Ich mag Geschichten, die leise anfangen und dann ganz tief unter die Haut kriechen. Laute Effekte und Dauerfeuer müssen nicht immer sein. „Appartement 23“ von Guillaume Sorel (Splitter Verlag) ist genau so ein Fall. Die Graphic Novel erschien bereits 2014 auf Deutsch, wirkt aber kein bisschen verstaubt. Eher wie ein Geheimtipp, den man sich lange aufgehoben hat und dann im richtigen Moment aus dem Regal zieht. Wie von mir getan.

Eine Tote, eine Katze und ein Haus voller Nachbarn

Gleich zum Start wird der Leser auf eine emotionale Reise geführt: Die junge Emilie nimmt sich (mit poetischem Text und untermalt) in ihrem Appartement das Leben. Wer jetzt einen düsteren Trauerzug erwartet, liegt allerdings falsch. Denn Emilie ist danach noch da, als Geist, den kein Lebender sehen kann. Nur Katzen können es, und so wird die Hauskatze zu ihrer einzigen Gesprächspartnerin und zu einer herrlich komplizenhaften Begleiterin.

Aus „Appartement 23“ copyright Splitter

Gemeinsam streifen die beiden durch das Mietshaus, und Emilie schwebt durch Wände, Decken und Türen. So wird sie unfreiwillig Zeugin des intimen Alltags ihrer Nachbarn: ein Liebespaar mit verbotener Leidenschaft, Eltern, die am Verschwinden ihrer kleinen Tochter verzweifeln, ein dicker Eremit, der sich in Opiumträume flüchtet und dort literarische Gestalten zu Festmählern und Ausschweifungen einlädt. Oder auch die bitterböse alte Frau, die Katzen abgrundtief hasst. Dazu gesellt sich ein mittelloser junger Maler, auf den die Tote ganz offensichtlich eine gewisse Anziehung ausübt, und er auf sie.

Mehr will ich gar nicht verraten, denn Sorels Stil lebt davon, dass man sich treiben lässt. Er erklärt wenig und deutet viel an. Das Ganze liest sich wie ein Traum, in dem Realität, Wahn und übernatürliches fließend ineinander übergehen. Dazu streut er Zitate und Anspielungen aus der Weltliteratur ein, unter anderem Rimbaud und Baudelaire. Wer gern miträtselt, hat hier seinen Spaß.

Vielleicht passt es auch zu meiner Stimmung, aber die ruhige, anspruchsvolle Erzählweise hebt sich wohltuend vom Mainstream ab, und natürlich die Optik. Die Graphic Novel ist ein poetischer, morbid-erotischer Bilderreigen, in dem man sich verlieren kann. Sorel klärt aber auch wenig auf, manches bleibt schwer greifbar, und einigen könnte das Surreale schlicht zu viel sein. Könnte ich nachvollziehen, mir jedoch nicht. Dieses Buch will mit Aufmerksamkeit gelesen werden und nicht nebenbei. Ich finde genau das reizvoll.

Aus „Appartement 23“ copyright Splitter

Zeichnen, als würde man schweben

Und dann sind da die Bilder. Sorel zeichnet nicht in Farbe, sondern arbeitet mit Tuschelavierungen (Begriff habe ich gelernt, viel Spaß beim Lesen des Wortes 😉) in feinen Grau- und Ockertönen. Das wirkt wie Aquarell und erzeugt eine fast greifbare Stimmung. Licht, Schatten und Materialien entstehen allein durch diese Technik. Besonders gefallen haben mir die Gesichter und die Körpersprache der Figuren. Emilies Melancholie, die Verzweiflung der Eltern oder die gierige Lust des Eremiten kommen allein durch Mimik und Haltung rüber. Das Ganze wirkt trotz der morbiden Themen erstaunlich sanft und fast tröstlich.

Und weil ich es ehrlich sagen will: Sorel zeigt hier auch explizite Sexszenen. Sie gehören zur Geschichte und sind keine Effekthascherei, aber wegen dieser Darstellungen und der Themen Tod und Suizid ist die Graphic Novel eher etwas für Leserinnen und Leser ab 16 Jahren.

Der Mann hinter dem Strich

Guillaume Sorel wurde 1966 in Cherbourg geboren und studierte zunächst Architektur, bevor er an die Kunstgewerbeschule in Lyon und später an die Kunsthochschule in Paris wechselte. Ab 1987 illustrierte er für Rollenspiel-Magazine und -Verlage. Seine erste Comicserie war die Lovecraft-inspirierte Reihe „Die Toteninsel“, später kamen Fantasy-Serien wie „Mens Magna“ und „Algernon Woodcock“ dazu. Wer genau hinschaut, entdeckt in „Appartement 23“ übrigens ein kleines Easter Egg: Böcklins berühmtes Gemälde „Die Toteninsel“ hängt in der Wohnung des Eremiten.

Aus „Appartement 23“ copyright Splitter

Für Casterman schrieb und zeichnete er schon früher selbst („Mother,“ 2000) und adaptierte 2012 den Roman „Die letzten Tage von Stefan Zweig,“ „Appartement 23“ (im Original Hôtel particulier“, 2013) ist sein zweites Soloprojekt. Er arbeitet fast ausschließlich klassisch mit Bleistift, Tinte und Tuschewäsche, und er hat nach eigener Aussage nie einen Computer eingeschaltet. Das spürt man auf jeder Seite. 2014 folgte „Der Horla“ nach Maupassant, zuletzt erschien „Deryn Du“. Sorel hat inzwischen rund dreißig Alben gezeichnet und ist nebenbei als Illustrator und Maler tätig.

Mein Fazit

„Appartement 23“ist eine ruhige, poetische und wunderschön gezeichnete Graphic Novel, die immer ganz nah an ihren Figuren bleibt. Man leidet, liebt und staunt mit Emilie, und obwohl es um Tod und Verlust geht, schließt man das Buch mit einem seltsam versöhnlichen Gefühl. Wer klare Antworten und viel Action sucht, wird damit nicht glücklich. Wer sich zudem gern treiben lässt und bei Geistergeschichten eher an Wehmut als an Grusel denkt, bekommt ein dichtes, stimmungsvolles Stück Comic-Kunst, das lange nachhallt. Für mich eine klare Empfehlung.

Titel: Appartement 23
Autor: Guillaume Sorel
Verlag: Splitter Verlag, 2014
Seitenzahl: 104 Seiten
Preis: 19,80 Euro (Hardcover)
ISBN-Nummer: 978-3-86869-755-1