Die Graphic Novel nach Virginia Woolfs querem Klassiker ist eine Zeitreise in die Vergangenheit mit einer höchst modernen Geschichte.

Manche Bücher lassen sich nicht verfilmen. Manche lassen sich auch nicht illustrieren. Virginia Woolfs Orlando von 1928 schien lange zu beiden Kategorien zu gehören, ein Roman, der so sehr aus seiner eigenen Sprache besteht, aus Woolfs schwebender, ironischer, sich selbst kommentierender Prosa, dass jeder Versuch einer Übertragung als Hybris gelten musste. Dann kam Sally Potter 1992 mit Tilda Swinton und bewies das Gegenteil. Und nun kommt Susanne Kuhlendahl mit Tusche und Farbe und zeigt, dass der Irrsinn womöglich noch größer war als befürchtet, und dass er sich gelohnt hat.

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Die Vorlage: Ein Roman, der nicht stillsitzt

Wer Orlando nicht kennt, dem sei folgendes erklärt, ohne zu viel preiszugeben: Der Roman handelt von einem jungen englischen Adligen, der unter Königin Elisabeth I. am Hof lebt, mehrere Jahrhunderte lang nicht altert, irgendwann auf dem osmanischen Konstantinopel erwacht und dabei das Geschlecht gewechselt hat. Orlando ist fortan eine Frau, segelt zurück ins viktorianische England und kommt schließlich im frühen 20. Jahrhundert an, ungebrochen neugierig auf das Leben und auf die Liebe, beides in ständig wechselnden Erscheinungsformen.

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Woolf schrieb das Buch 1928 als liebevollen Scherz für ihre Freundin und Geliebte Vita Sackville-West. Es ist gleichzeitig Liebeserklärung, Satire auf den englischen Literaturbetrieb, Geschichtsrevision aus weiblicher Perspektive und queeres Manifest, bevor es den Begriff dafür gab. Was es nicht ist: ein Roman mit geradem Erzählstrang, verlässlichen Figuren und einem Plot, der sich in Panels fügen lässt. Kuhlendahls Herausforderung war beträchtlich.

Die Illustratorin: Eine Frau mit Gespür für schwieriges Material

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Susanne Kuhlendahl ist keine Anfängerin im Umgang mit literarischen Schwergewichten. Die deutsche Grafikerin und Illustratorin hat bereits Thomas Manns Tod in Venedig in Bildsprache übersetzt und eine grafische Biografie über Virginia Woolf selbst gezeichnet, erschienen 2021 im Knesebeck Verlag. Gerade diese Woolf-Biografie wurde ihr zum Schlüssel: Bei der Arbeit daran begegnete sie Orlando zum ersten Mal und verliebte sich in den Stoff. Die Bilder entstanden in ihrem Kopf, noch bevor die erste Skizze auf Papier kam.

Das ist kein unwesentliches Detail. Eine Adaption, die aus Begeisterung entsteht, sieht anders aus als eine, die aus Auftrag entsteht. Man merkt es. Kuhlendahl sagt, sie habe sich in Orlando verliebt, in den tollpatschigen Träumer, den romantischen Poeten, den leidenschaftlichen Liebhaber. Dieses Einverständnis mit der Figur trägt den gesamten Band.

Die Adaptation: Was bleibt, was weicht

Graphic Novels nach Literaturklassikern stehen immer vor derselben Grundsatzentscheidung: Wie viel Original darf, muss, soll man zeigen? Kuhlendahl löst das mit Klugheit. Sie zitiert sparsam und gezielt aus dem Original. Das ist die richtige Wahl. Wer versucht, Woolf nachzuschreiben, verliert. Wer versucht, Woolf wegzulassen, verliert auch. Also hält Kuhlendahl die Autorin wortwörtlich präsent: Woolf selbst taucht in der Graphic Novel immer wieder auf und kommentiert, wie sie es im Original tut, ihre Figuren und ihr Verhalten. Sie wirkt dabei öfter amüsiert als verwirrt, manchmal auch traurig oder zornig. Ein kluger Einfall, der das Erzählen auf zwei Ebenen hält und dem Buch seine Selbstreflexivität bewahrt.

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Besonders gelungen ist, wie Kuhlendahl mit der Frage der Identität umgeht. Ihre Zeichnungen von Orlando als Frau ähneln stark Fotografien von Vita Sackville-West, also der realen Person, der Woolf den Roman widmete. Das ist kein Zufall und kein Gimmick, sondern eine stille Verbeugung vor dem biografischen Kern des Buches.

Die Bilder: Eine Welt, die sich verwandelt

Kuhlendahls Stärke liegt im Atmosphärischen. Zu den eindrücklichsten Seiten gehören eine Doppelseite, die das Auftauen der Themse nach dem Großen Frost zeigt, eine weitere, die das Vergehen der Jahreszeiten und Jahre darstellt, und eine wortlose, regenbogenfarbene Ballszene. Das sind Momente, in denen die Graphic Novel die Prosa nicht nur übersetzt, sondern eigene Qualitäten entwickelt, die der Text nicht hätte leisten können.

Die Fähigkeit, verschiedene Epochen visuell voneinander zu unterscheiden, ohne dabei ins Kostümtheater zu kippen, ist ebenfalls bemerkenswert. Elisabethanischer Hof, osmanisches Konstantinopel, viktorianisches London, frühes 20. Jahrhundert: Jede Ära hat ihre eigene Bildsprache, ihre eigene Farbtemperatur, ihre eigene Körperlichkeit. Das ist Illustrationshandwerk auf hohem Niveau, nicht Staffage, sondern Erzählung.

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Das Buch: Format, Verlag, Preis

Orlando erschien im September 2025 im Schweizer Helvetiq Verlag, der sich in den letzten Jahren als ernstzunehmende Adresse für anspruchsvolle Graphic Novels etabliert hat. Das Buch umfasst 208 Seiten im Format 26 × 19 Zentimeter, gebunden, mit einem Vorwort der Woolf-Wissenschaftlerin Anna Snaith vom King’s College London. Dieses Vorwort ist keine Pflichtübung: Es rahmt die Lektüre mit dem nötigen literaturhistorischen Kontext, ohne besserwisserisch zu wirken.

Der Preis liegt bei 27 Euro. Für eine aufwändig gestaltete, gebundene Graphic Novel mit 208 Seiten ist das fair. Wer das Buch in die Hand nimmt, hält etwas, das wie ein Buch wirkt und sich auch so verhält: kein Heft, keine Broschüre, ein echtes Leseobjekt

Was man wissen sollte

Orlando ist kein einfaches Buch, weder das Original noch diese Adaptation. Wer eine lineare Abenteuergeschichte sucht, liegt falsch. Wer bereit ist, sich auf eine Erzählung einzulassen, die das Genre des Biografischen mit surrealen Elementen durchzieht, die Geschlecht als fließende Angelegenheit behandelt und dabei die englische Literaturgeschichte sanft verspottet, findet hier einen der außergewöhnlichsten Stoffe der Moderne. Und das in einer Bildübersetzung, die ihn respektiert, ohne ihn einzusperren.

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Es ist auch eine gute Einstiegslektüre für Menschen, die Woolf kennenlernen wollen, ohne den Roman zuerst zu lesen. Und für jene, die ihn kennen, ist es die Freude des Wiedererkennens, verbunden mit der Überraschung, was eine Zeichnerin daraus macht, die sich in ihre Figur verliebt hat.

Bücher, die aus Liebe entstehen, merkt man es meistens an. Bei diesem hier merkt man es auf jeder Seite.

Orlando

Eine Graphic Novel nach Virginia Woolfs querem Klassiker. Illustriert von Susanne Kuhlendahl.
Helvetiq Verlag. 208 Seiten, gebunden, 26 × 19 cm.
Erschienen September 2025.
ISBN 978-3-03964-100-0.
Preis: 27 Euro.
https://helvetiq.com/de/orlando-de