Ich gebe es gerne zu: Ich habe dieses Buch wegen seines Titels lesen wollen. „Blood Brothers Mother“ (Verlag Schreiber & Leser) klingt, als hätte Sergio Leone eine Heavy-Metal-Band gegründet, und ich blieb daran hängen, noch bevor ich wusste, wer dahintersteckt. Dass ich ohnehin eine kleine Schwäche für Western habe, also für staubige Landschaften, schweigsame Reiter und Revolver-Action, war nur noch der Zuckerguss. Die Namen Azzarello & Risso erledigten den Rest.
Die Geschichte schmeißt den Leser unmittelbar gleich in mehreren blutigen Szenarien, die wohl auf die harte und erbarmungslose Welt der Geschichte einstimmen (oder besser vorbereiten) sollen: Schießereien, Kugeln in Augäpfeln und Stirn, sexuelle Übergriffe.
Erst dann kommen wird zu den eigentlichen Protagonisten: Die drei Brüder, Daniel, Simon und der kleine Jack, genannt „Rabbit“, sind noch Kinder und scheinen dem rauen wilden Westen kaum gewappnet. Schließlich wird ihr Ziehvater, ein Reverend, erschossen und ihre Mutter verschwindet mit den Tätern. Ach ja, ihr leiblicher Vater ist zudem gerade erst aus dem Gefängnis entlassen worden. Man sollte also von Anfang an gut aufpassen, um nicht den Faden zu verlieren.

Die Jungs machen sich quer durch die texanische Grenzlandschaft auf die Suche nach der Mutter. Unterwegs treffen sie auf Diebe, Banditen, Kopfgeldjäger, gezeichnete Soldaten und eine Predigerin, die nicht ist, was sie zu sein vorgibt. Das Perfide dabei: Die Mutter scheint ihre Entführer zu kennen. Wer am Ende eigentlich gerettet werden muss, ist deshalb schon ein halber Spoiler, den ich lieber für mich behalte.
Der Mann fürs Düstere
Autor Brian Azzarello, Jahrgang 1962 und aus Cleveland, ist der Mann hinter „100 Bullets“, dem Graphic-Novel-Klassiker über moralische Grauzonen und gekaufte Rache. Er hat außerdem mit „Joker“ „Batman: Broken City“ und „Batman: Damned“ mit die besten Runs Als der Verlag Schreiber & Leser die deutsche Ausgabe angekündigt hat, war die Sache geschrieben, die je in der Welt des dunklen Ritters angesiedelt waren. Seine Figuren sind selten sympathisch, aber fast immer faszinierend, und seine Dialoge sind knapp und trocken. Das passt zum Western erstaunlich gut. Erschienen ist die Geschichte der Brüder im Original als vierteilige Miniserie beim Verlag DSTLRY, den Azzarello mitgegründet hat. Die Vorbilder liegen auf der Hand: „1883″ und „Blood Meridian“ werden vom Verlag genannt.

Der Künstler Eduardo Risso, geboren 1959 in Argentinien, ist Azzarellos kongenialer Partner seit „100 Bullets“. Wer seine harten Schwarzflächen und markanten Gesichter kennt, wird hier trotzdem überrascht. Risso macht diesmal alles selbst, also Zeichnung, Tusche und Farbe, und die Seiten wirken gemalt. Die aquarellartigen Farben und warmen Töne stehen in grellem Kontrast zu den Gesichtern und Taten der Menschen. Das gibt der Gewalt eine umso größere Wucht. Dafür gab es 2025 auch den Will Eisner Award: Risso wurde als bester Maler bzw. Multimedia-Künstler (Interior Art) für seine Arbeit an genau diesem Western ausgezeichnet.
Warum die Titeländerung?
Ein einziger Haken, und der steckt im Titel: Ich frage mich, warum man in der deutschen Ausgabe das „The“ gestrichen hat. Vielleicht wollte man es knapper und griffiger für das Cover, vielleicht klang der Artikel im Deutschen nach Übersetzungsmuff. Mir fehlt er trotzdem. Ohne ihn stapeln sich drei Hauptwörter wie eine Zutatenliste, und man muss einen Moment überlegen, wessen Mutter hier eigentlich gemeint ist. Mit „The“ ist sofort klar, dass es um die Mutter der Blood-Brüder geht, und genau um sie dreht sich ja alles. Es ist der einzige Fehler, den ich dieser Ausgabe ankreiden kann, und der wiegt nicht schwer.

Mein Fazit: Das ist kein Western für Zartbesaitete und auch keiner für Leute, die einen Heldenritt mit Sonnenuntergang erwarten. Es ist ein bitterer, schnörkelloser Rachetrip, der wenig erklärt und viel zeigt. Wer klare Antworten und versöhnliche Töne sucht, wird sich schwertun. Wer aber Azzarello und Risso mag und beim Wort „Western“ nicht sofort an Fernsehfilm denkt, bekommt ein dichtes, düsteres Stück Genre-Comic, das lange nachhallt.

Verlag: Schreiber & Leser
Text: Brian Azzarello, Zeichnungen und Farbe: Eduardo Risso
Übersetzung: Resel Rebiersch
Ausstattung: Hardcover, farbig, Format 29 x 22 cm
Seiten: 200
ISBN: 978-3-96582-244-3
Preis: 34,80 €
Erscheinungstermin: September 2026
