„Faust. Der Tragödie erster Teil“ ist nicht nur das wichtigste Werk von Johann Wolfgang von Goethe. Das Drama gilt als eines der bedeutendsten und meistzitierten Werke der deutschsprachigen Literatur. Man könnte meinen, dass nach mehr als 200 Jahren alles dazu erzählt wurde. Bis man die grafische Adaption von Nele Heaslip in den Händen hält.

Universalgelehrter, Jahrtausend-Autor, Lebemann: Es gab und gibt wohl keinen spannenderen Deutschen als Johann Wolfgang von Goethe. Wenn wir heute davon sprechen, dass Deutschland das Land der Dichter und Denker ist, liegt das am gebürtigen Frankfurter und sein großes Werk. Besonders „Faust“ prägte die deutsche Kultur wie wohl kein Buch davor oder danach – mit Ausnahme vielleicht der Bibel oder des Dudens. Dabei stammt die Idee zu Faust noch nicht einmal von ihm. Heinrich Faust, Hauptperson der Tragödie, hatte ein historisches Vorbild. Der reale Faust war ein Gelehrter, er lebte zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert, es rankten sich Sagen und Legenden um ihn. Wahrscheinlich sah Goethe als Kind ein Puppenspiel mit dem Stoff, die Faszination zur Figur ließ ihn nicht los – der Rest ist kulturhistorische Geschichte und der Startschuss der Moderne.

Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!

Faust, Mephisto und Gretchen haben viele Künstler zu eigenen Werken inspiriert. Gerne wird „Faust“ auch als Parabel auf den Wissensdurst, Verlockungen und Erkenntnisse genutzt. Wie es sich für einen zeitlosen Klassiker gehört, braucht es eine moderne Umsetzung, um relevant zu bleiben. Und die gibt es von Nele Heaslip. Natürlich ist Goethes Faust auch für sie einer der bedeutendsten Texte der deutschen Literatur. Aber sei nach ihren Worten auch ein Text, an den man sich sehr gewöhnt hat habe – ein Text, in dem jeder zweite Vers zum geflügelten Wort geworden sei. Und es stimmt, was im Begleittext zum Buch steht: Man könnte glatt dem Irrtum verfallen, dass mit Faust nun nichts Neues mehr anzufangen sei. Alle, die sich im Schulunterricht durch die Zeilen gekämpft und Verse auswendig gelernt haben, können beim Gedanken an Faust kaum ihr Gähnen unterdrücken.

Faust von Nele Heaslip

Oder man erobert sich den Stoff, wie es Nele Heaslip auf ihre ganz eigene Art gemacht hat. Sie glaubt, dass sich Faust jeder neuen Zeit, jeder neuen Gesellschaft auf eine neue Weise offenbart. „Die besten Geschichten sind diejenigen, die sich immer wieder erzählen lassen, und dabei nichts von ihrem Zauber verlieren.“ Daher war es ihr auch so wichtig, Goethes Text in ihren grafischen Inszenierung im Original beizubehalten. Allerdings hat sie sich dennoch ein paar Freiheiten genommen. Ihre Version der Geschichte des verzweifelten Gelehrten, der eine Wette mit dem Teufel eingeht, spielt in drei Zeitebenen: im Mittelalter, im Nationalsozialismus und in der Gegenwart. „Die Idee für die Dreiteilung ergab sich nach und nach. Sobald ich zu zeichnen anfing, geschah der Rest wie von selbst.“

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor.

Und das Ergebnis kann sich buchstäblich sehen lassen und bietet nahezu auf jeder Seite Überraschungen. Die Charaktere sind mit ihren harten Konturen genau gezeichnet, sie stecken voller Leben mit ihren ganz persönlichen Geschichten. Selbst Nebenfiguren sind liebevoll porträtiert. Nele Heaslip lässt sich bei der Gestaltung in kein Raster pressen. Mal braucht sie für ein Bild den gesamten Platz einer Seite, mal zerfasern die einzelnen Panels und bilden eine Collage. Es sind Stilmittel, wie man sie aus Filmen kennt, nur setzt Heaslip keine Schnitte, sondern kräftige Striche ein. Der Verzicht von Farbe hätte den alten Stoff trist wirken lassen können, doch das Gegenteil ist der Fall. Es ist eine hochmoderne Umsetzung, die eher an „Sin City“ als an deutsche Mythen erinnert. Mutig ist auch der Zeitsprung – und vielleicht auch doch wieder nicht. Schon Baz Luhrmann ließ Leonardo DiCaprio im Film „Romeo und Julia“ die Original-Verse aufsagen, während er Hawaii-Hemd trug und mit einer Knarre rumfuchtelte. Auch die teuflische Verbindung von Mephisto und den Nazis hatte bereits Klaus Mann hergestellt. Und über die Bedeutung von Faust mit Blick auf moderne Errungenschaften gibt es ganze Abhandlungen. Raum und Zeit verschwimmen, alles wirkt wie aus einem Guss. Was ist passiert, was könnte passieren? Wer ist Verführer und wer wurde verführt? So wird beim Lesen trotz aller Erkenntnisse am Ende die philosophischste aller Fragen schwarz auf weiß präsentiert: Was ist der Sinn des Lebens und wie kann der Mensch ihn finden?

„Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“

Es ist ein wenig paradox, dass gerade durch die Umsetzung als Comic besonders deutlich wird, wie prägend der Text für unsere Kultur und unsere Sprache ist. Viele Sätze sind fest in unserem Wortschatz verankert – und werden regelmäßig benutzt, häufig ohne die Herkunft wirklich zu kennen.

Faust von Nele Heaslip, Leseprobe
Faust von Nele Heaslip, Leseprobe

Nele Heaslip ist ein echtes Kunststück gelungen. Sie nimmt den Text ernst, geht aber spielerisch damit um und verleiht so mit klarem Strich dem altbekannten Figurenkabinett ein frisches Gesicht. Sie holt den alten Stoff in unsere Zeit und entstaubt dabei fast mühelos den Klassiker. Gerade der plausible Dreiklang der Zeitebenen zieht eine spannende und gleichzeitig erschreckende Linie. „Faust“ zeigt die Lust an Grenzüberschreitungen und gipfelt in der Unfähigkeit, die Gefahren daran zu erkennen. Es ist (die) deutsche Geschichte – und die wiederholt sich eben nicht nur im Deutschunterricht.

Ha! welche Wonne fließt in diesem Blick
Auf einmal mir durch alle meine Sinnen!
Ich fühle junges, heil'ges Lebensglück
Neuglühend mir durch Nerv' und Adern rinnen.
Faust von Nele Heaslip, Leseprobe
Faust von Nele Heaslip, Leseprobe

„Faust“ ist für Nele Heaslip ganz offensichtlich nicht nur ein spannende Story. Für die Künstlerin „verkörpert der kluge, übermütige, weit- und gleichzeitig kurzsichtige Heinrich Faust den Menschen selbst.“ Der Mensch also, der sowohl in seiner sensiblen Weitsicht die Fähigkeit aufweist, die Welt von ihren zahllosen, menschengemachten Konflikten zu erlösen. Und gleichzeitig der Mensch, der in seiner Unersättlichkeit die Tendenz hat, die Welt tiefer ins Verderben zu stürzen.

Das also war des Pudels Kern.

Letzlich geht es in dem Werk um die Hoffnung auf Erlösung durch ständiges Streben. Das Leben von Faust – und damit von uns allen – mag eine Tragödie sein. Es ist, klassisch männliches Trauma, das „Ewig-Weibliche“, das ihn erlösen soll. Ein Irrtum, in dem der (männliche) Mensch befangen bleibt. Mit dem ersten Band der kongenialen Umsetzung des Goethe-Stoffes zeigt uns Nele Heasplip, dass ein weiblicher Blick auf dieses Dilemma ein echter Lichtblick sein kann. Und es gibt einen Hoffnungsschimmer: Die Geschichte ist noch nicht zu Ende: Der zweite Band kommt erscheint demnächst.

Faust von Nele Heaslip, Cover

Faust. Der Tragödie erster Teil. Band 1

von Nele Heaslip
Text von Johann Wolfgang von Goethe
Hardcover, 20 x 28 cm
284 Seiten in S/W
Einband in Farbe mit Prägung und Spotlack
ISBN 978-3-948904-73-9
32,00 €
Link: https://www.jajaverlag.com/faust-i-band-1/