Es gibt Momente, die einem eine liebgewonnene Gewissheit klauen und einem dafür etwas viel Besseres zurückgeben: das Staunen. „Remake – Ikonen der Popkultur“ aus dem Berliner Avant Verlag schafft genau das. Der Niederländer Hanco Kolk nimmt sich in dem Buch die großen Figuren der Popkultur vor – Sherlock Holmes, Dracula, Batman, Micky Maus, Frankenstein – und zeigt in 136 vierfarbigen Seiten, dass hinter jedem dieser vermeintlichen Originale ein ganzer Rattenschwanz an Vorbildern, Mythen und schamlosen Abkupferungen steckt. Wer denkt, Shakespeare habe sich „Romeo und Julia“ selbst ausgedacht, wird hier eines Besseren belehrt. Und wer bei Aschenputtel bislang nur an einen verlorenen Schuh dachte, bekommt von Kolk gleich noch Sigmund Freud mit auf den Weg.
Das ist die Pointe des Bandes: Popkultur war nie originell, sie war immer Remix. Kolk erzählt das nicht als Vorwurf, sondern als Liebeserklärung an eine Kulturgeschichte, in der jede große Idee schon einmal woanders herumgelegen hat, bevor sie jemand aufgehoben, poliert und neu verpackt hat.
Der Zeichner hinter der These



Hanco Kolk, Jahrgang 1957, geboren in Den Helder, gehört zu den prägendsten Figuren des niederländischen Comics. Er war Mitbegründer von Studio Arnhem, einem Kollektiv aus Zeichnern und Autoren, und arbeitete jahrelang anonym für das Donald-Duck-Magazin – eine Schule der Disziplin, die man seinen Linien bis heute ansieht. International bekannt wurde er vor allem durch die Zusammenarbeit mit Peter de Wit, mit dem er die historische Abenteuerserie „Gilles de Geus“ schuf, hierzulande als „Gilles der Gauner“ veröffentlicht. Für seine bissige Satire „Meccano“ über Reichtum und Dekadenz in einem fiktiven Steuerparadies erntete er in Frankreich enormen Zuspruch, 1996 wurde er mit dem Stripschapprijs ausgezeichnet, der höchsten Auszeichnung, die die Niederlande für Comics zu vergeben haben. Sogar für den New Yorker zeichnete er 2006 eine Reihe von Cartoons, und 2017 durfte er sich sogar am belgischen Kulturgut Spirou versuchen. Kurz: Wenn einer weiß, wie man mit wenigen Strichen viel erzählt, dann er. Sein Stil ist linear und über die Jahre immer klarer, immer reduzierter geworden – genau die Sparsamkeit, die es braucht, um auf einer Comicseite Kulturgeschichte, Fußnote und Pointe gleichzeitig unterzubringen, ohne dass es nach Vorlesung aussieht.
Ein Sachbuch mit Sprechblasen
Und genau das ist die eigentliche Leistung des Bandes: Kolk hat aus einem Stoffgebiet, das locker für ein dickes Sachbuch getaugt hätte, eine Graphic Novel gemacht, die man verschlingt wie eine Handvoll Erdnüsse. Die Panels sitzen eng, aber nie beengt, das Timing der Sprechblasen ist so pointiert wie bei einem guten Zeitungsstrip, und immer wieder blitzt der Karikaturist durch, der Kolk nun einmal auch ist – ein Augenzwinkern hier, eine überzeichnete Nase dort. Von Shakespeare zu Disney, von Superhelden zu Monstern springt der Band mit einer Leichtigkeit, die man selten in einem so faktendichten Werk findet. Jede Doppelseite liefert einen neuen Aha-Moment, eine kleine Verbindung, die man vorher nicht sah, und am Ende ergibt das ein großes, überraschend stimmiges Bild davon, wie Geschichten wandern, sich häuten und weiterleben.


Dass sich Micky Maus über Umwege bis zur Schlacht von Hastings zurückverfolgen lässt und Frankenstein plötzlich neben ChatGPT auftaucht, klingt nach Kalauer, ist bei Kolk aber sauber recherchiert und klug montiert. Er nimmt seine Leser nie an die Hand, sondern führt sie über Bildwitz und Timing – die ureigenen Mittel des Comics – zu Erkenntnissen, für die man sonst ein Nachschlagewerk bräuchte.
Der einzige Einwand, den man gegen „Remake“ vorbringen kann: Er ist zu schnell durchgelesen. Kaum hat man die letzte Seite umgeblättert, will man mehr – mehr Ikonen, mehr Ursprünge, mehr von diesem hintergründigen Witz, mit dem Kolk seine Fundstücke präsentiert. Ein Buch, das man sich selbst schenkt und gleich noch ein zweites Mal kauft, für die Person, von der man weiß, dass sie genauso gerne hinter die Kulissen der Popkultur schaut.

Remake IKONEN DER POPKULTUR
Text & Zeichnungen: Hanco Kolk
Übersetzung aus dem Niederländischen von Katrin Herzberg
Verlag: Avant
Veröffentlichung: Juni 2026 | jetzt erhältlich
ISBN: 978-3-96445-159-0
136 Seiten, Flexcover
18 x 25 cm, vierfarbig
29,00 €