Mein Vater war Seemann. Vielleicht habe ich deshalb ein Faible für Männer, die in Comics an Deck stehen, durch Häfen streifen oder wenigstens eine Mütze tragen, die danach aussieht. Kapitän Haddock gehört dazu, Barney Jordan aus „Andy Morgan“, natürlich Popeye und meinetwegen auch Donald Duck. Der läuft schließlich seit Jahrzehnten im Matrosenanzug herum, ohne je eine Hose anzuziehen.
Mein persönlicher Star unter den gezeichneten Seeleuten ist allerdings Corto Maltese. Er ist geheimnisvoll, elegant und ein wenig ruchlos. Einer, der aussieht, als sei er mit allen Wassern gewaschen, aber trotzdem noch neugierig auf die Welt. Corto hat dieses gewisse Etwas, das man gern selbst hätte. Haltung, Gelassenheit, Mut und stets einen passenden Satz auf den Lippen. Gleichzeitig ist er innerlich ein wenig gebrochen.


Weil ihm die Glückslinie auf der Hand fehlt, ritzt er sie sich kurzerhand mit einem Messer selbst hinein. Viel besser kann man einen Glücksritter kaum vorstellen. Corto wartet nicht darauf, dass das Schicksal es gut mit ihm meint. Er hilft nach. Dass man sein Glück trotzdem nicht immer in der Hand hat, zeigen seine Abenteuer ziemlich zuverlässig. Aufhalten lässt er sich davon nicht.
Ein Abenteurer ohne Flagge
Hugo Pratt ließ Corto Maltese 1967 erstmals in „Die Südseeballade“ auftreten. Dort treibt er, an ein Floß gefesselt, über den Pazifik. Schon dieser Auftritt macht deutlich, dass Corto kein gewöhnlicher Held werden sollte. Er kommt nicht triumphierend ins Bild. Er muss erst einmal gerettet werden. Danach eroberte er die Welt. Jedenfalls die gezeichnete. Corto reist durch die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, begegnet Revolutionären, Soldaten, Schmugglern, Abenteurern und historischen Persönlichkeiten. Er gerät in Kriege, politische Umbrüche und Schatzsuchen. Dabei bleibt er ein Mann ohne feste Flagge. Freiheit und Freundschaft bedeuten ihm mehr als Staaten, Befehle oder gesellschaftlicher Rang.
Eigentlich besitzt die Figur alles, was einen Welterfolg ausmacht: wilde Kerle, ferne Länder, spannende Geschichten, Mut, Magie, Verrat und genügend Fernweh für mehrere Leben. Trotzdem ist Corto Maltese kein Name, den man in jedem Haushalt kennt. Jedenfalls nicht so wie Tim, Asterix oder Lucky Luke. Mehrfach wurde eine Verfilmung geplant. Über das Entwicklungsstadium kamen die Projekte nie hinaus. Immerhin entstanden mehrere Animationsfilme und eine Zeichentrickserie. Vielleicht ist Corto aber auch eine Figur, die sich einer allzu eindeutigen Umsetzung widersetzt. Ein Teil seines Reizes liegt schließlich in dem, was Pratt nur andeutet.
Ein paar Striche genügen
Pratts Bilder wirken oft, als seien sie mit leichter Hand entstanden. Doch diese Leichtigkeit ist das Ergebnis großer Genauigkeit. Ein paar schwarze Flächen, wenige Linien, ein Gesicht, das kaum ausgearbeitet scheint. Mehr braucht er häufig nicht. Andere Zeichner hätten einen Hafen mit Kränen, Schiffen und Lagerhallen gefüllt. Pratt setzt einen Horizont, eine Mauer und eine dunkle Silhouette. Den Rest erledigt der Kopf. Seine Seiten sind nicht leer, sie lassen Raum.

Der Kontrast von Schwarz und Weiß prägt dabei nicht bloß die Optik. Er gehört zum Rhythmus der Geschichten. Schatten können bei Pratt zu ganzen Landschaften werden. Gesichter verschwinden darin oder tauchen plötzlich auf. Action wechselt sich mit stillen Momenten ab. Manchmal scheint Corto einfach nur dazustehen, zu rauchen und die Welt zu betrachten. Trotzdem hat man nie das Gefühl, dass nichts passiert.
Pratt wurde 1927 in Rimini geboren und wuchs vor allem in Venedig auf. Einen Teil seiner Jugend verbrachte er in Äthiopien. Später lebte und arbeitete er unter anderem in Argentinien, England, Frankreich und der Schweiz. Seine Biografie liest sich beinahe wie eine Route, die auch Corto hätte nehmen können. Pratt kannte die Fremde nicht bloß aus Atlanten. Seine Geschichten profitieren von dieser Erfahrung, ohne zu Reiseberichten zu werden. Geschichte, Politik, Literatur und Mythologie mischen sich darin mit klassischem Abenteuer. Die offizielle Pratt-Biografie verzeichnet insgesamt 29 von ihm geschaffene Corto-Geschichten.
Hugo Pratt starb 1995. Zwanzig Jahre später nahmen Juan Díaz Canales und Rubén Pellejero die klassische Reihe wieder auf. Seit 2021 existiert außerdem eine zeitgenössische Neuinterpretation von Martin Quenehen und Bastien Vivès. Corto reist also weiter, inzwischen auf unterschiedlichen Routen.
Vier Reisen mit Hugo Pratt
Mit „Corto Maltese: Fable of Venice and Other Adventures“ macht Fantagraphics vier Geschichten von Hugo Pratt wieder auf Englisch zugänglich. Der Band enthält die drei kürzeren Abenteuer „The Secret of Tristan Bantam“, „So Much for Gentlemen of Fortune“ und „The Seagull’s Fault“ aus dem Jahr 1970 sowie die längere, erstmals 1977 veröffentlichte Geschichte „Fable of Venice“.
Den Auftakt bildet „Fable of Venice“. Im Venedig des Jahres 1921 folgt Corto dem Rätsel eines verstorbenen Freundes. Gesucht wird ein mystischer Smaragd, der angeblich Türen zu verborgener Magie öffnen kann. Freimaurer, Okkultisten und aufkommende Faschisten interessieren sich ebenfalls für den Stein. Selbst ein Toter taucht plötzlich wieder auf. Pratt macht aus Venedig kein hübsches Postkartenmotiv. Seine Stadt besteht aus verwinkelten Gassen, Treppen, Innenhöfen, Symbolen und Geheimnissen. Ständig scheint sich hinter der sichtbaren Welt noch eine zweite zu verbergen. Traum und Wirklichkeit gleiten ineinander. Corto stolpert, fällt, verschwindet und taucht wieder auf. Die Stadt selbst wird zur Mitspielerin und vermutlich weiß sie mehr als alle Figuren zusammen.

Das ist nicht die geradlinigste Corto-Geschichte. Pratt setzt Wissen über Freimaurerei, islamische Einflüsse auf die europäische Architektur und den Schriftsteller Baron Corvo voraus oder wirft es einfach in den Raum. Man muss nicht jede Anspielung verstehen. Es reicht, sich auf dieses Labyrinth einzulassen. Gerade darin liegt der Reiz der Geschichte. Die drei kürzeren Abenteuer zeigen Corto von einer etwas zugänglicheren Seite.
In „The Secret of Tristan Bantam“ begegnet er in Paramaribo einem jungen Mann, der Unterlagen über das versunkene Reich Mu geerbt hat. Natürlich interessieren sich auch weniger vertrauenswürdige Menschen für das Erbe. Mit Professor Jeremiah Steiner und Madame Java treten zudem zwei Figuren auf, die wunderbar in Pratts Welt passen. Ein gescheiterter Gelehrter und eine Messerwerferin, die sich mit schwarzer Magie auskennt. Bei anderen Autoren wäre das bereits zu viel. Bei Pratt wirkt es wie eine völlig normale Reisegesellschaft.
„So Much for Gentlemen of Fortune“ ist die klassische Schatzsuche des Bandes. Piratengold lockt Männer an, die sich für Glücksritter halten und bei der Aussicht auf Reichtum schnell vergessen, was Ehre bedeutet. Corto ist mittendrin, wirkt aber nie wie ein gieriger Schatzsucher. Geld interessiert ihn durchaus. Nur eben nicht genug, um dafür seine Haltung aufzugeben.
„The Seagull’s Fault“ beginnt mit einem verwundeten Corto, der sein Gedächtnis verloren hat. Die Geschichte ist stiller und persönlicher. Pratt braucht hier besonders wenig, um viel zu erzählen. Ein Strand, eine Möwe, einige reduzierte Linien. Corto erscheint plötzlich nicht als unerschütterlicher Abenteurer, sondern als Mensch, dem sogar die eigene Geschichte abhandenkommen kann.
Schwarz, weiß und sehr lebendig
Der Band erscheint als 132-seitiges Paperback im Format 7,5 mal 10 Zoll. Die englische Fassung stammt von Dean Mullaney und Simone Castaldi. Vor allem aber sind die Geschichten in Schwarz-Weiß gedruckt. Das gefällt mir ausgesprochen gut. Pratts Zeichnungen benötigen keine Farbe, um lebendig zu werden. Im Gegenteil. Schwarz und Weiß legen offen, wie sicher jede Linie sitzt. Man sieht den Schwung des Pinsels, die großen Flächen und die Stellen, an denen Pratt bewusst auf Details verzichtet. Die Bilder wirken dadurch nicht unfertig, sondern konzentriert.
Für mich kommt noch etwas anderes hinzu. Ich kannte die Geschichten bislang nur in deutscher Übersetzung. Corto auf Englisch zu lesen, verändert den Klang. Die knappen Dialoge, seine trockenen Bemerkungen und das internationale Personal passen erstaunlich gut in diese Sprache. Natürlich bleibt auch die englische Ausgabe eine Übersetzung. Trotzdem fühlt sie sich an manchen Stellen an, als würde man Corto in einer anderen Hafenkneipe treffen.

Die Zusammenstellung ist nicht chronologisch und für völlige Neulinge anfangs etwas fordernd. Vor allem „Fable of Venice“ wirft Figuren und Anspielungen in die Handlung, ohne jeden Zusammenhang zu erklären. Wer Corto bereits kennt, wird genau das mögen. Wer ihn hier zum ersten Mal trifft, sollte sich nicht davon abschrecken lassen. Dieser Seemann erklärt schließlich auch sonst nicht gern, woher er kommt. Fantagraphics versteht den Band als Einstieg in eine neue amerikanische Veröffentlichung von Pratts Corto-Geschichten. Eine auf sechs großformatige Hardcover angelegte Gesamtausgabe soll folgen. Der erste Band ist für Dezember 2026 angekündigt.
Das sind gute Nachrichten. Corto Maltese gehört zu jenen Comicfiguren, die immer wieder neu entdeckt werden müssen. Vielleicht wird er nie so bekannt wie Tim oder Donald Duck. Dazu ist er zu widersprüchlich, zu geheimnisvoll und wahrscheinlich auch ein wenig zu erwachsen. Aber womöglich passt genau das zu ihm. Corto war nie der Mann, der in jedem Hafen bleiben wollte. Hauptsache, seine Reise ist noch lange nicht vorbei.

Corto Maltese: Fable of Venice
Verlag: Fantagraphics
Hugo Pratt
Link: https://www.fantagraphics.com/products/corto-maltese-fable-of-venice-and-other-adventures
