Es gibt Bücher, die man nicht liest, sondern stemmt. „Brodecks Bericht“ aus dem Berliner Reprodukt Verlag ist so eins. 328 Seiten, quer gebunden im XXL-Format von fast 30 mal 23,5 Zentimetern, gebunden in schwerem Hardcover-Karton – wer den Band aus dem Regal zieht, spürt zuerst das Gewicht in den Händen, bevor er das Gewicht der Geschichte in der Brust spürt. Das Querformat ist keine Marotte, es ist Notwendigkeit: Manu Larcenet braucht die Breite, um seine Panoramen der Landschaft, seine überbreiten Panels aus Schnee und Wald auszubreiten, in denen die Menschen manchmal nur noch kleine, gebeugte Punkte sind. Man blättert dieses Buch nicht, man schreitet es ab.

Der Zeichner und seine Wende ins Dunkle

Manu Larcenet, geboren 1969 in Issy-les-Moulineaux, war lange der komische Kopf der französischen Comicszene, bevor er zu einem ihrer düstersten wurde. Seine Karriere begann 1994 bei Fluide Glacial, und mit „Le Combat ordinaire“ – bei uns unter dem Titel „Der alltägliche Kampf“ erschienen – wurde er zu einem der wichtigsten frankophonen Autoren seiner Generation, ausgezeichnet 2004 mit dem Fauve d’Or, dem wichtigsten Preis, den Angoulême zu vergeben hat. Doch die Wende kam mit „Blast“, vier Bänden voller komplexer, düsterer, tragischer Gewalt, in denen sich neben aller Finsternis auch eine schroffe Menschlichkeit Bahn bricht – ein Werk, das zeigte, wie weit Larcenet gehen kann, wenn er die Pointe hinter sich lässt und sich der Abgründigkeit zuwendet. „Brodecks Bericht“ war seine erste Literaturadaption überhaupt, später folgte mit Cormac McCarthys „Die Straße“ noch eine zweite. Für Brodeck wurde er belohnt: 2018 mit dem Rudolph-Dirks-Award in den Kategorien Historisches Drama und Literaturadaption, von der Jury des Tagesspiegel zum Comic des Jahres 2017 gekürt.

Larcenets Vorlage stammt von Philippe Claudel, 1962 in Dombasle-sur-Meurthe in Lothringen geboren, einem Autor, der seine Romane meist dort ansiedelt, wo er selbst herkommt: in kleinen, eingeschworenen Dorfgemeinschaften am Rand der großen Geschichte. Sein Roman „Le rapport de Brodeck“ gehörte 2007 in Frankreich zu den meistverkauften Titeln und wurde mit dem Prix Goncourt des Lycéens ausgezeichnet. Claudel erzählt darin von einem Dorf im deutsch-französischen Grenzland, kurz nach einem großen Krieg, der nie beim Namen genannt wird, aber unverkennbar ist. Ein Fremder taucht auf, ein Gelehrter, ein Anderer – und wird von der Dorfgemeinschaft erschlagen. Brodeck, selbst einst als Fremder gebrandmarkt und ins Lager verschleppt, wird gezwungen, einen Bericht zu schreiben, der die Tat rechtfertigt. Je tiefer er gräbt, desto klarer wird: Wer schreibt, wird selbst zur Zielscheibe. 

Tusche, Schnee, keine Gnade

Larcenet übersetzt diesen Stoff in ein Schwarzweiß, das keine halben Sachen macht. Kein Grauton mildert hier etwas ab – es ist tiefschwarze Tusche gegen gleißend weiße Schneeflächen, oft mit der Bürste zerkratzt, roh, fast wütend aufgetragen. Die Gesichter der Dorfbewohner sind zerfurcht, schwer, wie aus Stein gehauen, jede Falte erzählt von Misstrauen und Angst. Man spürt förmlich, wie die Kälte des Winters und die Kälte der Schuld ineinanderfließen. Die Panels atmen selten auf, die Bedrohung sitzt in jedem Bild, auch wenn gerade niemand spricht. Genau darin liegt die große Kunst dieser Adaption: Larcenet erzählt nicht nach, er verdichtet. Wo Claudels Prosa in Erinnerungsschleifen mäandert, findet Larcenet einzelne, monumentale Bilder, die die ganze Ausweglosigkeit eines Dorfes einfangen, das sich lieber in Schweigen und Gewalt flüchtet, als der eigenen Schuld ins Gesicht zu sehen.

Das Ergebnis ist keine leichte Lektüre. Es ist ein Buch, das einen festhält und nicht mehr loslässt, das lange nachwirkt, wenn man es längst zugeklappt hat. Ein Eindruck, der bleibt – wie ein Nachbild, das man auch mit geschlossenen Augen noch sieht.

Dass Reprodukt sich traut, so einen opulenten, kompromisslosen Band in dieser Größe und diesem Gewicht auf den Markt zu bringen – wohl wissend, dass ein 39-Euro-Hardcover im Querformat kein Massenpublikum findet, sondern eine kleine, aber treue Leserschaft –, verdient Respekt. Man merkt auf jeder Seite dieses Verlags die Liebe zur neunten Kunst, den Willen, ihr den Raum zu geben, den sie braucht, statt sie in handliche Taschenbuchformate zu pressen. „Brodecks Bericht“ ist so gesehen auch ein Statement: Comics dürfen schwer sein. Im besten Sinne.

Brodecks Bericht

von Manu Larcenet nach dem Roman von Philippe Claudel

Verlag: Reprodukt:

ISBN 978-3-95640-523-5 
328 Seiten, schwarzweiß, 29 x 23,5 cm, Hardcover

1. Auflage: Juni 2026
39 Euro
Link: https://reprodukt.com/products/brodecks-bericht-1