Erst kürzlich habe ich an dieser Stelle Manu Larcenets „Brodecks Bericht“ besprochen. Ein düsteres, wuchtiges Werk, bei dem schon die ersten Seiten klarmachen, dass es hinab in menschliche Abgründe geht. „Der alltägliche Kampf“ wirkt dagegen zunächst fast harmlos. Die Zeichnungen sind niedlich, die Figuren grob gezeichnet. Hier eine gewaltige Nase, dort dünne Ärmchen, dazwischen ein Kater, dessen Laune man lieber nicht persönlich nehmen sollte. Die Panels sind bunt, die Farben mitunter fast künstlich. Das sieht nach klassischem Comic aus und bedient sogar ein wenig das Klischee, das viele Menschen noch immer von Comics haben.

Man sollte sich davon nicht täuschen lassen.

Im Mittelpunkt steht Marco, ein Fotograf, der sich aufs Land zurückgezogen hat. Er hat in Krisengebieten gearbeitet, zu viel gesehen und irgendwann aufgehört, den Tod zu fotografieren. Das klingt zunächst nach einer vernünftigen Entscheidung. Allerdings weiß Marco nicht, was er stattdessen aufnehmen soll. Alles andere erscheint ihm banal. Also fotografiert er gar nicht mehr und verbringt seine Zeit meistens allein, manchmal mit seinem Bruder und gelegentlich bei seinem Psychologen. Der hört ihm allerdings kaum noch zu und verteilt Ratschläge, die vermutlich schon vor Marco im Raum waren. Marco wiederum geht vor allem deshalb hin, weil er es seit Jahren so macht. Eine therapeutische Beziehung, die sich eingerichtet hat wie ein altes Sofa. Besonders bequem ist sie nicht, aber zum Aufstehen fehlt ebenfalls die Energie. Überhaupt kann Marco vieles nicht. Oder glaubt zumindest, es nicht zu können. Er kann nicht arbeiten, sich nicht entscheiden und schon gar nicht sein Leben verändern. Gleichzeitig spürt er sehr genau, dass es so nicht weitergehen kann. Damit beginnt sein alltäglicher Kampf.

Ein fremdes Leben, das plötzlich vertraut wird

Beim Lesen kam es mir vor, als würde ich eine sehr gute Doku-Serie sehen und einen ihrer Protagonisten über Jahre begleiten. Anfangs schaut man noch von außen zu. Dann lernt man die Menschen kennen, versteht ihre Eigenarten und sitzt irgendwann gedanklich mit ihnen am Küchentisch. Larcenet erzählt von Ängsten und Depressionen, von Liebe und Einsamkeit, von Familie, Freundschaft und Verlust. Es geht um das Älterwerden, um Verantwortung und um die Frage, ob wir unser Leben wirklich selbst gestalten oder lediglich auf das reagieren, was uns zustößt. Große Themen, die hier allerdings nicht wie große Themen angekündigt werden. Sie tauchen im Alltag auf. Beim Besuch der Eltern, im Streit mit dem Bruder, bei einer Begegnung im Wald oder in einem Gespräch, das scheinbar ganz beiläufig beginnt und plötzlich alles verändert.

Die Geschichte erschien ursprünglich in vier Kapiteln. Das erste wurde 2004 beim Comicfestival in Angoulême als bestes Album ausgezeichnet. In der Gesamtausgabe lässt sich besonders gut verfolgen, wie Marco sich verändert. Nicht mit einem großen Knall und schon gar nicht geradlinig. Er macht Fortschritte, weicht zurück, trifft Entscheidungen und zweifelt gleich wieder an ihnen. So, wie Menschen das eben tun. Beim Lesen fuhren meine Gefühle Achterbahn. Ich musste laut lachen und hatte wenig später Tränen in den Augen. Ich war bewegt, wütend, manchmal auch abgestoßen. Vor allem wollte ich wissen, wie es mit diesen Menschen weitergeht.

Das ist eine der großen Stärken von Larcenet. Seine Figuren sehen mit ihren großen Nasen, kleinen Augen und schlaksigen Körpern wie Karikaturen aus, sind aber messerscharf charakterisiert. Ein Blick, eine Körperhaltung oder eine beiläufige Bemerkung reicht, um eine ganze Beziehung offenzulegen. Je länger man Marco und die anderen begleitet, desto weniger nimmt man den groben Zeichenstil wahr. Irgendwann sind es keine Comicfiguren mehr. Es sind Menschen, um die man sich sorgt.

Eine Familie mit offenen Rechnungen

Wir besuchen Marcos Eltern und erfahren nach und nach mehr über ihre Geschichte. Wir lernen die Werft kennen, in der der Vater gearbeitet hat, und die Männer, deren Leben mit diesem Ort verbunden ist. Wir treffen Émilie, eine Tierärztin, die sich von Marcos gepflegter Unentschlossenheit nicht dauerhaft beeindrucken lässt. Und wir begegnen einem alten Mann, dessen Vergangenheit im Algerienkrieg einen dunklen Schatten auf die Gegenwart wirft.

So öffnet sich die Geschichte immer weiter. Aus Marcos persönlicher Krise wird ein Comic über Familie, Arbeit und gesellschaftlichen Wandel. Die Werft ist nicht bloß ein Hintergrund für ein paar Szenen. Sie steht für Biografien, für Stolz und Zusammenhalt, aber auch für eine Arbeitswelt, die verschwindet. Gleichzeitig geht es um das Schweigen der Väter, um Schuld und um die Frage, wie viel man über die Menschen wissen kann, die einem besonders nahestehen. Larcenet löst diese Themen nicht sauber auf. Zum Glück. Er lässt Widersprüche stehen und traut seinen Figuren zu, zugleich liebevoll, feige, großzügig und ungerecht zu sein. Genau dadurch wirken sie glaubwürdig.

Wenn die Bilder plötzlich die Wahrheit sagen

Ein besonderer Kunstgriff sind die Fotografien des Protagonisten. Während Marcos Leben in einem fast kindlich wirkenden Comicstil erzählt wird, erscheinen seine Aufnahmen realistisch und monochrom. Plötzlich verschwinden die bunten Flächen, die großen Nasen und die überzeichneten Körper. Aus den Figuren werden Gesichter, in denen sich ein ganzes Leben ablesen lässt.

Das ist mehr als ein optischer Kniff. Marco schafft es lange nicht, sein eigenes Leben klar zu betrachten. Sobald er jedoch die Kamera auf andere richtet, sieht er erstaunlich genau. Seine Fotografien geben den Arbeitern der Werft eine Würde und Tiefe, die ihnen niemand erklären muss. Gleichzeitig verschwimmen dadurch Wirklichkeit, Erinnerung und Wahrnehmung. Was ist realer: die bunte Welt, in der Marco lebt, oder das monochrome Bild, das er daraus auswählt? Auch der Zeichenstil selbst verändert sich im Laufe des Buches. Er wird nicht plötzlich realistisch, gewinnt aber an Ruhe und Tiefe. Die Bilder wachsen gewissermaßen mit ihren Figuren.

Bereits fürs Kino adaptiert

Eine Verfilmung ist nicht nur geplant, sie existiert bereits. Der französische Regisseur Laurent Tuel brachte „Le Combat ordinaire“ 2015 mit Nicolas Duvauchelle als Marco und Maud Wyler als Émilie ins Kino. Der Film greift die ersten drei Kapitel der Comicreihe auf. In Deutschland ist die Adaption allerdings weit weniger bekannt als ihre Vorlage. Weitere Informationen bietet der französische Verlag Dargaud.

Ob es diesen Film wirklich braucht, ist eine andere Frage. Gerade der Gegensatz zwischen den karikaturhaften Figuren und Marcos realistischen Fotografien erzählt etwas, das sich nur schwer in reale Bilder übersetzen lässt. Larcenets Zeichnungen zeigen nicht einfach eine Geschichte. Sie sind ein Teil ihrer Bedeutung.

Eine angemessene Gesamtausgabe

Reprodukt versammelt alle vier Kapitel auf 252 Farbseiten. Das Hardcover im Format 19 mal 25,5 Zentimeter ist stabil, liegt aber trotz seines Umfangs noch angenehm in der Hand. Die kompakte Größe passt gut zu dieser intimen Geschichte. „Der alltägliche Kampf“ ist kein Prunkband, der auf dem Tisch Eindruck schinden will. Es ist ein Buch, mit dem man mehrere Abende verbringen und dem man dabei sehr nahekommen kann. Auch das zurückhaltende Cover passt dazu. Es verspricht kein großes Drama, sondern deutet das Leben an, das sich zwischen diesen Buchdeckeln entfaltet. Erst beim Lesen erkennt man, wie viel Melancholie darin steckt.

Das Papier ist angenehm unaufdringlich und lässt sowohl die bewusst künstlich wirkenden Farben als auch die monochromen Fotosequenzen zur Geltung kommen. Gerade diese Wechsel profitieren davon, dass die Seiten nicht wie Hochglanzbilder strahlen. Übersetzung und Handlettering fügen sich so selbstverständlich in die Zeichnungen ein, dass man schnell vergisst, eine übertragene Ausgabe zu lesen. Mit 35 Euro ist die Gesamtausgabe bei Reprodukt zudem fair kalkuliert. Vor allem ist es die richtige Form für diese Geschichte. Die vier Kapitel gehören zusammen, weil erst die Zeit aus Marcos Krise ein Leben macht.

Fazit

Selten hat mich in den vergangenen Jahren ein Comic so bewegt und gleichzeitig so entzückt wie „Der alltägliche Kampf“. Manu Larcenet beginnt mit einer scheinbar banalen Geschichte und zieht einen unmerklich in ein fremdes Leben. Man lacht über die Figuren, leidet mit ihnen und erkennt sich gelegentlich in Momenten wieder, in denen man das gar nicht geplant hatte.

Der Titel klingt nach Routine, nach Mühe und nach den kleinen Niederlagen zwischen Frühstück und Feierabend. Doch von wegen alltäglich. Dieses Werk ist etwas ganz Besonderes.

Der alltägliche Kampf

Verlag: Reprodukt
Manu Larcenet
Aus dem Französischen von Barbara Hartmann und Kai Wilksen
ISBN 978-3-941099-26-5
252 Seiten
farbig
19 x 25,5 cm
Klappenbroschur
Preis: 29 Euro
Link: https://reprodukt.com/products/der-alltagliche-kampf-gesamtausgabe-manu-larcenet