Mein Interesse für „100 Bullets“ wurde durch das aktuelle Werk von Brian Azzarello und Eduardo Risso, „The Blood Brothers Mother“ geweckt, den ich hier vorgestellt habe. Ich war (bin) begeistert von dem Western, den die beiden jüngst veröffentlicht haben. So wurde ich an den „Crime-Klassiker „100 Bullets“ erinnert. Also habe ich mir ihr Meisterwerk erneut vorgenommen, und gleich die Fortsetzung dazu: „100 Bullets: The US of Anger“, die jüngst in den USA gestartet ist. So viel vorweg: Es lohnt sich. Sehr sogar.

Worum geht es in „100 Bullets“?

Die Serie erschien ab 1999 bei DC Vertigo und lief über 100 Ausgaben. In Deutschland sind sie bei Panini als Sammelbände erhältlich. Der Einstieg ist denkbar simpel und wirkt gerade deshalb wie ein Pakt mit dem Teufel: Ein mysteriöser Mann, Agent Graves, tritt an Menschen heran, denen übel mitgespielt wurde. Er überreicht ihnen einen Koffer mit einer Waffe, hundert nicht zurückverfolgbaren Kugeln und handfesten Beweisen dafür, wer ihr Leben zerstört hat. Dazu kommt die Zusage, dass keine dieser Kugeln je zu ihnen zurückführen wird, weder Polizei noch Justiz werden eingreifen.

Was machst du mit so einem Angebot?

Aus „100 Bullets: The US of Anger“, copyright DC/Vertigo

Aus dieser Prämisse entwickeln Azzarello und Risso zunächst abgeschlossene Episoden über Schuld, Rache und Moral. Nach und nach fügt sich daraus ein weit verzweigtes Verschwörungsgeflecht um den sogenannten Trust, ein Kreis mächtiger Familien, die das Land im Verborgenen steuern. Ihre Handlanger: die Minutemen. Zu diesen gehört auch Lono, der später in der Miniserie „Brother Lono“ einen ganz eigenen Fokus bekommt. Die Serie verhandelt Macht, Gewalt, Loyalität und die Frage, wie viel Gerechtigkeit ein Mensch tatsächlich verträgt.

Wie sich „The US of Anger“ einreiht

Die neue Miniserie, die Anfang Juli gestartet ist, knüpft an den die Welt der Trust an. Lono hat die Ereignisse knapp überlebt und kehrt nach Jahren in der Ferne in die USA zurück. Passend zum 250. Jubiläum des Landes trifft er auf ein Amerika voller Milizen, Megachurches, Millionäre und Wahnsinniger. Ein Schelm, der…

Es ist also keine nostalgische Rückkehr, sondern eine Fortsetzung mit aktueller Sprengkraft. Wer die Originalserie kennt, erhält ein Wiedersehen mit alten Motiven. Neueinsteiger finden den Zugang vermutlich schwerer: Teile der Fachpresse halten den Auftakt für stark auf Kenner der Reihe zugeschnitten. Kann ich nicht ganz leugnen. Mein Rat lautet daher, vorher zumindest „Brother Lono“ und wenn möglich die Hauptserie zu lesen.

Aus „100 Bullets: The US of Anger“, copyright DC/Vertigo

Keine leichte Kost

Das sollte man vorab wissen: „100 Bullets“ ist anstrengend, im besten Sinne. Risso setzt auf einen Zeichenstil, der sich konsequent auf das Wesentliche beschränkt. Das gilt in der neuen Miniserie umso mehr, denn sie erscheint erstmals durchgehend in Schwarz-Weiß. Hier gibt es keine Effekthascherei und keine Ablenkung, nur Gesichter, Gesten und Schatten. Nur Blut, das hier und da mal plakativ rot erscheint.

Auch die Erzählweise verlangt Geduld. Die Handlung ist ereignisreich, wird aber ruhig und beinahe beiläufig aufgebaut. Gespräche dauern selten lang, sind wenig wortreich, Andeutungen bleiben stehen, Zusammenhänge erschließen sich oft erst später. Wer sich darauf einlässt, wird belohnt: Dann entwickelt „100 Bullets – The US of Anger“ auch eine unglaublich fesselnde Dynamik.

Der Autor: Brian Azzarello

Azzarello schreibt seit Mitte der 1990er Jahre Comics, darunter „Jonny Double“, „Batman: Broken City“ und „Joker“. Seine Stärke sind Dialoge, die nach Straße klingen: rau, rhythmisch, voller Auslassungen. Seine Figuren erklären sich nie, sie reden aneinander vorbei, lügen und verraten dabei mehr, als ihnen lieb ist. Er vertraut darauf, dass die Leser mitdenken, und das macht seine Geschichten so dicht und so unbequem. Moralische Gewissheiten gibt es bei ihm kaum, und Gewalt ist nie bloß Spektakel, sondern immer Konsequenz.

Aus „100 Bullets: The US of Anger“, copyright DC/Vertigo

Der Künstler: Eduardo Risso

Der gebürtige Argentinier Eduardo Risso zeichnet seit den frühen 1980er Jahren professionell. Der große internationale Durchbruch kam mit der Zusammenarbeit mit Azzarello, zuerst bei „Jonny Double“ und dann bei „100 Bullets“, wofür er mehrere Awards erhielt. Sein Stil lebt von klaren Linien, harten Kontrasten und gezielt gesetzten Schwarzflächen. Er erzählt filmisch, mit ungewöhnlichen Perspektiven und Bildausschnitten, und kommt mit wenig Strichen aus, um Atmosphäre und Bedrohung zu erzeugen. Dass derselbe Zeichner bei „The Blood Brothers Mother“ in gemalten Bildern arbeitet, zeigt seine Wandlungsfähigkeit. Für das Western-Epos hat er einen völlig anderen Look entwickelt, der dennoch seine Handschrift trägt.

Fazit

„100 Bullets“ gehört für mich zu den großen Crime-Comics der letzten Jahrzehnte. „The US of Anger“ greift das auf, macht neugierig auf mehr und zeigt, dass Azzarello und Risso nichts von ihrer Schärfe verloren haben. Bislang sind die ersten vier Teile erschienen, Teil 5 folgt am 18. November. Die Mini-Serie ist auf acht Episoden ausgelegt. Ich bin gespannt, wohin Lono dieses Amerika noch führt.

Aus Cover der Ausgabe #1, „100 Bullets: The US of Anger“, copyright DC/Vertigo

Tipp: Panini möge es mir verzeihen. Wer auch im Original liest: Die Ausgaben der aktuellen Mini-Serie erscheinen derzeit über Amazon auch als Kindle-Version. Sie kommen sicher bald auch nach Deutschland.

Altersempfehlung: Ab 18 Jahren!