Ein Dieb rettet sieben Gemälde. Er bereichert sich nicht, verkauft nichts und erwartet keine Gegenleistung. Im Gegenteil. Wenn er erwischt wird, bringt er sich selbst in Gefahr. Wilhelm Werner arbeitet als Hausmeister in der Hamburger Kunsthalle. Er hängt Bilder auf, baut Rahmen und kennt viele der Künstlerinnen und Künstler persönlich. Als die Nationalsozialisten 1937 beginnen, sogenannte „entartete Kunst“ aus den Museen zu entfernen, trifft er eine Entscheidung: Er nimmt sieben Gemälde der jüdischen Künstlerin Anita Rée aus dem Depot und versteckt sie in seiner Dienstwohnung. Direkt in der Kunsthalle. Das klingt nach einer erfundenen Geschichte. Ist es aber nicht.

Andrea Offermann erzählt in „Herr Werner wird zum Dieb“ von einem Mann, der das Richtige tut und anschließend kaum darüber spricht. Selbst nach dem Krieg macht Werner kein Aufheben um seine Tat. Er bringt die Bilder zurück und bleibt Hausmeister. Dabei war er weit mehr als der Mann mit dem Schlüsselbund. Wilhelm Werner arbeitete von 1914 bis 1952 in der Kunsthalle, betreute Ausstellungen und stand in engem Kontakt zu vielen Kunstschaffenden. Seine eigene Sammlung umfasste später mehr als 500 Werke. Diese Nähe zur Kunst erklärt vielleicht auch, warum er bereit war, für sie ein solches Risiko einzugehen. Die Hamburger Kunsthalle bezeichnet seine Tat als einzigartigen Akt der Zivilcourage. Offermann hat für das Buch mit Werners Familie gesprochen, Archive durchforstet und eng mit der Kunsthalle zusammengearbeitet. Aus diesem Material macht sie keinen trockenen Geschichtsunterricht, sondern einen erstaunlich spannenden Sachcomic.
Wie ein historischer Thriller
Schon der Titel erzeugt eine wunderbare Spannung. Herr Werner wird zum Dieb. Nur stiehlt er ausgerechnet, um etwas zu bewahren. Aus dem Hausmeister wird ein Kunsträuber, aus der Dienstwohnung ein Versteck und aus dem Museum der Schauplatz eines True-Crime-Thrillers. Offermann erzählt die Geschichte in großen, oft opulenten Bildern. Klassische Comicseiten wechseln sich mit Skizzen, Bauplänen und dokumentarisch wirkenden Einschüben ab. Dadurch bekommt man nicht nur ein Gefühl für die Zeit, sondern auch für den Ort. Die Kunsthalle wird selbst zu einer Figur. Mit ihren Sälen, Treppen, Depots und verborgenen Winkeln wirkt sie mal ehrwürdig, mal bedrohlich.

Gerade diese Mischung gefällt mir. Das Buch erzählt nicht einfach eine Geschichte und hängt anschließend ein paar historische Erklärungen an. Handlung und Hintergrund greifen ineinander. Die Pläne und Skizzen bremsen den Thriller nicht aus, sondern machen die Gefahr greifbarer. Man versteht, wie nah Versteck und Kontrolle beieinanderlagen.
Geschichte, die nicht abgeschlossen wirkt
„Herr Werner wird zum Dieb“ richtet sich laut Verlag an Leserinnen und Leser ab zehn Jahren. Das merkt man an der klaren Erzählweise, nicht aber an einer übermäßigen Vereinfachung. Offermann nimmt ihr Publikum ernst. Sie erklärt die NS-Kulturpolitik verständlich und zeigt, was passieren kann, wenn ein Regime darüber bestimmt, welche Kunst erwünscht ist und welche verschwinden soll. Damit bekommt die Geschichte zwangsläufig einen Zeitbezug. Nicht, weil Offermann ihn mit erhobenem Zeigefinger herstellt. Sondern weil die Frage bleibt, wie man sich selbst verhalten hätte. Wilhelm Werner hält keine Rede, führt keine große Widerstandsgruppe an und sucht später keinen Ruhm. Er nutzt schlicht die Möglichkeiten, die er hat.


Andrea Offermann, geboren 1980 in Köln, studierte Illustration am Art Center College of Design in Los Angeles und arbeitet seit 2005 als freie Künstlerin, Comiczeichnerin und Illustratorin. Ihre Erfahrung mit Kinder- und Jugendbüchern ist auf jeder Seite zu erkennen. Sie kann komplexe Zusammenhänge erklären, ohne die Bilder mit Text zu überladen. Ihre Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis der Jugendjury des Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreises. Weitere Arbeiten zeigt sie auf ihrer eigenen Website.
„Herr Werner wird zum Dieb“ ist Geschichtsbuch, Kunstdokumentation und Thriller zugleich. Vor allem aber erzählt der Comic von einem stillen Helden. Einem Mann, der zum Dieb wurde, weil andere im großen Stil raubten. Und der sieben Gemälde stahl, damit sie eines Tages wieder allen gehören konnten.

Herr Werner wird zum Dieb
Verlag: Carlsen
ISBN 978-3-551-80831-8
Hardcover
112 Seiten,
farbig
15 Euro
Link: https://www.carlsen.de/hardcover/herr-werner-wird-zum-dieb/978-3-551-80831-8
