Ehrlich gesagt, meine letzte Begegnung mit Physik war in der 13. Klasse, und das Einzige, woran ich mich erinnere, ist, dass ich (aus Gründen) nur 5 Punkte hatte. Es war mir einfach zu kompliziert. Eigentlich sehr inkonsequent, denn: Als lebenslanger Fan von Superhelden-Comics (und Sci-Fi) habe ich mir schon zuweilen über die „Logik“ Gedanken gemacht. Wie kann Superman fliegen? Warum hat ein Held (oder Schurke) die eine oder andere Superkraft? Jahrzehnte späte stolpere ich über dieses Buch von James Kakalios, einem Professor der University of Minnesota. Der Mann ist kein trockener Akademiker – er hat Vorlesungen entwickelt, die dem Titel dieses Buches, Die Physik der Superhelden, ganz ähnlich waren. Seine Studenten haben es ihm gedankt. Letzter Fun-Fact vorweg: Er war auch wissenschaftlicher Berater beim Zack Snyder Watchmen-Film. Wenn jemand Dr. Manhattan erklären konnte, dann scheinbar er.

„Übernatürlich“ ist erlaubt, aber man darf doch mal checken

Das Beste an dem Buch: Kakalios macht uns nicht den Spaß kaputt und akzeptiert die Fähigkeiten der Helden. Dennoch gilt hier die Prämisse: „Aber ab jetzt gelten die Regeln unserer Welt.“ James Kakalios nimmt uns nämlich mit auf eine Tour, bei der die Physik nicht die Spaßbremse ist, sondern das charmante Mittel, um sich dem SUPER der Superhelden-Welt aus einer neuen Perspektive zu nähern.

Flash flitzt über das Wasser und fängt Pistolenkugeln

Aus Die Physik der Superhelden ©Rogner&Bernhard*

Wenn der Flash über den Ozean flitzt, sieht das superlässig aus. Aber Kakalios rechnet uns sehr genau vor, wie er das schaffen könnte. Damit er nicht im Wasser versinkt, muss er seine Füße nämlich so schnell auf die Oberfläche hämmern, dass das Wasser (ab einer Geschwindigkeit von 160 km/h) gar keine Zeit hat, zur Seite zu fließen – er nutzt die Oberflächenspannung wie einen harten Teppich. Okay, im Buch erklärt er das natürlich dann doch etwas ausführlicher – auch, warum Flash zwingend ein All-You-Can-Eat-Buffet-Abo bräuchte.

Der Autor macht hier aber nicht halt. Er nimmt sich Zeit und schaut sich (wie bei anderen Helden auch) weitere Fähigkeiten an und legt sie unter das „Physik-Mikroskop“. Pistolenkugeln fangen? Wände hochlaufen? Ist ebenfalls alles physikalisch erklärbar.

Superman und das Krypton-Workout

Aus Die Physik der Superhelden ©Rogner&Bernhard

Hattest du dich auch gefragt, warum Superman in früheren Comics nur „springen“ konnte? Ich dachte immer, weil er das Fliegen noch nicht gelernt hatte. Kakalios erklärt uns das mit einem „ultimativen Heimvorteil“. Kal-Els Heimat Krypton sei ein Planet mit einer Schwerkraft gewesen, die so extrem hoch war, dass jeder Bewohner dort Beine wie hydraulische Pressen haben musste, nur um morgens aus dem Bett zu kommen. Als Clark auf die Erde kam, war das für ihn, als würden wir plötzlich auf dem Mond spazieren gehen. Jeder Schritt ein Satz über ein Haus, jeder Stein so leicht wie ein Kiesel. Superman ist also gar nicht „übernatürlich“ stark, er ist einfach nur ein Typ, der sein ganzes Leben lang mit unsichtbaren 500-Kilo-Gewichten an den Beinen trainiert hat und jetzt auf der Erde im „Easy Mode“ spielt. Zumindest eine wissenschaftliche Erklärung.

Ant-Man: Der menschliche Presslufthammer

Schrumpfen ist super für Spione, aber physikalisch gesehen ist Ant-Man eine ziemliche Belastung für jeden Fußboden. Kakalios weist darauf hin, dass Ant-Man zwar winzig wird, seine Masse (also seine 80 Kilo Kampfgewicht) aber auf eine Fläche schrumpft, die kleiner ist als ein Ameisenbein. Wenn er also über dein Parkett läuft, lastet sein gesamtes Gewicht auf einem Punkt, der so scharf ist wie eine Nadel. Anstatt elegant über den Teppich zu schleichen, müsste Scott Lang eigentlich bei jedem Schritt durch den Boden brechen wie ein heißes Messer durch Butter. Er wäre kein Superheld, sondern ein menschlicher Locher, der eine Spur der Verwüstung im Laminat hinterlässt.

Ach ja, wo wir bei Ant-Man sind: Wenn er schrumpft, ist er komischerweise immer noch für alle zu hören, wenn er spricht. Kakalios weist hier jedoch auf ein akustisches Problem hin: die Resonanz. Die Tonhöhe einer Stimme hängt von der Größe der Stimmbänder und des Resonanzraums (Hals/Mund) ab. Ein geschrumpfter Ant-Man hätte so winzige Stimmbänder, dass seine Stimme in Frequenzen schwingen würde, die für das menschliche Ohr völlig unhörbar wären (Ultraschall). Er könnte also mit Ameisen kommunizieren, aber Captain America würde ihn schlicht nicht hören.

Magneto und der schwebende Plastikstuhl

Magneto Superkraft ist es, alles magnetische bewegen zu können (vereinfacht gesagt). Warum lässt er auch Plastikstühle fliegen und kontrolliert Nicht-Metalle? Klingt nach geschummelt, aber Kakalios rettet die Ehre des Meisters des Magnetismus, bzw. der jeweiligen Autoren der Geschichten. Er erklärt uns den Diamagnetismus: Fast alles auf der Welt (auch wir Menschen und der Salat in der Schüssel) reagiert ganz schwach auf Magnetfelder. Wenn Magneto also ein Feld erzeugt, das so unfassbar stark ist, dass es die Elektronen in einem Plastikstuhl zum Tanzen bringt, kann er ihn tatsächlich schweben lassen. Der Haken? Bei solchen Feldstärken würden wahrscheinlich alle Smartphones im Umkreis schmelzen und die Metallknöpfe an einer Jeans würden jeden quer durch den Raum schleudern.

Aus Die Physik der Superhelden ©Rogner&Bernhard

Der tragische Genickbruch der Gwen Stacy

Zum Schluss noch ein eher düsteres Beispiel: Wir alle lieben den freundlichen Spinnenmann, aber Kakalios zeigt uns schmerzhaft, dass Peter Parker in Biologie wohl besser war als in Mechanik. In dem legendären The Amazing Spider-Man #121 stürzt Gwen Stacy von einer Brücke. Spidey fängt sie mit seinem Netz kurz vor dem Aufprall auf dem Wasser ab. Er denkt, er hätte sie gerettet – doch sie ist tot. Die Physik kennt keine Gnade. Da Gwen im freien Fall eine mordsmäßige Geschwindigkeit draufhatte, wirkte das Netz in diesem Moment nicht wie ein rettendes Gummiband, sondern wie ein massives Stahlseil. Der abrupte Stopp – in der Physik nennen wir das die Impulsänderung – war so gewaltig, dass ihr Körper die Wucht einfach nicht schlucken konnte. Spidey hat sie zwar gefangen, aber die Trägheit ihres eigenen Schläfenbeins hat den Rest erledigt.

Ein Fall (pun intended), der sich auf diverse andere Szenen in Geschichten übertragen lässt, wo Menschen aus freiem Fall in ganz ähnlicher Manier (und offensichtlich nicht korrekt) gerettet werden.

Manchmal auch etwas abschreckend, aber dranbleiben!

Ich lüge nicht: Es gibt in dem Buch auch Formeln, die nicht immer nur Spaß vermitteln. Manchmal sieht man neben dem fast schon griffigen „Kraft gleich Masse mal Beschleunigung“ auch mal ein V²=2gh und man muss den Impuls überstehen das Buch kurz wegzulegen. Aber Kakalios schreibt so witzig und locker, dass man die Mathe-Teile fast wie die Sprechblasen in einem Comic liest. Er erklärt alles so, dass man den Kern der Sache versteht, auch wenn man die Gleichung nicht selbst lösen könnte.
„Die Physik der Superhelden“ ist das ultimative Upgrade für jeden Superhelden-Nerd. Wir lernen nicht nur, wie die Universen (nicht immer korrekt) funktionieren, sondern man bekommt eine völlig neue Wertschätzung für die vielen Autoren, die (manchmal aus Versehen) echte Physik in ihre Storys eingebaut haben.

*Die Physik der Superhelden lag uns in der Ausgabe von Rogner & Bernhard vor. Der Verlag existiert nicht mehr und weitere Auflagen sind über Zweitausendeins oder auch im Rowohlt Taschenbuch erschienen.