„Sky Doll“ sieht aus, als dürfte der Band problemlos ins Kinderzimmer. Dort sollte er allerdings nicht landen. Hinter großen Augen und Bonbonfarben steckt ein wildes Weltraummärchen über Glauben, Macht, Medien und die Frage, wem ein Körper eigentlich gehört.

Bei „Sky Doll“ betreibt Gott eine Autowaschanlage im Weltraum. Das sagt bereits einiges über diesen Comic. Gott ist in diesem Fall allerdings kein allmächtiges Wesen, sondern der ziemlich tyrannische Besitzer von Noa. Sie ist eine synthetische Puppe, die geschaffen wurde, um zu arbeiten und die Wünsche anderer zu erfüllen. Alle 33 Stunden muss der Schlüssel in ihrem Rücken gedreht werden. Wer den Schlüssel besitzt, kontrolliert ihr Leben.

Noa unterscheidet sich jedoch von den anderen Sky Dolls. Sie kann träumen. Sie denkt, entwickelt Gefühle und beginnt zu ahnen, dass ihr Dasein nicht zwangsläufig aus Waschen, Dienen und Gehorchen bestehen muss. Als sie auf die beiden päpstlichen Gesandten Roy und Jahu trifft, landet sie als blinder Passagier auf deren Raumschiff. Damit beginnt eine Reise, die zwischen Cyberpunk, Fantasy, Science-Fiction und Space-Opera alles mitnimmt, was nicht rechtzeitig aus dem Weg springt. Das Ergebnis ist ein Weltraummärchen für Erwachsene. Laut, bunt, verspielt, freizügig und gelegentlich erstaunlich böse.

Eine Kirche wie eine Showbühne

Im Zentrum der Geschichte steht der Konflikt zwischen den beiden Päpstinnen Ludovica und Agape. Die eine verkörpert die körperliche Liebe, die andere die geistige. Agape ist verschwunden, ihre Anhänger werden als Ketzer verfolgt. Ludovica herrscht inzwischen über eine Kirche, in der Glaube, Politik, Kommerz und Unterhaltung kaum noch voneinander zu unterscheiden sind. Wunder werden inszeniert. Religiöse Botschaften verwandeln sich in Fernsehshows. Stars, Geistliche und Medien arbeiten an einer Wirklichkeit, die vor allem deshalb wahr erscheint, weil sie auf allen Kanälen gleichzeitig ausgestrahlt wird.

„Sky Doll“ interessiert sich dabei weniger für Religion als persönliche Erfahrung. Der Comic nimmt vor allem jene Institutionen ins Visier, die den Glauben anderer Menschen benutzen, um Macht auszuüben. Auch die Gegenseite wird nicht automatisch zum moralischen Gegenentwurf erklärt. Die Welt besteht nicht aus den guten Gläubigen und den bösen Kirchenfürsten. Jede Heilsbotschaft kann zur Ware werden, jeder Kult zum Geschäftsmodell. Das macht die Geschichte politisch, ohne sie in eine Predigt zu verwandeln. Barbucci und Canepa packen ihre Kritik in Abenteuer, absurde Begegnungen, erotische Verwicklungen und überraschend komische Dialoge. Man kann „Sky Doll“ als wilde Reise durch eine durchgeknallte Galaxie lesen. Man kann sich aber ebenso fragen, wie viel Freiheit in einer Gesellschaft übrig bleibt, wenn selbst Sehnsüchte produziert und verkauft werden.

Noa ist für diese Geschichte die perfekte Hauptfigur. Sie wurde als Objekt erschaffen, beginnt sich jedoch als eigenständiges Wesen zu begreifen. Ihre Reise ist deshalb nicht nur eine Flucht vor ihrem Besitzer. Es ist die langsame Entdeckung eines eigenen Willens. Dabei entsteht ein interessanter Widerspruch. Der Comic kritisiert eine Welt, in der weibliche Körper zur Ware werden, setzt Noa aber selbst sehr offensiv in Szene. Die Bilder hinterfragen den männlichen Blick und bedienen ihn gleichzeitig. Diese Spannung wird nicht immer aufgelöst. Sie gehört jedoch zu einer Geschichte, die ohnehin gern mit Tabus spielt und sich vor eindeutigen Antworten drückt.

Disney fliegt ins All

Die optische Verwandtschaft mit Disney ist kaum zu übersehen. Große Augen, schmale Taillen, elastische Körper und Figuren, die selbst in dramatischen Momenten wirken, als könnten sie gleich in einen Animationsfilm hüpfen. Das kommt nicht von ungefähr. Alessandro Barbucci begann bereits mit 18 Jahren für Disney zu zeichnen. Barbara Canepa, die zunächst Architektur studierte und als Werbezeichnerin arbeitete, kam Mitte der Neunziger ebenfalls zum Konzern. Gemeinsam entwickelten sie unter anderem „W.I.T.C.H.“ und arbeiteten an „Monster Allergy“. Canepa verantwortet bei „Sky Doll“ das Szenario und die charakteristische Farbwelt, Barbucci die Zeichnungen. Ihr Hintergrund erklärt die beinahe klassische Animationsästhetik. Er erklärt aber auch, warum die Figuren selbst in hektischen Szenen klar lesbar bleiben. Barbucci kann mit wenigen Linien zeigen, wer unsicher, überheblich, naiv oder vollkommen durchgeknallt ist. Seine Charaktere spielen nicht nur in den Dialogen. Haltung, Gestik und Mimik erzählen ständig mit.

Mir ist diese Optik trotzdem manchmal etwas zu viel Disney. Sie passt zu Noa, schließlich ist sie eine künstliche Figur, beinahe eine zum Leben erwachte Spielzeugpuppe. Doch gerade die düsteren und erwachsenen Themen hätten für meinen Geschmack einen etwas weniger niedlichen Strich vertragen. Die großen Augen und weichen Formen schaffen gelegentlich eine Distanz zu den Abgründen, von denen die Geschichte erzählt. Der Vergleich mit „Saga“ liegt nahe, auch wenn „Sky Doll“ deutlich früher gestartet ist. Beide Serien mischen Weltraumabenteuer, Sex, Politik, fantastische Wesen, gesellschaftliche Konflikte und ziemlich komplizierte Beziehungen. „Saga“ findet dafür jedoch eine erwachsenere und oft kantigere Bildsprache. Daneben wirkt „Sky Doll“ gelegentlich wie die jugendfreie Fassung einer Geschichte, die inhaltlich ganz sicher nicht jugendfrei ist.

Das ist keine Kritik an der Qualität der Zeichnungen. Der Strich ist präzise, dynamisch und voller Details. Die Bonbonfarben ergeben gemeinsam mit der barocken Architektur, der Pop-Art und den Manga-Einflüssen eine vollkommen stimmige Welt. Fast jede Seite ist sorgfältig komponiert. Nur hätte dieser Welt ein wenig mehr Schmutz gutgetan.

Eine Soap im Weltraum

Die Handlung nimmt sich immer wieder die Freiheit, in eine neue Richtung abzubiegen. Figuren wechseln die Seiten, Beziehungen verändern sich, Geheimnisse werden gelüftet und durch neue ersetzt. Nicht jede Wendung wirkt zwingend. Manches ist einfach da, weil es spektakulär aussieht oder eine gute Pointe ermöglicht. Aber genau das gehört zum Vergnügen. „Sky Doll“ funktioniert ein wenig wie eine große Fernsehsoap im Weltraum. Irgendwann kennt man diese sonderbare Reisegruppe so gut, dass ihre Konflikte beinahe wichtiger werden als das nächste galaktische Ereignis. Die Figuren entwickeln eine vertraute Eigendynamik. Man möchte wissen, wer sich wieder in wen verliebt, wer wen verrät und was Noa als Nächstes über sich herausfindet.

Umso großzügiger ist es, den neuen Band als „Gesamtausgabe“ zu bezeichnen. Enthalten sind die vier bislang erschienenen Alben der Hauptreihe. Die Geschichte selbst ist damit jedoch nicht abgeschlossen. Sie hört auf, bevor die entscheidenden Fragen beantwortet sind. Es handelt sich also um eine Gesamtausgabe des bisher Veröffentlichten, nicht um die vollständige Erzählung. Das kann man ärgerlich finden. Seltsamerweise fühlt es sich nach mehr als 200 Seiten trotzdem nicht wie eine Enttäuschung an. Das offene Ende weckt vor allem den Wunsch, sofort weiterzulesen. Man freut sich beinahe darüber, dass das Abenteuer noch nicht vorbei ist. Wenn da nur schon etwas wäre, das man weiterlesen könnte.

Ein Geburtstagsgeschenk mit Schlüssel im Rücken

Zum 20. Geburtstag hat Splitter die vier Alben in eine auf 1.000 Exemplare limitierte Sonderausgabe gepackt. Der Hardcoverband umfasst 216 farbige Seiten im stattlichen Format von 23 mal 32 Zentimetern. Das große Papier gibt den detailreichen Zeichnungen den nötigen Raum, vor allem die leuchtende Kolorierung profitiert davon. Die Farben knallen, ohne dass die Seiten ihre Konturen verlieren. Mit 55 Euro ist der Band kein kleines Mitbringsel. Verarbeitung, Umfang und Präsentation machen daraus aber eine Ausgabe, die der Bedeutung der Serie gerecht wird. Splitter hat seinen Leserinnen und Lesern damit tatsächlich ein Geburtstagsgeschenk gemacht. Eines, das sie sich selbst kaufen müssen, aber irgendetwas ist ja immer.

„Sky Doll“ ist verspielt und politisch, albern und philosophisch, sexy und manchmal problematisch. Die Serie sieht aus wie Disney, denkt aber über Macht, Religion, Medien und sexuelle Selbstbestimmung nach. Nicht jeder Einfall landet sauber, nicht jede Wendung überzeugt und die Geschichte verweigert weiterhin ihr Ende. Trotzdem möchte man wissen, wie es weitergeht. Vielleicht ist das für eine Weltraumsoap das größte Kompliment.

Sky Doll Gesamtausgabe

Szenario: Barbara Canepa
Zeichnung: Alessandro Barbucci
Verlag: Splitter

ISBN: 978-3-68950-164-8
Einband Hardcover
Seitenzahl: 216
55 Euro
Link: https://www.splitter-verlag.de/sky-doll-gesamtausgabe.html