, was Heimat eigentlich noch bedeutet, wenn man sie verlassen musste und nie ganz hinter sich lassen kann. Die Zusammenarbeit von Vater und Tochter ist dabei sichtbar. Maren Amini zeichnet und erzählt, Ahmadjans Erinnerungen und eigene Kunstwerke fließen in den Band ein. Es ist kein Buch über ihn, bei dem er lediglich Material geliefert hat. Es ist ein künstlerisches Gespräch zwischen zwei Generationen.


Mit flinker Hand
Maren Amini zeichnet mit wenigen, schnellen Linien. Die Figuren wirken manchmal, als seien sie gerade erst aufs Papier gekommen. Wie eine Gedankennotiz, die festgehalten werden musste, bevor sie wieder verschwindet. Ahmadjan erkennt man an seinem dunklen Wuschelkopf, andere Figuren an einer Nase, einer Haltung oder einer einzigen Bewegung. Diese Reduktion nimmt der Geschichte nichts. Im Gegenteil. Die vermeintlich flüchtigen Striche lassen Platz für das, was zwischen ihnen geschieht. Gesichter müssen nicht ausformuliert sein, wenn ein gebeugter Rücken oder ein gesenkter Kopf schon alles erzählt. Auch die Seiten folgen selten einem festen Panelraster. Einzelne Szenen stehen frei auf weißem Grund, Erinnerungsstücke liegen nebeneinander, kleine Bildfolgen wechseln sich mit ganzseitigen Kompositionen ab. Manchmal scheint eine Seite eher gesammelt als gebaut. Doch gerade daraus entsteht der besondere Erzählfluss. Das Buch ist ein Mosaik, das erst im Zusammenspiel seine Geschichte erzählt.

Eine frühe Doppelseite zeigt, wie Ahmadjans Großvater ihm drei Dinge fürs Leben mitgibt: das Gute, den Glauben und die Kunst. Links stehen die kleinen Szenen mit viel Weißraum in einem ornamentalen Rahmen. Rechts versucht der Großvater, dem Jungen Gott zu erklären. Ahmadjan antwortet mit einer ziemlich vernünftigen Frage: Wie soll er an Göttliches denken, wenn sein Magen knurrt? Die Erwachsenen lachen. Der Junge nicht. In wenigen Bildern steckt hier sehr viel. Armut, Religion, Zuneigung, Kunst und der Eigensinn eines Kindes. Amini erklärt nichts aus. Sie setzt eine Pointe und vertraut darauf, dass der Widerspruch stehen bleiben darf. Später kommen immer mehr Hippies nach Kabul. Im Park entsteht ein buntes Lager. Ahmadjan erfährt, mit wie wenig Geld sie um die Welt reisen, verkauft seine Schuluniform und kauft sich Hippiekleidung. Auch diese Verwandlung erzählt Amini fast beiläufig. Zwei kleine Figuren, eine Wand, ein paar Stufen, vorher Grau, nachher Farbe. Mehr braucht es nicht, um aus Anpassung Aufbruch zu machen.
Wenn die Farbe übernimmt
Über weite Strecken dominiert das Weiß der Seiten. Dann kommt plötzlich Farbe. Nicht als saubere Kolorierung jeder Fläche, sondern als Akzent, Fleck oder regelrechte Explosion. Das Orange einer Hose, das Rot einer Tischdecke, das Grün einer Landschaft. Oder eben jener Vogelschwarm auf dem Cover, der wie ein übergroßer Flügel aus Ahmadjans Mappe wächst. Farbe steht in diesem Buch oft für Möglichkeiten. Für Kunst, Freiheit und jene Momente, in denen sich die Welt öffnet. In den Bildern aus dem Kabul der Hippiezeit leuchtet sie geradezu. Andere Passagen werden ruhiger und karger. Der Wechsel ist Teil der Erzählung. Er macht Stimmungen sichtbar, ohne sie zu beschriften.

Auch die persische Bildtradition taucht auf. Ornamentale Rahmen, kalligrafische Formen und kräftige Farben treffen auf den lockeren Cartoonstrich. Die ganzseitigen Vogelbilder wirken gesetzter als viele Alltagsszenen. Wo Erinnerungen offen über das Papier treiben, bekommen Mythos und Kultur einen Rahmen. Daneben stehen konkrete historische Bilder. Die Buddha-Statuen von Bamiyan. Der Widerstandskämpfer Ahmad Schah Massoud. In Hamburg das Grünspan, der Anschlag auf das Springer-Hochhaus und besetzte Häuser. Solche Motive verankern die scheinbar leichten Zeichnungen in einer sehr realen Geschichte. Das Buch kann dadurch zeitweise wie ein Geschichtsbuch gelesen werden. Nur eines, das seine Leser nicht mit Jahreszahlen beschießt.
Ein politisches Buch ohne Zeigefinger
„Ahmadjan und der Wiedehopf“ ist politisch, ohne hinter jedem Strich agitativ zu sein. Der Band muss nicht ständig erklären, was von Krieg, Vertreibung, religiösem Fanatismus oder der Unterdrückung von Frauen zu halten ist. Er zeigt, was dabei verloren geht. Das ist seine stärkste Aussage. Afghanistan erscheint hier nicht als ewiger Krisenherd. Es ist ein Land der Gedichte und Geschichten, der Musik, der Bilder und der gesellschaftlichen Vielfalt. Wir sehen Kabul in den Siebzigern, junge Menschen, Künstler, Hippies und Reisende. Später sehen wir, wie diese Offenheit bedroht und zerstört wird.

Ahmadjan will dabei nicht belehren. Das Buch möchte für eine Kultur begeistern, die in westlichen Nachrichten fast nur noch im Zusammenhang mit Krieg und Taliban vorkommt. Damit widerspricht es einem verengten Bild des Landes, ohne daraus eine Unterrichtsstunde zu machen. Der persönliche Blick hilft. Ahmadjan ist keine symbolische Figur, die stellvertretend eine Botschaft abliefern muss. Er ist neugierig, eigensinnig, manchmal zerrissen und immer wieder unterwegs. Sein Leben passt nicht sauber in Begriffe wie Flucht, Integration oder Heimat. Zum Glück. Gerade die Widersprüche machen ihn glaubwürdig.
Maren Amini

Maren Amini wurde 1983 in Hamburg geboren. Sie arbeitet als Illustratorin, Cartoonistin und Comiczeichnerin unter anderem für die „Washington Post“, den „Spiegel“ und das Fraunhofer-Institut. Sie ist Mitglied der Hamburger Cartoonistengruppe „Hamburger Strich“ sowie des Zeichnerinnenkollektivs SPRING. Für „Ahmadjan und der Wiedehopf“ erhielten Maren und Ahmadjan Amini bereits 2023, noch vor Erscheinen des fertigen Bandes, den mit 20.000 Euro dotierten Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung. 2025 wurde Maren Amini außerdem mit dem Sonderpreis „Neue Talente“ Illustration des Deutschen Jugendliteraturpreises ausgezeichnet. Die Jury hob besonders hervor, wie sie die Lebensgeschichte ihres Vaters mit persischer Dichtung verbindet und schweren Themen durch ihren reduzierten, karikaturistischen Stil Leichtigkeit gibt.
Die Kunst bleibt
„Ahmadjan und der Wiedehopf“ erzählt von einem Leben, das von politischen Umbrüchen geprägt wurde. Trotzdem gehören die stärksten Bilder nicht dem Krieg. Sie gehören der Kunst, den Vögeln, der Farbe und einem Mann, der sich nicht damit abfindet, dass die Welt so bleiben soll, wie sie ist. Der erhobene Zeigefinger fehlt. Dafür gibt es schnelle Linien, große weiße Flächen und Bilder, die manchmal wie flüchtige Erinnerungen aussehen. Spielerisch, poetisch und wunderbar leicht. Nicht, weil die Geschichte leicht wäre. Sondern weil Maren Amini weiß, dass Leichtigkeit eine sehr ernsthafte Form des Erzählens sein kann.

Ahmadjan und der Wiedehopf
von Maren und Ahmadjan Amini.
Mit Auszügen aus „Die Konferenz der Vögel“ von Fariduddin Attar und Kunstwerken von Ahmadjan Amini.
Verlag: Carlsen
240 Seiten
Hardcover
26 Euro.
Link:https://www.carlsen.de/hardcover/ahmadjan-und-der-wiedehopf/978-3-551-79971-5