Bei Blake und Mortimer kann es passieren, dass eine Sprechblase fast mehr Platz braucht als die Figur, die sie ausfüllt. Captain Francis Blake und Professor Philip Mortimer ermitteln, diskutieren und erklären mit einer Ausführlichkeit, die man heutigen Comics kaum noch zutraut. Dazu kommen technische Erfindungen, politische Bedrohungen, archäologische Rätsel und immer wieder der Schurke Olrik. Man muss sich für diese Abenteuer Zeit nehmen. Genau das mag ich an ihnen: Sie sind mehr Buch als Comic und gerade deshalb so faszinierend.

Meine beiden Lieblingsalben zeigen, wie weit Edgar P. Jacobs diese Welt aufspannen konnte. Der Kampf um die Welt ist ein großes Abenteuer über eine globale Bedrohung, geprägt von den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und der Angst vor einer neuen Diktatur. Jacobs denkt in gewaltigen Dimensionen, verliert sich aber gern in den Einzelheiten seiner erfundenen Technik. Bei Das gelbe M wird die Bühne enger und die Stimmung düsterer: London, ein Verbrecher, der seine Taten ankündigt, und ein gelbes Zeichen, das er zurücklässt. Hier ist es vor allem die Atmosphäre, die mich immer wieder hineinzieht.

Jacobs, der zuvor als Opernsänger arbeitete und später auch an Tim und Struppi mitwirkte, schuf die Reihe 1946. Seine klar gezeichneten Bilder treffen auf eine Erzählweise, die lieber noch einen Gedanken erklärt, als ihn auszulassen. Nach seinem Tod haben Autoren und Zeichner wie Jean Van Hamme, Yves Sente und André Juillard die Abenteuer weitergeführt. Das ist bei einer so unverwechselbaren Serie eine anspruchsvolle Aufgabe: Blake und Mortimer sollen wiederzuerkennen sein, ohne bloß Jacobs zu kopieren.

Eine Realverfilmung gibt es bislang nicht. Für Das gelbe M wurde ein Filmprojekt angekündigt, und ich bin gespannt, wie sich diese dialogreichen Seiten auf die Leinwand übertragen lassen. Bis dahin ist ein Buch erschienen, das den beiden Helden auf andere Weise gerecht wird: Das Blake und Mortimer Lexikon.

Jean-Pierre Naugrette versammelt darin auf 144 Seiten rund 50 Einträge zur Welt der Serie. Er beschäftigt sich mit den Figuren, den Themen und den Hintergründen der Alben und verfolgt die Entwicklung von Jacobs bis zu seinen Nachfolgern. Yves Sente, selbst Autor mehrerer Abenteuer, hat das Vorwort geschrieben. Das klingt zunächst nach einem Buch, das man einmal durchliest und dann ins Regal stellt. Tatsächlich funktioniert es am besten, wenn man immer wieder darin blättert.

Für mich ist dieses Lexikon ausführlicher, spannender und aufschlussreicher als jede schnelle Suche bei Wikipedia. Die Informationen stehen nicht einfach nebeneinander, sondern machen Lust, zu den Alben zurückzukehren. Es ist kompakt im Zugriff, ohne oberflächlich zu werden, und macht vor allem Spaß. Am besten liegt es gleich neben dem nächsten Blake-und-Mortimer-Band. Selbst wenn man glaubt, die beiden Gentlemen und ihre Abenteuer gut zu kennen, lernt man garantiert noch etwas dazu.

Das Blake und Mortimer Lexikon

Verlag: Carlsen
Jean-Pierre Naugrette
Seitenzahl: 144
Größe: 237 mm x 317 mm
ISBN: 978-3-551-80917-9
Lesealter: ab 12 Jahren
Preis: 30 Euro
Link: https://www.carlsen.de/hardcover/blake-und-mortimer-das-blake-und-mortimer-lexikon/978-3-551-80917-9