Es ist ein Rhythmus, so sicher wie die Festung der Einsamkeit: Alle paar Jahre hält DC Comics die Welt an, atmet tief durch und drückt den Reset-Knopf. Als Comic-Fan weiß man, dass der „Status Quo“ bei DC kein Dauerzustand ist, sondern eine Sandburg, die darauf wartet, von der nächsten großen Welle – sei es eine Krise, ein Zeitparadoxon oder ein kosmisches Ereignis – neu geformt zu werden.
Seit Jahrzehnten gehört es zur Tradition des Verlags, seine Ikonen wie Superman, Batman, Green Lantern und den Flash in regelmäßigen Abständen neu zu definieren. Mal sind es nur kleine Nuancen, mal radikale Dekonstruktionen ihrer Origin-Stories. Jetzt stehen wir mit der „Absolute“-Reihe vor dem vielleicht mutigsten Experiment der letzten 20 Jahre. Und ich muss zugeben: Nach all den Jahren des „Das kenne ich schon“ hat mich dieser Schlag in die Magengrube völlig unvorbereitet erwischt.
Die Kunst des Neuanfangs: Ein Blick zurück auf ausgewählte Krisen
Bevor wir in die düstere, faszinierende Welt von Absolute eintauchen, müssen wir verstehen, woher wir kommen.
Crisis on Infinite Earths (1985): Für mich die Mutter aller Reboots. DC räumte sein über Jahrzehnte verworrenes Multiversum mehrerer Erden auf. Ganze Welten starben, Helden wie Barry Allen (Flash) und Supergirl opferten sich, und am Ende blieb ein einziges, gestrafftes Universum übrig. Hier wurden die Grundlagen für die moderne Ära gelegt, in der Helden sterblich und ihre Geschichten nahbarer wurden.

Flashpoint / The New 52 (2011): Ein weiterer Wendepunkt, der fast alles veränderte – und für mich als Flash-Fan und Zeitparadoxon-Junkie eine extrem spannende Storyline. Barry Allen reiste in der Zeit zurück, um den Mord an seiner Mutter zu verhindern, und riss dabei das Gefüge der Realität in Stücke. Wir sahen eine Welt, in der Thomas Wayne der Batman war und Aquaman gegen Wonder Woman einen globalen Krieg führte. Es war das Ereignis, das die Tür für eine komplette Generalüberholung aufstieß. Nicht alle Konsequenzen waren für mich gelungen. Am Ende aber habe ich es geliebt, dass einer unserer Helden der Ausgangspunkt war und nicht ein Superschurke mit kosmischen Kräften.
Direkt aus Flashpoint geboren, wagte DC mit The New 52 den radikalsten Schnitt bis dato. Alle 52 DC Serien starteten bei Nummer 1. Superman trug keinen roten Slip mehr, sondern eine biomechanische Rüstung, und war eher ein ungestümer Außenseiter als der strahlende Pfadfinder. Die Origin-Stories wurden modernisiert, oft zum Leidwesen der Puristen, aber mit einer Energie, die viele neue Leser anzog.
DC Rebirth (2016): Kurskorrektur. Die DC Verantwortlichen merkten, dass der „New 52“-Ansatz vielen Fans zu düster und distanziert war. Ich wurde auch nie so richtig warm mit diesen Konstellationen und wie sich weiter entwickelt hatten. Rebirth brachte den Optimismus, das Vermächtnis und die klassischen Beziehungen (wie Lois & Clark) zurück. Es war eine Rückbesinnung, eine Liebeserklärung an die Geschichte des Verlags. Passte für mich seinerzeit.

Dawn of DC (2023): Die jüngste Initiative vor dem Absolute-Cut. Nach den Ereignissen (und erneute düsteren Auswirkungen) von Dark Crisis lag der Fokus hier darauf, das Universum erneut wieder eingängiger und abenteuerlastiger zu machen. Es ging darum, neue Titel einzuführen und den Helden eine frische Richtung zu geben, ohne die gesamte Historie zu löschen – ein sanfterer Neustart, der die Weichen für das stellte, was nun kommt. Soviel „eingängiger“ fand ich es dann aber nicht in jedem Fall. Die Reihe „Batman – Knight Terror“ mit dem Gegenspieler Insomnia beispielsweise, war sehr düster (ging halt um Alptraumwelten) und erinnerte mich auch optisch nicht selten an die Welt in der Spawn sonst unterwegs ist. Für Batman, too much für mich!
Mein Reboot-Highlight: Die Ära von Superman Blue & Red
Wenn wir über radikale Veränderungen sprechen, muss ich eine Ära erwähnen, die mich damals völlig aus der Fassung gebracht hat: Die Zeit nach „Final Night“ (1996) und was aus meinem geliebten Kryptonier wurde. Erinnern wir uns kurz: Die Sonne erlosch durch den Sun-Eater, die Erde fror ein, und Superman verlor im Kampf seine Kräfte komplett. Doch anstatt einfach irgendwann wieder der Alte zu werden, mutierte Clark Kent zu einem Wesen aus reiner Energie. Er trug diesen blau-weißen „Containment Suit“, konnte sich durch Telefonleitungen teleportieren und Blitze verschießen. Als er sich dann auch noch in zwei Persönlichkeiten aufspaltete – Superman Blue (der kühle Analytiker) und Superman Red (der hitzköpfige Kämpfer) – dachten viele: „Das war’s, der klassische Superman kommt nie wieder.“


Diese Phase hielt fast ein Jahr lang an. Es war eine Ewigkeit! Aber genau das fand ich damals einen echten Hammer. Es war kein billiger Trick für drei Ausgaben, sondern eine ernsthafte, lange Periode, in der man sich fragte, wie er jemals zu seinen ursprünglichen Kräften zurückfinden würde. Diese Experimentierfreude von damals sehe ich heute in der Absolute-Reihe wieder.

Absolute Superman: Ein sehr dystopischer Ansatz
Alles (Neue) begann mit einem speziellen Comic: DC All In Special #1 (erschienen Ende 2024). Das Besondere an diesem Heft ist sein besonderes Wende-Format.
- Die eine Seite (Alpha, auch DC Prime)): Erzählt die Geschichte aus der Sicht von Superman und der Justice League im regulären DC-Universum (Earth-0).
- Die andere Seite (Omega, DC Absolute): Erzählt die Geschichte aus der Sicht von Darkseid.
Beide Stränge bleiben locker miteinander verwoben. Jedoch am Ende erschafft Darkseid ein brandneues (zusätzliches)Universum: das Absolute Universe. Deshalb steht auf allen Absolute-Ausgaben auch der „Stempel“ ALL IN. Sie sind somit Teil eines dem „Elseworld“-Konzept sehr ähnlichem Prinzips: Was wäre wenn? Die „Reguläre“ DC Geschichten werden ebenfalls produziert.
Als ich die ersten Seiten von Absolute Superman (von Jason Aaron und Rafa Sandoval, erschienen bei Panini Comics) aufschlug, war mein erster Gedanke: Das ist nicht mein Metropolis. Und genau das ist das Beste daran. In der traditionellen Erzählung ist Superman das ultimative „Kind des Privilegs“ – er wurde von den liebevollen Kents in einem idyllischen Kansas aufgezogen und hatte moralische Leitplanken. In der Absolute-Timeline ist alles anders:
- Kein Baby-Start: Kal-El kam NICHT als schutzloses Baby zur Erde. Er landete unter völlig anderen Umständen, bereits gezeichnet.
- Kein Smallville: Kal-El hat keine menschlichen Eltern, die ihm beibrachten, wie man „gut“ ist. Er ist auf sich allein gestellt.
- Lois Lane: Unsere Leading-Lady präsentiert sich zunächst als Soldat einer Organisation, die eine Mischung aus dem orwellschen „Big Brother“ und dem „Imperium“. Jimmy Olsen hingegen ist Teil einer ominösen Widerstandsorganisation.
- Dystopie statt Glanz: Die Welt ist eine komplett unbekannte (zunächst), stark technologisch, technokratisch und düsterer als die vertraute Metropolis-Blase. Alles wirkt staubig, hart und gefährlich. Superman ist hier kein strahlender Gott, sondern ein Außenseiter, der sich seine Rolle in einer feindseligen Welt erst erkämpfen muss.

Ich bin sofort in diese Welt reingezogen. Die neuen Konstellationen zu lernen macht Spaß. Vielleicht brauche ich nach all den Jahren doch mal einen wirklich harten Cut, einen Reboot, der wehtut. Und dazu ist es noch absolut klasse gezeichnet – wuchtig, dynamisch und modern.
Es geht weiter
Ganz ähnlich verhält es sich bei Absolute Batman und Absolute Wonder Woman, die ich zwar noch nicht im Detail kenne, deren Ansätze mich aber jetzt schon neugierig machen. Absolute Batman (von Scott Snyder & Nick Dragotta): Bruce Wayne ist hier kein Milliardär mit Butler und High-Tech-Höhle. Er ist ein massiver Hüne aus der Arbeiterklasse, der sich seine Ausrüstung selbst zusammenschweißt. Das Bild von ihm mit einer Axt statt Batarangs ist ein echtes Statement. Absolute Wonder Woman: (Von Kelly Thompson & Hayden Sherman) – Diana ist hier die letzte Amazone. Sie wurde nicht auf einer paradiesischen Insel geboren, sondern in der Hölle aufgezogen. Sie nutzt Magie und ein Schwert, das buchstäblich Seelen schneidet.
Mit Flash, Green Lantern und Martian Manhunter sind bereits weitere Helden, im Absolute-Kosmos mit ihren Serien angekommen. Und da ich etwas spät in diese Welten einsteige, sind auch diese (und weitere) bereits bei DC Comics erschienen, welche in Deutschland ebenfalls von Panini Comics herausgegeben werden.
Mutig und konsequent
DC hat schon immer verstanden, dass man manchmal das gesamte Fundament wegreißen muss. Die „Absolute“-Reihe fühlt sich nicht wie ein Marketing-Gag an, sondern wie eine kreative Befreiung. Es bricht mit Traditionen, die wir für unantastbar hielten – und genau das macht es so spannend. Manchmal muss man eben alles auf Null setzen, um zu sehen, was einen Helden im Kern wirklich ausmacht. Wenn mich ein Superman ohne Farm und Daily Planet so sehr faszinieren kann, dann haben die Autoren vieles richtig gemacht.