Auf dem imposanten Titel steht „ART SIN FIN”, natürlich in Großbuchstaben. Endlose Kunst ist es also, worum es hier geht. Große Worte, berechtigte Worte. Nichts an dem Werk von Alexander Jodorowskiy ist klein, leicht oder bescheiden. Warum sollte es seine Werkschau sein? Der Taschen-Verlag ist bekannt für seine großartigen, manchmal jedoch auch großspurigen Veröffentlichungen über Kunst und Künstler. Mit diesem Werk über einen der einflussreichsten Visionäre der Gegenwart hat sich der Verlag selbst übertroffen. Alejandro Jodorowsky hat eine solche Huldigung verdient. Es gibt wahrscheinlich keinen anderen lebenden Künstler, der mit seiner visionären Arbeit so stilprägend war – und mit 96 Jahren noch immer ist. Die Monografie erlaubt einen tiefen Einblick in den Schaffensprozess des Künstlers und wurde von Alejandro Jodorowsky persönlich zusammengestellt. Jodorowsky hat Bild für Bild Filmstills, Aufnahmen seiner Performances, Collagen, Zeichnungen und Fotos aus seinem Archiv persönlich ausgewählt.

An dieser Stelle ein paar Eckdaten zum Mammutwerk „ART SIN FIN“: Es besteht aus zwei Bänden und ist eher ein Denkmal als ein Buch. Der Hauptband hat einen Softcover-Einband mit Ausklappseiten. Oben und unten werden die 1.096 Seiten von einem goldenen Buchschnitt geziert. Ein kleinerer Ergänzungsband im Breitbildformat dient als blätterbarer Untertitel zu den einzelnen Seiten des Hauptwerks. Die Texte sind Jodorowskys Reflexionen und Bekenntnisse zu jedem einzelnen Bild – wie eine Art Voice-over für den Film, den er geschnitten hat. Die Bücher werden in einer stabilen Plexiglasbox geliefert, die gleichzeitig als Buchständer dient. Insgesamt summiert sich das Gewicht auf 14 Kilogramm. Das schwere Papier, die Liebe zum Detail und der hochwertige Druck fassen eine unglaubliche Sammlung an Motiven luxuriös ein. Entsprechend hoch ist der Preis: 1.250 Euro kostet das gute Stück. Das Buch ist nicht für jedermann, ganz klar. Wer sich diese Kunst jedoch leisten kann oder will, erhält ein einzigartiges Werk. 

Alejandro Jodorowsky ist ein Universalkünstler, der immer wieder Regeln brach und keine Kontroversen scheute.. Er wurde 1929 in Chile geboren. Mit Anfang 20 zog er nach Paris, studierte Pantomime und trat mit Marcel Marceau auf. Mit fast 40 drehte er seinen ersten Film „Fando y Lis“ (1967), der mit seinen religiösen Darstellungen für einen Skandal sorgte. Seinen Rang als Kultregisseur erwarb sich Jodorowsky mit den surrealistischen Filmen „El Topo“ (1970) und „Montana Sacra – Der heilige Berg“ (1973). Er arbeite zudem an der Verfilmung von „Dune“, einem Science-Ficion-Roman von Frank Herbert. Die Eckdaten klingen so fantastisch, wie der zu verfilmende Stoff. Die Hauptrollen sollten von Orson Welles, Gloria Swanson und Salvadore Dali gespielt werden, die Musik hätte Pink Floyd eingespielt, das Set-Design sollte HR Giger entwickeln. Bei der Arbeit unterstützte ihn zudem der Künstler Jean Giraud, auch bekannt unter seinem Pseudonym Moebius. Zu einer Umsetzung kam es nicht, doch viele Ideen wurden für andere Filme verwendet. Wer mehr über das Projekt erfahren will, sollte sich den Dokumentarfilm „Jodorowsky’s Dune“ von Frank Pavich anschauen. Natürlich findet man in „ART SIN FIN“ ebenfalls Material zum „besten, nie gedrehten Film“.

So sehr Jodorowsky den fantastischen Film beeinflusst hat, so sehr prägte er auch die Neunte Kunst. Zusammen mit Jean Giraud erschuf er die großartige Reihe „Incal”. Der eigentliche Incal-Zyklus erschien zwischen 1981 und 1988 und ist typisch für die 1980er Jahre. Die Reihe breitet einen Genre- und Themenmix aus, der Gesellschaftskritik und Esoterik, Science-Fiction und Krimi, Märchen und Abenteuer- sowie Liebesgeschichte umfasst. Vor allem strotzt sie vor kosmischem Irrsinn. Die Reihen „Meta-Barone” und „Techno-Väter” spielen mit ähnlicher Thematik und gelten als Ableger der „Incal”-Reihe. Auch hiervon gibt es zahlreiche Beispiele im Buch.

Diese einzigartige Chronik ist ein faszinierendes Portal in die Welt eines rastlosen Schöpfers. Mit großen Augen taucht man in eine surreale Welt ein. Die Grenzen zwischen Kino, Poesie, Performance, Mystik und dem Leben selbst verwischen. Die eigene Fantasie wird mit jeder Seite und mit jedem Bild angeregt. Wie ein Zeugnis dafür, wie wertvoll Kunst für unser Leben und Denken ist, thront Jodorowskys Werk. „ART SIN FIN” ist ein Fest: dekadent, obszön, lustvoll und spirituell. Es ist eine Einladung an die Kreativität und den Mut, Grenzen zu überschreiten. Es ist ein lustvoller Ausflug in mythische Welten. Das Buch inszeniert einen einzigartigen Künstler und verdient es, selbst in einem angemessenen Rahmen inszeniert zu werden. Ja, das Buch hat seinen Preis und für viele bleibt der Kauf ein Traum. Auch das passt zu den Traumwelten von Jodorowsky: Sie sind fast greifbar und doch nicht für jeden zu erreichen.

#Alejandro Jodorowsky. Art Sin Fin

Verlag: Taschen
Zwei Bände in einer Plexiglasbox, die als Buchständer verwendet werden kann
25 x 42 x 9 cm
Band 1: Softcover mit Ausklappseiten, 22 x 29,5 cm, 1.096 Seiten, oben und unten goldener Buchschnitt, Signierblatt an zufälliger Stelle
Band 2: Hardcover mit schwarzem Buchschnitt, 22 x 8,5 cm, 1.072 Seiten 
Gesamtgewicht 14 kg
1.250 Euro

Website: www.taschen.com
Direkt zum Buch: https://www.taschen.com/de/limited-editions/film/62156/alejandro-jodorowsky-art-sin-fin/