Mit seinem Roman „Der Goldene Handschuh“ warf Heinz Strunk einen literarischen Blick auf die Geschichte rund um Fritz Honka. Fast genau zehn Jahre später hat Ully Arndt den mörderischen Stoff mit seinem Comic noch einmal nachgezeichnet.

Hamburg 1974. Auch nach knapp 30 Jahren Frieden sieht man in der ganzen Stadt noch Spuren des Krieges. In den Straßen, an den Häusern und vor allem an den Menschen. Manchmal offensichtlich, wenn die Narben von Verwundungen zeugen. Manchmal erst, wenn die Versehrten und Gezeichneten ihren Mund aufmachen und die inneren Narben deutlich werden. „Die Nachkriegszeit ist ein Teil des Krieges“, sagt Heinz Strunk.

Seine Geschichte zeigt ein Milieu am Rande der Gesellschaft. Treffpunkt der Charaktere ist „Zum Goldenen Handschuh„, eine Kneipe an der Straße Hamburger Berg im Stadtteil St. Pauli. Der ehemalige Boxer Herbert Nürnberg hat die Kneipe 1953 eröffnet – seitdem wurde die Tür fast nie geschlossen. Rund um die Uhr sitzen die Gestalten der Nacht in der Absturzkneipe, am Tresen beginnen oder enden unzählige Geschichten. Wie die von Fritz Honka. Sein Körper ist durch einen Unfall entstellt, seine Seele durch sein Leben. Er ist Stammgast im „Goldenen Handschuh“, hier lauert er Stadtstreicherinnen auf, füllt sie ab und nimmt sie mit in seine kleine Dachgeschosswohnung in Ottensen, wo ein grausames Schicksal auf die Opfer wartet…

In der Zeißstraße 74 (Hamburg-Ottensen) wohnte Fritz Honka im Dachgeschoss

Mit seinem Roman „Der Goldene Handschuh“ gelingt Heinz Strunk ein Kunststück: Er wirft einen präzisen Blick auf die Menschen und ihr Umfeld, gleichzeitig nimmt er die Charaktere und ihre Situation erst. Er führt Mörder und Opfer nicht vor, stellt sie nicht in einem Kuriositäten-Kabinett aus. Fast mitfühlend beschreibt er ein Leben, was ganz nah und doch so fremd ist. Bei der Recherche zum Buch tauchte er tief in die Prozessakten ein und lernte den Mörder so posthum kennen. Die abscheulichen Fälle schildert Strunk möglichst genau. Beim Lesen des Romans entstehen grausame Bilder im Kopf. Man stellt sich vor, was die Frauen erleiden mussten, wenn sie in die Fänge von Honka gerieten. Auch die Sprache ist präzise, oft gemein und unflätig. Mit jeder Seite taucht man tiefer in die Geschichte ein. Nach der Lektüre möchte man sich unbedingt die Hände waschen.

Es wäre leicht gewesen, diesen Stoff optisch in ein Horror-Setup zu verfrachten. Für Ully Arndt kam das nicht in Frage. Als der Zeichner und Illustrator das Buch las, hatte er zwar auch Bilder im Kopf, allerdings eher nostalgische. Er erkannte sein Hamburg wieder und sah eine Zeit, die es so nicht mehr gibt. Als Kind begleitete er ab und zu seinen Vater, der als Bierverleger die Kneipen der Stadt mit Getränken versorgte. Er begegnete dabei Gestalten, die schon fast am Tresen wohnten und dort ihre weniges Geld versoffen. Bei der Umsetzung des Romans war ihm wichtig, die Protagonisten nicht als Monster darzustellen, er wollte ihnen ihre Menschlichkeit und Würde bewahren, während er tief in die Grausamkeit der Geschichte eintauchte.

Ully Arndt hat sich dafür entschieden, in der Comic-Umsetzung das Normale im Absurden zu entdecken und darzustellen. Die Männer tragen Schlaghosen und große Brillen. Man trinkt Eckes Edelkirsch oder Fako, also Fanta-Korn. Ein Einkauf im Supermarkt nimmt fast zwei Seiten des Comics ein. Man sieht einen Urlaub auf Sylt oder einen Besuch in der Kultkneipe „Onkel Pö“. Selbst die Szenen in der winzigen Dachgeschoss-Wohnung von Honka wirken nicht so bedrohlich, wie sie in der Realität waren. Es sind gezeichnete Andeutungen, ein Detail hier, eine skurriler Augenblick dort. Die Grausamkeit lauert zwischen den Bildern.

Ursprünglich wollte Ully Arndt „Der Goldene Handschuh“ in schwarz-weiß umsetzen, mit viel Kontrast und Schatten. Ein trister Stil für eine triste Welt. Ähnlich hatte Alan Moore in „From Hell“ die Morde des Jack the Rippet im London der Jahrhundertwende umgesetzt. Arndt entschied sich dann doch für Farbe, setzte diese aber großflächig und fast pastellig ein. Dieser gelungene Kniff nimmt der Geschichte den Horror, der patiniert wirkende Look macht aus „Dem Goldenen Handschuh“ noch mehr zu ein Zeitdokument. Die Morde von Honka sind ein Teil der Story, aber nicht unbedingt der wichtigste. Es geht um den Blick auf die Stadt, die Einwohner und das Milleu. Arndt ließ sich für seine Erzählform nicht von anderen Comics inspirieren, sondern vom Film „Hexenkessel„, den Martin Scorsese 1973 in den Straßen von New York drehte.

Wie in der Buchvorlage geht es daher auch im Comic nicht nur um Fritz Honka. Wir lernen die Familie von Dohren kennen. Sie lebt an der Elbchaussee in einer großen Villa. Der Patriarch war Reeder und Kriegsgewinnler, inzwischen hat sein Sohn den Laden übernommen – und runtergewirtschaftet. Die Familie wirkt von außen betrachtet wie das absolute Gegenstück zu Honka & Co. Reich statt arm, gebildet statt einfach gestrickt. Hier das Postkarten-Hamburg, dort die Kloake der Stadt. Und doch ist das alles nur Fassade. Die von Dohrens haben – jeder für sich – ebenfalls große Probleme. In der Vorlage von Heinz Strunk dienen die Psychosen aus einer vermeintlich heilen Welt als ein gelungener Gegenentwurf zum Elend in St. Pauli. Ully Arndt fügt der Geschichte noch ein paar ganz neue Seiten hinzu, wenn er die von Dohrens im Urlaub auf Sylt zeigt. Der Kontrast der Sommerbilder zur trostlosen Gosse könnte nicht größer sein – und passt gerade deshalb so perfekt.

Ully Arndt bereichert die Vorlage um weitere Facetten. So lädt er uns auch noch zu einem Besuch des Onkel Pö ein. Anfang der 1970er Jahre standen Udo Lindenberg oder Otto Waalkes auf der kleinen Bühne. Den Club gibt es längst nicht mehr, durch den visuellen Ausflug bleibt die Erinnerung daran erhalten. An mehreren Seiten entdeckt man weitere Details der Vergangenheit. Werbetafeln mit alten Zigarettenmarken, Neonschilder von ehemaligen Kiez-Läden, alte Zeitungen und Supermärkte. Dort, wo der Roman detailliert die Geschehnisse schildert, zeigt die grafische Umsetzung gut gewählte Ausschnitte. Gleichzeitig erlaubt der Comic durch die Verkürzung einen anderen Blick auf die Geschehnisse, was der Story das Monströse nimmt. Es geht Ully Arndt um die Darstellung von Menschen und nicht von Monstern, auch wenn das Leben manchmal sehr grausam sein kann.

Das Comic erlaubt eine optische Zeitreise in die Vergangenheit ohne Verklärung. Eines wird mit „Der Goldene Handschuh“ deutlich: Eine gute, alte Zeit – die gibt es nicht. Gute Geschichten liefert sie allerdings schon. Und diese bekommt sogar eine Fortsetzung. Für den zweiten Teil will sich Ully Arndt nicht so viel Zeit lassen, der Band ist bereits für Anfang 2027 angekündigt.

Heinz Strunk, 1962 in Hamburg geboren, ist Schriftsteller, Musiker und Schauspieler. Mit „Fleisch ist mein Gemüse“ schrieb Strunk seinen ersten Bestseller, mit „Ein Sommer in Niendorf“, das er gerade als Bühnenstück verfasst, und seinem aktuellen Roman „Zauberberg 2“ feiert Strunk ebenfalls große Erfolge. Als Autor und Darsteller gibt er in den Kalendern „Maximize your life“ für die Jahre 2024 und 2026 Tipps für ein erfolgreiches Leben. 2025 erscheint sein zweites Buch bei Lappan, die von André Breinbauer illustrierte Vampirgeschichte „Graf Fauchi und das verschwundene Gebiss“.

Ully Arndt, geboren 1961 in Hamburg, ist ein erfolgreicher Illustrator, Cartoonist, Comiczeichner, Autor und Produzent. Bereits mit 16 Jahren arbeitete beim Satiremagazin MAD. Während seines Kommunikationsdesign-Studiums an der Fachhochschule Armgartstraße konnte Arndt eigene Comicserien wie Knudchens AbenteuerIngo Igels Interview und Charlys Abenteuer im Sternchen, der Kinderbeilage des Magazins Stern, etablieren.

Es folgten die täglichen Strips Otto’s Ottifanten, eine erfolgreiche TV-Serie sowie ein Spielfilm der Ottifanten. Seither sind viele seiner weiteren Kreationen Teil der deutschen Comic-Popkultur: Post-RolfFerdi FuchsCool FlamePlayboy-Cartoons und die Hörspielserie Die Punkies.

Seit 1992 betreibt Ully Arndt sein Comic- und Animationsstudio in Hamburg-Altona. www.ullyarndtstudios.de

Der Goldene Handschuh von Ully Arndt und Heinz Strunk

Verlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-74500-2
ab 16 Jahren
20,00 €
Link: https://www.carlsen.de/reihe/der-goldene-handschuh?srsltid=AfmBOooI1BUYeaPdiwpBPsMg5GtCYzgYPqU88eeOX-NDA-AMFICLS3kr