Wer als Kind nie mit leuchtenden Augen vor einem Micky-Maus-Heft saß und sich vorgestellt hat, wie es wohl wäre, mit einem Kopfsprung in 30 Meter tiefe Goldmünzen einzutauchen (ohne sich dabei alle Knochen zu brechen, versteht sich), der hat Entenhausen nie wirklich geliebt. Für mich war der Geldspeicher immer der Inbegriff von Freiheit und Abenteuer – und Möglichkeiten. Und dieser Prachtband, „Dagobert Duck – Chronik der reichsten Ente der Welt“ (erschienen bei Egmont Comic Collection), ist nichts weniger als eine Verbeugung vor dem Lebenswerk eines Erpels, der uns mehr über die Welt gelehrt hat als jeder Erdkundeunterricht.
Hier wird die ewig klassische US-Story vom Tellerwäscher zum Millionär (oder eben Fantastilliardär) erzählt. Wobei man ehrlich sein muss: Bei Dagobert war der „Teller“ oft die eiserne Goldwaschpfanne, die er im Klondike hielt. Es ist die ultimative Geschichte des Erfolgs, aber mit Schnabel und Gamaschen.

Der Schöpfer: Carl Barks
Alles beginnt natürlich mit dem Großmeister selbst. Carl Barks (*1901 – †2000) war derjenige, der Dagobert 1947 eigentlich nur als Nebenfigur, nämlich Donalds Onkel, erfand, aber schnell merkte, dass in diesem griesgrämigen Milliardär das Herz eines unerschöpflichen Abenteurers schlägt.
Denn Barks besaß eine gewissen Ernsthaftigkeit, mit der er fremde Kulturen und historische Mythen behandelte. Er hat Kinder nicht für dumm verkauft; er hat Archäologie, Geographie und andere Wissenschaften in bunte Panels verpackt. Wenn Dagobert in einer Geschichte eine alte Karte ausgrub, dann wusste ich: Jetzt geht die Post ab. Diese Geschichten waren mein Fenster zur Welt, lange bevor ich selbst einen Pass besaß. Es ging in ferne Länder, aber auch zu berühmten Personen der Zeitgeschichte wie Marco Polo, die Gebrüder Wright, Roosevelt oder Buffolo Bill.
Das haben seine Nachfolger und Comic-Künstler Don Rosa und Kari Korhonen in Perfektion weitergeführt, durch die Jahrzehnte bis heute.

Ein Mosaik aus drei Federn
Komme wir also zum eigentlichen Clou dieser Zusammenstellung: ihre Struktur. Wir lesen hier nicht einfach eine chronologische Abfolge, bei der erst die alten Barks-Schinken kommen und am Ende die modernen Nachfolger. Nein, die Herausgeber haben sich für einen viel spannenderen Weg entschieden: Das Leben von Dagobert Duck wird als großes Mosaik skizziert, indem die Geschichten der drei Autoren – Barks, Rosa und Korhonen – ineinandergreifen. Wir springen nicht durch die Zeit der Veröffentlichung, sondern durch die Stationen eines Lebens. Jedes Kapitel, egal von wem es stammt, beleuchtet einen anderen Aspekt dieses vielschichtigen Charakters.
Es ist absolut beeindruckend zu sehen, wie harmonisch dieses Zusammenspiel funktioniert. Don Rosa und Kari Korhonen haben es geschafft, den Geist von Carl Barks so meisterhaft einzufangen und weiterzuführen, dass man als Leser kaum einen Bruch spürt. Sie sind keine bloßen Kopisten; sie sind Wächter eines Erbes. Durch diese Mischung erleben wirklich alle Generationen genau den Dagobert, den wir so lieben: Diesen grantigen, aufbrausenden Geschäftsmann, der bei der kleinsten Provokation aus der Haut fahren kann, aber dennoch eine Tiefe besitzt, die man in einem „Lustigen Taschenbuch“ gar nicht vermuten würde.

Von Ebenezer zu Dagobert
Diese Sammlung macht deutlich, dass Dagobert weit mehr ist als eine Karikatur des Reichtums. Er steht ganz in der Tradition seines literarischen (und nicht nur namentlichen) Vorbilds: Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens’ „Weihnachtsgeschichte“. Wie sein berühmter Namensvetter ist auch Dagobert ein grantelnder Griesgram, geformt durch ein entbehrungsreiches Leben und den ständigen Kampf gegen Konkurrenten und Ganoven. Doch tief unter der dicken Federdecke und dem harten Panzer aus Goldmünzen schlägt ein loyales und letztlich gutes Herz.
Es ist diese Ambivalenz, die ihn so menschlich macht. Er ist der einsame Wolf, der am Ende des Tages eben doch seine Neffen Donald und die Drillinge braucht, um wirklich „reich“ zu sein – und Antagonisten wie die Panzerknacker, um nicht einzurosten. Dass Barks diese Grundlage legte und Rosa sowie Korhonen sie mit so viel Liebe zum Detail und historischem Respekt ausgebaut haben, macht diese Chronik zu einem Pflichtkauf. Man merkt auf jeder Seite: Hier wurde nicht nur gezeichnet, hier wurde eine Legende gepflegt, die uns zeigt, dass man zwar nach dem Gold greifen kann, aber dabei niemals seinen Anstand verlieren darf.

Dieser Band ist für mich wie ein gut gefüllter Glückstaler-Sack. Ich ziehe meinen Zylinder vor Barks, Rosa und Korhonen. Danke, dass ihr uns gezeigt habt, dass die Welt hinter dem Hügel von Entenhausen erst anfängt.
Falls ihr danach noch nicht genug von der Familie Duck habt und mal sehen wollt, wie das Ganze beim ewigen Pechvogel der Sippe aussieht: Gerd hat einen ganz ähnlichen, fantastischen Blick auf Donald geworfen. Schaut unbedingt mal in die „Disney Comics Library. Carl Barks’s Donald Duck. Vol. 1. 1942–1950“. Es ist die perfekte Ergänzung, um zu verstehen, wie das Fundament dieser Welt gelegt wurde.

Dagobert Duck – Die Chronik der reichsten Ente der Welt
Verlag: Egmont Comic Collection
Hardcover, 26,5 x 19,4 cm, 448 Seiten
Redaktion: Fabian Gross
ISBN 978-3-7704-1103-0
49 Euro
Link zum Buch: https://www.egmont-shop.de/dagobert-duck-die-chronik-der-reichsten-ente-der-welt/