Wer regelmäßig meine Rezensionen auf Sprechblasen.de liest oder in den Podcast reinhört, weiß um meine große Begeisterung für gezeichnete Lebensgeschichten. Grafische Biografien schaffen es oft viel intensiver als klassische Textwüsten, die Psyche historischer Persönlichkeiten greifbar zu machen. Nachdem ich bereits einige Meilensteine dieses Genres vorstellen durfte (Lucas und Spielberg, Lewis und Tolkien), führt nun kein Weg an der aktuellen Neuauflage eines echten Klassikers vorbei: Reinhard Kleists „Castro“, erschienen beim Carlsen Verlag.
Fidel Castro bleibt eine der am tiefsten gespaltenen Figuren der Moderne – für die einen der unbeugsame Befreier vom Batista-Regime, für die anderen ein skrupelloser Diktator. Kleist verfällt in seinem Porträt weder stumpfer Verherrlichung noch platter Dämonisierung. Durch den Kunstgriff des fiktiven deutschen Journalisten Karl Mertens begleiten wir Castros Aufstieg aus einer kritischen Nahdistanz. Der „Máximo Líder“ wird nicht als unfehlbares Monument gezeichnet, sondern als getriebener, hochintelligenter, aber eben auch zunehmend unbarmherziger Machtmensch.


Der Aufstieg Castros
Inhaltlich spannt Kleist einen weiten Bogen über die prägendsten Abschnitte dieses bewegten Lebens: Die Erzählung setzt bei den Anfängen des bewaffneten Widerstands an – vom gescheiterten Sturm auf die Moncada-Kaserne 1953 über das Exil in Mexiko bis hin zum legendären Guerillakrieg in den Bergen der Sierra Maestra an der Seite von Che Guevara. Über den triumphale Einzug in Havanna 1959 führt der Band durch die dramatischen Schlüsselmomente des Kalten Krieges, darunter die Invasion in der Schweinebucht und die Zuspitzung während der Kubakrise. Kleist belässt es jedoch nicht bei den spektakulären Umsturztagen, sondern beleuchtet auch die schrittweise Konsolidierung der Macht, den Wandel zur sozialistischen Diktatur und die späten Jahre eines gealterten Staatschefs, der von den realpolitischen Zwängen und gesellschaftlichen Rissen seines Landes gezeichnet ist.


Meister der Comic-Biographie
Dass diese Charakterstudie so phänomenal funktioniert, liegt an der meisterhaften Handschrift von Reinhard Kleist. Der Berliner Comic-Künstler gilt völlig zu Recht als der deutsche Großmeister der grafischen Biografie. Mit Werken über Johnny Cash (I See a Darkness) oder Nick Cave hat er international Maßstäbe gesetzt. Kritiker loben seit jeher seinen hochdynamischen, Pinsel-betonten Zeichenstil: Kleists Strich ist schattig, schmutzig, voller Energie und fängt Stimmungen sowie historische Kulissen mit enormen Ausdruck ein.
Mit der 2026 im Carlsen Verlag erschienenen Neuausgabe – pünktlich zum 100. Geburtstag Castros – erfährt das Original von 2010 ein rundum gelungenes Upgrade. Der sonst strikt in charakteristischem Schwarz-Weiß gehaltene Band wurde im Gesamtformat leicht vergrößert, was den kraftvollen Zeichnungen spürbar mehr Raum zum Atmen gibt. Das optische Highlight bilden jedoch wenige neu hinzugekommene, vierfarbig colorierte Seiten, die Kleist als kleine aber sehr wirksame Geburtstagszugabe zum Ende zeigt.
Lesen!
Reinhard Kleist hat wieder einmal bewiesen, dass er das Leben von Menschen am Zeichenbrett darstellen kann wie wenige. Nach der Lektüre der fast 300 Seiten ist man dem „Máximo Líder“ jedenfalls näher, als man es eigentlich möchte. DAS macht eine gute Biografie aus!

Titel: Castro (Neuausgabe 2026)
Autor & Zeichner: Reinhard Kleist
Verlag: Carlsen Verlag
Seitenanzahl: 304 Seiten
Format: Hardcover (19,8 x 26,5 cm)
Preis: 26,00 €
ISBN: 978-3-551-81060-1
