Auf Seite zwei fällt John Difool in die Tiefe. Kopfüber. Unter ihm öffnet sich der Abgrund einer gigantischen Stadt, und eigentlich müsste seine Geschichte damit schon wieder vorbei sein. Ist sie natürlich nicht. Im Gegenteil. Genau hier beginnt sie erst richtig. Es ist eines dieser Bilder, die man nicht mehr vergisst. Und gleichzeitig eine ziemlich gute Zusammenfassung von „Der Incal“. John Difool fällt. Von einer Ebene in die nächste, von einer Katastrophe in die folgende, von einer Erkenntnis in den nächsten Wahnsinn. Er sucht das Abenteuer nicht. Das Abenteuer hat leider seine Adresse.

Difool ist Privatdetektiv, Feigling, Opportunist, Egoist und ganz sicher nicht der Mann, dem man freiwillig die Rettung des Universums anvertrauen würde. Genau deshalb bekommt er den Job. Ein sterbender Mutant drückt ihm den Incal in die Hand, ein mysteriöses Objekt von gewaltiger Macht. Kurz darauf sind so ziemlich alle hinter ihm her, die in diesem Universum Rang, Namen, Waffen oder religiöse Allmachtsfantasien besitzen. Und irgendwann wird aus dem kleinen Privatdetektiv ein Auserwählter. Vielleicht. Er wird Vater und Liebender, lange bevor er selbst begreift, was da eigentlich passiert. Er wird zum Schlüssel für andere Dimensionen. Wobei „Dimensionen“ bei Jodorowsky ohnehin ein ziemlich dehnbarer Begriff ist. Verwirrend wie eine Steuererklärung, großartig wie ein Wochenende im Bonbonladen.

Zwei Männer, ein gescheiterter Film und sehr viele Ideen

Um „Der Incal“ zu verstehen, muss man ein paar Jahre zurückgehen. Mitte der 1970er wollte Alejandro Jodorowsky Frank Herberts „Dune“ verfilmen. Wobei „verfilmen“ vermutlich ein zu kleines Wort für das ist, was ihm vorschwebte. Jodorowsky versammelte eine Mannschaft, die heute wie das Ergebnis einer sehr langen Nacht klingt: Orson Welles, Mick Jagger, David Carradine und Salvador Dalí sollten mitspielen. Dalí war als Imperator vorgesehen. Pink Floyd sollten Musik liefern, H. R. Giger arbeitete am Design, Chris Foss an Raumschiffen und Jean Giraud, besser bekannt als Moebius, an Figuren, Welten und Storyboards. Mehr als 3.000 davon entstanden während der jahrelangen Vorbereitung. Natürlich wurde dieser Film nie gedreht.

Eigentlich erstaunlich. Die Kosten liefen davon, die geplante Laufzeit ebenfalls, und irgendwann fanden sich keine Geldgeber mehr, die bereit waren, Jodorowsky bei seinem ziemlich entschlossenen Versuch zu unterstützen, mit einem Science-Fiction-Film gleich noch das menschliche Bewusstsein zu verändern. Das Projekt starb. Seine Ideen hatten allerdings offenbar andere Pläne. Jodorowsky und Moebius arbeiteten weiter zusammen und ließen einiges von dem, was sie für „Dune“ entwickelt hatten, in ihre Comics einfließen. Ende 1980 begann „Der Incal“ im französischen Magazin „Métal Hurlant“. Aus dem gescheiterten Film entstand damit etwas, das vielleicht noch einflussreicher wurde. 

Wer tiefer in diese wunderbare Geschichte des Scheiterns einsteigen will, sollte sich Frank Pavichs Dokumentarfilm „Jodorowsky’s Dune“ ansehen. Und wer noch tiefer in Jodorowskys Kopf möchte, dem sei unsere Rezension seiner gewaltigen Werkschau „Art Sin Fin“ aus dem Taschen-Verlag empfohlen. Ein Mann, dessen Leben man kaum in zwei Bänden unterbringen kann. Und die wiegen zusammen schon 14 Kilo. 

Moment mal, das kenne ich doch

Beim Lesen von „Der Incal“ passiert ständig etwas Merkwürdiges. Man glaubt, Dinge wiederzuerkennen. Eine Figur. Eine Stadt. Ein Raumschiff. Eine Bildidee. Star Wars? „Das fünfte Element“? „Alien“? Irgendetwas klingelt dauernd im Science-Fiction-Gedächtnis. Bei „Star Wars“ ist allerdings die Zeitachse der Spielverderber. George Lucas konnte sich für den ersten „Star Wars“ und „Das Imperium schlägt zurück“ schlecht beim „Incal“ bedienen. Beide Filme waren bereits erschienen, als John Difool Ende 1980 erstmals durch die Seiten von „Métal Hurlant“ fiel. Interessanter ist deshalb, wie viele Ideen und Künstler aus Jodorowskys gescheitertem „Dune“-Projekt später überall in der Science-Fiction auftauchten. Gerade H. R. Giger, Dan O’Bannon und Moebius hinterließen anschließend kräftige Spuren im Kino. 

Bei „Das fünfte Element“ wird die Familienähnlichkeit noch deutlicher. Moebius arbeitete selbst am visuellen Konzept von Luc Bessons Film. Wegen der Ähnlichkeiten zum „Incal“ kam es später sogar zu einem Rechtsstreit, den Jodorowsky verlor.  Man muss also gar nicht behaupten, alle hätten beim „Incal“ abgeschrieben. Viel spannender ist etwas anderes: Wenn man diesen Comic heute liest, versteht man plötzlich, woher sehr vieles kommt, was wir inzwischen für ganz normale Science-Fiction halten.

Moebius baut eine Welt, in der alles möglich ist

Dass der Wahnsinn funktioniert, liegt vor allem an Moebius. Jean Giraud führte praktisch zwei Künstlerleben. Als Gir zeichnete er mit Jean-Michel Charlier den Westernklassiker „Blueberry“. Als Moebius verabschiedete er sich von fast allen Grenzen und erschuf Werke wie „Arzach“ und „Die hermetische Garage“. Dazu kamen Arbeiten für Filme wie „Alien“, „Tron“ und später „Das fünfte Element“.  Wer wissen möchte, warum wir bei Sprechblasen ziemlich hemmungslos von Moebius schwärmen, kann unsere Rezension zu „Die hermetische Garage: Jäger und Gejagter“ lesen. Dort wird sehr deutlich, was diesen Zeichner so besonders macht: Bei Moebius können Realität, Traum und völliger Unsinn direkt nebeneinanderstehen. Man hinterfragt das erstaunlich selten. 

Beim „Incal“ bekommt diese Fähigkeit ein ganzes Universum. Moebius zeichnet gigantische Städte und winzige Wohnungen, groteske Wesen und fast beiläufige Gesten. Er baut aus ein paar Linien Räume, in denen man sofort weiterlaufen möchte. Manchmal nur, um zu sehen, was hinter der nächsten Ecke liegt. Das Erstaunliche ist die Klarheit. Jodorowsky wirft Religion, Politik, Philosophie, Sex, Gewalt, Mystik, Gesellschaftskritik und Space Opera gleichzeitig in den Mixer. Moebius sorgt dafür, dass man trotzdem noch erkennt, wo oben und unten ist.

Meistens jedenfalls. Jedes erneute Lesen fördert neue Details hervor. Irgendeine Figur im Hintergrund, eine Architektur, ein kleines Schild, eine Bewegung. Selbst Panels, über die man beim ersten Mal hinwegliest, können beim nächsten Durchgang plötzlich hängen bleiben. Vielleicht ist das die größte Qualität dieses Comics. Man kann sich darin verirren, ohne verloren zu gehen.

Es darf ruhig ein bisschen blasphemisch sein

Natürlich ist „Der Incal“ keine reine Leistungsschau fantastischer Zeichnungen. Jodorowsky wäre auch gar nicht in der Lage gewesen, einfach nur eine nette Weltraumgeschichte zu erzählen. Kirche, Staat, Militär und Obrigkeit bekommen ihr Fett weg. Religion wird zur Show, Macht zur Karikatur, gesellschaftlicher Aufstieg zur grotesken Farce. Aber Jodorowsky macht es sich nicht einfach und schiebt alles auf die da oben. Auch die da unten kommen schlecht weg. Die Angepassten, die Mitläufer, die sensationsgierige Masse.

Es wird obszön, blasphemisch, albern und philosophisch. Oft innerhalb weniger Seiten. „Der Incal“ ist subversiv. Natürlich ist er das. Das steckt in der DNA seiner beiden Schöpfer. Trotzdem fühlt sich der Comic erstaunlicherweise nie wie ein politisches Pamphlet an. Dafür haben Jodorowsky und Moebius viel zu viel Freude am Spielen. Sie wollen offensichtlich provozieren. Noch lieber wollen sie aber sehen, was passiert, wenn man die nächste Tür öffnet.

Und dann noch eine.

Und noch eine.

Splitter packt alles zwischen zwei Buchdeckel

Nun könnte man den sechsbändigen Zyklus einfach wieder neu auflegen und zum Jubiläum eine goldene 20 auf den Umschlag drucken. Splitter macht erfreulicherweise etwas mehr. Zum 20. Geburtstag des Verlags erscheint „Der Incal“ als auf 1.000 Exemplare limitierte Gesamtausgabe. 376 großformatige Seiten, Hardcover mit Leinenrücken, klassische ursprüngliche Kolorierung und sogar das originale Moebius-Lettering. Dazu kommt umfangreiches Bonusmaterial. Der Band kostet knapp 100 Euro. Ein Schnäppchen ist das nicht. Er sieht allerdings auch nicht danach aus, als wolle er eines sein. 

Gerade das Zusatzmaterial macht aus der Gesamtausgabe mehr als einen sehr hübschen Aufbewahrungsort für einen Klassiker. Es erzählt die Geschichte hinter der Geschichte. Natürlich spielt dabei auch „Dune“ eine wichtige Rolle. Man sieht, wie Ideen wanderten, wie aus einem gescheiterten Film andere Welten entstanden und wie eng die Arbeiten von Jodorowsky und Moebius miteinander verbunden waren. Bei einem normalen Comic wäre das Bonusmaterial eben Bonus. Beim „Incal“ gehört es fast zur Handlung.

Und wann kommt der Film?

Beim Lesen habe ich mich immer wieder gefragt, wie man das eigentlich verfilmen soll. Zu viele Figuren. Zu viele Ebenen. Zu viele Ideen. Zu viele Orte. Zu viele Momente, bei denen vermutlich bereits beim ersten Produktionsmeeting jemand vorsichtig nach dem Budget fragen würde. Ganz aufgegeben hat Hollywood die Idee allerdings nicht. Bereits 2021 wurde angekündigt, dass Taika Waititi „Der Incal“ für Humanoids verfilmen soll und gemeinsam mit Jemaine Clement und Peter Warren am Drehbuch arbeitet. Humanoids führt das Projekt weiterhin als geplante Verfilmung.  Vielleicht klappt es irgendwann.

Vielleicht ist „Der Incal“ aber auch genau dort am besten aufgehoben, wo er seit mehr als 40 Jahren funktioniert: auf Papier. Denn hier muss niemand Szenen streichen, weil sie zu teuer sind. Niemand muss erklären, wie ein Betonvogel aussehen soll. Niemand verlangt, dass Jodorowsky etwas weniger Jodorowsky ist.

Gefallen am Fallen

„Der Incal“ ist ein Meisterwerk, das sich erfreulich wenig wie eines benimmt. Keine Ehrfurcht. Kein Museum. Kein Staub. Eher wie eine Spielerei zweier Science-Fiction-Götter, denen jemand sehr viel Papier gegeben und anschließend vergessen hat, Grenzen zu setzen. Jodorowsky wirft Gedanken, Provokationen, Philosophie und menschliche Abgründe in die Geschichte. Moebius macht daraus Bilder, die Jahrzehnte später noch aussehen, als seien sie gerade erst aus einer anderen Dimension angekommen. Natürlich ist das manchmal verwirrend. Natürlich ist es zu viel. Natürlich verzweigt sich die Geschichte in Richtungen, bei denen man irgendwann nicht mehr weiß, wie man dort überhaupt gelandet ist.

John Difool geht es genauso. Und vielleicht ist das der Trick. Er fällt auf Seite zwei in einen Abgrund. Danach hört er eigentlich nie wieder richtig damit auf. Man fällt einfach mit.

Der Incal – Geamtausgabe

Verlag: Splitter
Szenario: Alejandro Jodorowsky
Zeichnung: Moebius
Übersetzung: Resel Rebiersch
ISBN: 978-3-86869-624-0
Einband: Hardcover mit Leinenrücken
Seitenzahl: 376
Preis: 99,80 Euro
Link: https://www.splitter-verlag.de/incal-gesamtausgabe.html