Ich bin ein absoluter Biografien-Junkie. Es gibt für mich kaum etwas literarisch Spannenderes, als große (und manchmal auch vermeintlich kleine) Akteure des Weltgeschehens auf ihrem Lebensweg zu begleiten oder darauf zurückzublicken. Solche Werke erlauben uns einen ganz persönlichen Blickwinkel auf Begebenheiten, die wir sonst nur aus den Zeilen der Geschichtsbücher kennen oder niemals von ihnen erfahren hätten.
In der Biografie von Eric Clapton (Mein Leben) findet sich beispielsweise eine Passage, in der er von einem Treffen mit den Beatles erzählt. Einige Zeit später erkannte ich in einer John Lennon-Biografie exakt dieselbe Szene aus einer völlig anderen Perspektive. Das ist wie ein Mosaik, das sich langsam zusammensetzt. Ikonen werden menschlich, Superstars nah- und Geschichte miterlebbar. Ob es nun Barack Obama ist, der auf dem beschwerlichen Weg zur US-Präsidentschaft von einer Wahl-Veranstaltung zur nächsten tingelt, oder der junge Bruce Springsteen, der mit leuchtenden Augen seine allererste Gitarre ersteht. Und ein Dave Grohl, der Geschichten von Kurt Cobain-T-Shirts in der irischen Pampa und von Abendessen mit AC/DC und Paul McCartney erzählt. Herrlich!
AusGEZEICHNETES Leben
Mittlerweile konnte ich auch einige Biografien in Form von Comics, Graphic Novels, lesen, die mich ebenso sehr fesseln wie die dicken Wälzer in meinem Regal. Das Medium eignet sich hervorragend dazu, den Charakter und das Wesen eines Menschen einzufangen. Wo Worte manchmal an ihre Grenzen stoßen, um eine Stimmung oder eine innere Zerrissenheit zu beschreiben, setzen die Zeichnungen an. Ein Gesichtsausdruck, die Wahl der Farben, die Architektur eines Panels – all das transportiert Emotionen unmittelbar. Die weitere Kunst ist es dann, den Platz in den Panels zu nutzen, um dem Ganzen textlich den passenden Kontext zu verleihen.

Ich möchte ein paar Beispiele aus dem Knesebeck Verlag vorstellen, aus deren Portfolio ich mir drei (eigentlich vier) Werke genauer angeschaut habe, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Und doch zeigen alle, wie lebendig Geschichte über die neunte Kunst transportiert werden kann.
„Verwandelt – Franz Kafka“ von Thomas Dahms & Alexander Pavlenko
Franz Kafka ist ein Gigant der Weltliteratur, aber auch eine der rätselhaftesten Figuren der Geschichte. Der Autor Thomas Dahms und der Zeichner Alexander Pavlenko wagen in Verwandelt das Experiment, diesen komplexen Geist visuell greifbar zu machen. Dahms, der als Historiker und Verleger ein Händchen für historische Kontexte hat, führt uns geschickt durch das Prag der Jahrhundertwende.
Pavlenkos Zeichnungen sind dabei das eigentliche Highlight: Sie fangen die beklemmende, oft surreale Atmosphäre von Kafkas Leben und seinen Werken meisterhaft ein. Dabei „hören“ wir häufig Kafkas eigene Stimme in Form seiner umfangreichen Tagebucheinträgen, die immer wieder tief in die Seele des Menschen hinter dem Künstler blicken lassen.
Die Biografie beschränkt sich nicht auf trockene Lebensdaten, sondern verwebt die literarischen Motive der „Verwandlung“ direkt mit Kafkas persönlichem Ringen mit seinem Vater, seinen Frauen und seiner jüdischen Identität. Ein visuelles Fest für jeden, der Kafka nicht nur lesen, sondern kennenlernen möchte. Kafkas vielleicht bekannteste Geschichte, Die Verwandlung, ist ebenfalls als eine sehr lesenswerte Graphic Novel von Corbeyran und Horne bei Knesebeck erschienen.

„Charlie Chaplin“ von Laurent Seksik & David François
Über Charlie Chaplin scheint eigentlich alles gesagt, doch Laurent Seksik (ein Spezialist für biografische Romane) und der Zeichner David François beweisen das Gegenteil. Sie konzentrieren sich nicht nur auf den weltberühmten „Tramp“, sondern auf den Menschen Charles Spencer Chaplin, der aus der tiefsten Armut Londons zum mächtigsten Mann Hollywoods aufstieg.

David François nutzt einen sehr dynamischen, fast schon karikaturhaften Stil, der perfekt zur Ära des Stummfilms passt. Die Panels sprühen vor Energie, fangen aber auch die Melancholie und den politischen Druck ein, unter dem Chaplin später stand. Es ist faszinierend zu sehen, wie Seksik die Balance zwischen der Slapstick-Ikone und dem oft schwierigen Perfektionisten hinter der Kamera hält. Man versteht nach dieser Lektüre viel besser, warum Chaplin die Massen bewegte und gleichzeitig sich als politischer Mensch mit Hochkalibern wie Winston Churchill oder Gandhi umgab und letztendlich sogar dem FBI ein Dorn im Auge war.
„George Orwell“ von Pierre Christin & Sébastien Verdier
Wer heute an allgegenwärtige Überwachung denkt, denkt an George Orwell. Doch wer war der Mann, der uns mit 1984 (auch bei Knesebeck in Comic-Form erschienen) eine Utopie schenkte, die zum Sinnbild für so vieles geworden ist, was uns gerade heute mehr bewegt denn je? Der Szenarist Pierre Christin – ein Urgestein des französischen Comics (bekannt durch Valerian & Veronique) – hat zusammen mit dem Zeichner Sébastien Verdier eine Biografie geschaffen, die so geradlinig und ehrlich ist wie Orwells eigener Schreibstil.

Verdier arbeitet überwiegend in einem klaren Schwarz-Weiß, was der Ernsthaftigkeit von Orwells Leben, welches er als Eric Blair begann, absolut gerecht wird. Wir erleben seine Zeit als Polizist in Birma und den Spanischen Bürgerkrieg. Aber auch seine Tuberkolose-Erkrankung und sein, von einem Freund betitelten kleinen „Buchprojekt über Tiere“, das in der Hochphase des 1. Weltkriegs entstand. Das Besondere: Immer wieder streuen namhafte Gastzeichner wie Enki Bilal oder Manu Larcenet farbige Sequenzen ein, die Orwells Visionen illustrieren. Christin zeigt uns Orwell nicht als Heiligen, sondern als einen Getriebenen, dessen Suche nach Wahrheit ihn fast das Leben kostete. Ein tief beeindruckendes Porträt eines Mannes, dessen Warnungen heute aktueller denn je sind.


Bonus-Kapitel: Falco
Die Begeisterung für diese Form der Lebensbeschreibung hat mich so sehr gepackt, dass ich letzter Zeit weitere Biografien gelesen haben. Falls ihr nach der Lektüre dieser drei Titel noch mehr Lust auf gezeichnete Schicksale habt, werft doch mal einen Blick auf meine Rezension zu der Biografie Falco – Leben und Sterben des Hans Hölzel. Diese Besprechung ist ebenfalls hier auf Sprechblasen.de erschienen und zeigt, wie man den Aufstieg und Fall des exzentrischen Musikers visuell berauschend inszenieren kann.
Empfehlen kann ich auch die Graphic Novels Castro von Richard Kleist (Carlsen Verlag) über Fidel Castro und Will Eisner – Lebensbilder (ebenfalls Carlsen), wo „der Vater der Graphic Novel“ in autobiografischen Geschichten Einblicke in sein Leben gewährt.

22.0 x 29.0 cm, gebunden, 152 Seiten
Übersetzt von: Anja Kootz
ISBN 978-3-95728-154-8

19.4 x 25.5 cm, gebunden, 128 Seiten
ISBN 978-3-95728-806-6

19.5 x 26.0 cm, gebunden, 224 Seiten
Übersetzt von: Anja Kootz
ISBN 978-3-95728-475-4