Die Nachbarin hatte ein Paket für mich angenommen. Als ich es abholte, deutete sie auf den Karton und ließ mich selbst zugreifen. Er sah harmlos aus, bis ich ihn anhob. 6,13 Kilogramm, wie sich später herausstellte. Ich bedankte mich etwas hastig, denn ich wusste, was darin steckte: zwei Bände über das gerade eröffnete Lucas Museum of Narrative Art in Los Angeles. Von den Plänen, der Architektur und der Sammlung hatte ich schon viel gehört. Nun konnte ich mir endlich selbst ein Bild machen, zumindest von einem Teil davon. Und was für ein Bild das ist.

Schon nach wenigen Seiten wird klar, worum es George Lucas und dem Museum geht. Wir Menschen erzählen uns Geschichten, und Bilder sorgen dafür, dass wir sie nicht so schnell vergessen. Manchmal reichen eine Geste, eine Pose oder ein Blick, um eine ganze Welt aufzurufen. Beim Blättern erkenne ich Motive wieder, die längst zu meinem eigenen Bildervorrat gehören, und entdecke andere zum ersten Mal. Interessant ist, wie viel beide Gruppen miteinander zu tun haben: Künstler greifen Bilder und Erzählweisen auf, verändern sie und geben sie weiter.
Tausend Werke, eine Story
Die Auswahl ist entsprechend weit. Norman Rockwells Szenen aus dem amerikanischen Alltag stehen neben Frank Frazettas Fantasywelten, Kinderbuchillustrationen neben Fotografien von Menschen wie Muhammad Ali und Barack Obama. Ein eigenes Kapitel führt durch die Entstehung von Star Wars, von Konzeptzeichnungen und Produktionsbildern bis zu Kostümen und Fahrzeugen. Wer sich länger mit einzelnen Abbildungen beschäftigt, merkt, wie unterschiedlich diese Arbeiten ihre Geschichten erzählen. Das eine Bild hält einen historischen Moment fest, das nächste lässt eine Welt glaubhaft erscheinen, die es vorher noch gar nicht gab.

Storyboard for Le voyage dans la lune (A Trip to the Moon), 1902.

George Washington Carver
Crossing the Delaware:
Page from an American History
Textbook, 1975. Acrylic on
canvas, 78 1/2 x 98 1/4 in.
(199.4 x 249.6 cm)
© Estate of Robert Colescott / VG


Self-Portrait Dedicated to Dr. Eloesser), 1940. Oil on board, 23 3/8 x 15 3/4 in. (59.7 x 40 cm) 2026 Banco de México Diego Rivera Frida Kahlo Museums Trust,
Mexico, CDMX / Artists Rights Society (ARS), New York

The Storybook, cover for Ladies’ Home Journal, March 1922. Oil on canvas, 38 x 31 1/2 in. (96.5 x 80 cm) Wyeth visualizes imagination as an active force, enhancing the image of a child absorbed in reading with scenes of adventure unfolding in his mind. Through bold composition and vivid color, Wyeth bridges interior fantasy and external reality, affirming illustration’s power to transform narrative into immersive visual experience.

Age of Romance, cover for The Saturday Evening Post,
November 10, 1923. Oil on canvas, 30 x 24 in. (76.2 x 61 cm)

Illustration for Three
Stalks of Corn, 1978. Mixed media
on board, 18 1/4 x 28 5/8 in.
(46.4 x 72.7 cm)
Leo Politi Estate

Towards Los Angeles (detail), 1937.
Gelatin silver print, 10 5/8 x 13 3/4 in. (27 x 34.9 cm)
Für Sprechblasen ist besonders der zweite Band ein Vergnügen. Comics, Graphic Novels und Karikaturen bekommen hier den Platz, der ihnen zusteht. Gleich zu Beginn schaut mich Alfred E. Neuman an. Das ist eine schöne Erinnerung daran, dass man sich mit Kunst ernsthaft beschäftigen und dabei Spaß haben kann. Robert Crumb bekommt ebenfalls seinen verdienten Auftritt und versaut die Sache ein wenig, was durchaus zu dieser Reise durch die Bilderwelt passt. Der Blick auf die grafische Literatur ist stark amerikanisch geprägt. Ihre Figuren, Erzählweisen und Bildideen haben allerdings weit über die USA hinaus Spuren hinterlassen, lange bevor wir den ganzen Tag von bewegten Bildern umgeben waren.

Cover for Captain America, no. 109, 1969. Ink and graphite on board, 17 x
11 1/2 in. (43.2 x 29.2 cm)
© Marvel

Cover for Sonámbulo: Mexican Stand-Off, 2006. Acrylic on
canvas, 24 x 18 3/4 in. (60.9 x 45.7 cm)
© Rafael Navarro

Enric transforms the cult horror heroine into a figure of gothic seduction and supernatural power. Combining the sensuality of pulp illustration with the shadowy visual language of classic horror cinema, Enric’s work became central to the enduring identity of Vampirella, helping define the character’s iconic presence within late 20th-century fantasy and comic art culture.
Vampirella® & © Dynamite Entertainment. All Rights Reserved.

The Huntress (Lenda), cover for Julie Bell: Soft as Steel, 1996.
Oil on paper on board, 26 1/2 x 16 5/8 in. (67.3 x 42.2 cm)
copyright Julie Bell, 2026, all rights reserved

Gaviota (The Seagull), ca. 1950.
Oil on canvas, 38 3/4 x 31 in. (98.4 x 78.7 cm)
© 2021 Herederos de Jesús Helguera. Derechos reservados

Mothman, cover for High
Times, no. 57, May 1980. Oil
on canvas board, 18 x 24 in.
(45.7 x 61 cm)
© Frank Frazetta. Licensed by Frazetta Girls LLC
Drei Arten, das Buch zu erleben
Ich habe die Bücher auf drei Arten gelesen. Beim ersten Mal habe ich einfach geblättert. Im ersten Band blieb ich vor allem bei den Kinderbuchgeschichten und ihren Illustrationen hängen, später bei den Fotografien. Vieles würde ich mir sofort großformatig an die Wand hängen, wenn ich nur annähernd so viele freie Wände hätte. Die großen Seiten und die gute Papierqualität kommen diesem Wunsch immerhin entgegen.
Beim zweiten Durchgang las ich die begleitenden Texte. Sie erzählen von Künstlern und Motiven, liefern Hintergründe und helfen bei der zeitlichen Einordnung. Gerade Bilder, die mir schon ewig vertraut vorkommen, hätte ich nicht immer im richtigen Jahrzehnt verortet. Mit den Texten wird aus dem Blättern ein geführter Rundgang. Fast hätte ich gern einen Audioguide dazu. Oder, noch besser, einen Begleitpodcast zum Buch.
Beim dritten Mal blieb ich länger an einzelnen Arbeiten hängen. Ich studierte Comicseiten, erinnerte mich an Filme und ließ mich von historischen Fotografien an Momente erinnern, die ich nur aus Bildern kenne. Irgendwann fiel mir Die unendliche Geschichte ein. So weit, dass ich selbst in die Seiten hineingezogen werde, geht es hier natürlich nicht. Aber eine Geschichte braucht jemanden, der sie betrachtet und weitererzählt. Als Leser bin ich daran beteiligt, ob ich will oder nicht.


Ein folgerichtiges Museum
Dass ausgerechnet George Lucas ein Museum für erzählende Bilder mitbegründet hat, erscheint mir folgerichtig. Ich lernte seine Arbeit durch American Graffiti von 1973 kennen, einen Film über junge Menschen im Amerika der frühen Sechziger. Die Musik, die Autos und die Gespräche über die eigene Zukunft beeindruckten mich schon als Kind. Lucas hatte ein Gespür für Menschen und für die Popkultur, in der sie lebten. Vier Jahre später kam Star Wars ins Kino. Wie viel diese beiden Filme trotz aller Unterschiede miteinander verbindet, wurde mir erst später klar: Lucas wusste, wie Bilder und Musik eine Geschichte im Gedächtnis verankern.
Das Museum, das er gemeinsam mit Mellody Hobson gegründet hat, ist seit dem 22. September 2026 im Exposition Park von Los Angeles geöffnet. Ma Yansong und sein Büro MAD haben das auffällige Gebäude entworfen. In 35 Galerien geht es um Themen wie Familie, Kindheit, Arbeit und Abenteuer. Gemälde, Illustrationen, Comics, Fotografien und Filmobjekte begegnen einander dort als Formen des Erzählens. Die Sammlung umfasst mehr als 40.000 Werke; der Katalog kann davon nur einen Ausschnitt zeigen. Erwachsene zahlen 25 US-Dollar Eintritt, Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre kommen kostenlos hinein.
Schön und schwer
Auch als Gegenstand ist der das Couchtable-Book ein Ereignis. TASCHEN hat die 832 englischsprachigen Seiten auf zwei Hardcover-Bände verteilt und in einen Schuber gesteckt. Vorworte von George Lucas und Guillermo del Toro begleiten den Rundgang. Mit 24,3 × 30,4 Zentimetern und besagten 6,13 Kilogramm ist das keine Lektüre für unterwegs. Die Bilder bekommen auf dem guten Papier Raum, Details lassen sich in Ruhe betrachten, und der Schuber hält die beiden Schwergewichte zusammen. 175 Euro sind viel Geld für Bücher. Angesichts des Umfangs, der Verarbeitung und der Möglichkeit, immer wieder anders durch die Sammlung zu streifen, finde ich den Preis angemessen. Betrachtet man die Kosten, die eine Reise nach Los Angeles kosten würde, dann ist der Preis des Buches sogar ein echtes Schnäppchen – und man muss sich an keine Öffnungszeiten halten.



Zwischen Werbung und Propaganda, Sport und Politik, kindlicher Fantasie und den weniger jugendfreien Seiten der Comicgeschichte hätte diese Sammlung leicht auseinanderfallen können. Der Gedanke des Geschichtenerzählens hält sie zusammen. Den nächsten Rundgang kann ich jederzeit antreten. Ich brauche nur einen Tisch, der das Gewicht aushält.

Lucas Museum of Narrative Art
Verlag: Taschen
Hardcover
2 Bände im Schuber
24.3×30.4 cm
6.13 kg
832 Seiten
ISBN 978-3-7544-0564-2
Ausgabe: Englisch
Preis: 175 Euro
Link: https://www.taschen.com/de/books/art/08198/lucas-museum-of-narrative-art/
