„Der Magier im Kreml“ von Luc Jacamon ist nach „Salvator Mundi“ der zweite Real-Thriller aus meine Leseliste. Und was soll ich sagen, nachdem ich von der dubiosen Welt des Kunsthandels schon so angetan war, tauche ich gleich in eine weitere düstere Szenerie voller Intrigen und Geheimnisse ein. Die Graphic-Novel-Adaption des preisgekrönten, gleichnamigen, Bestsellers von Giuliano da Empoli verspricht einen tiefen Blick in die Abgründe der russischen Machtpolitik. Da der Hamburger Verlag schreiber&leser bereits in der Vergangenheit Gespür für anspruchsvolle, Comic-Kost bewiesen hat, sind meine Erwartungen an diesen Band entsprechend hoch. Ich werde nicht enttäuscht, so viel vorweg.

Verantwortlich für die grafische und auch inhaltliche Umsetzung ist der französische Zeichner Luc Jacamon. Fans frankophiler Crime-Comics ist er vor allem als Zeichner des Kult-Thrillers „Der Killer“ (zusammen mit dem Autoren Matz) ein Begriff. Jacamon zeichnet sich durch seine Fähigkeit aus, kühle, kalkulierte Entfremdung und präzise Charakterstudien in atemberaubende Sequenzen zu übersetzen. Für eine politische Dystopie, wie bei “Der Magier im Kreml“, die auf realen historischen Ereignissen basiert, ist er somit der ideale Künstler.

Aus: Der Magier im Kreml, copyright Verlag schreiber&leser

Zerfall der Sowjetunion bis zum Ukraine-Krieg

Inhaltlich führt die Graphic Novel direkt in das Zentrum der Macht des nach-sowjetischen Russlands. Im Mittelpunkt steht die fiktive Figur Wadim Baranov – eine Gestalt, die stark an Putins realen Ex-Chefstrategen Wladislaw Surkow angelehnt ist. Baranov, ursprünglich ein Theaterregisseur und Produzent von Reality-TV, wird zum Strippenzieher hinter dem Aufstieg eines unscheinbaren KGB-Mannes, der im Buch nur als „der Zarewitsch“ bezeichnet wird. Die Erzählung entschlüsselt, wie Fiktion, Medieninszenierung und bewusste Verwirrung zu den mächtigsten Waffen eines modernen autoritären Regimes wurden.

Aber auch die anderen Haupt- und Nebenfiguren sind spannend gezeichnet (im doppelten Sinne).

Vladimir Putin, der durchgängig nur „der Zarewitsch“ genannt wird. Er taucht nicht nur am Rande auf, sondern bildet den Kern der Handlung. Die Graphic Novel zeigt sein erstes Aufeinandertreffen mit Wadim Baranov im Café, seinen Aufstieg vom unscheinbaren Ex-KGB-Beamten und Geheimdienstchef zum Premierminister und schließlich zum unanfechtbaren Herrscher Russlands. Luc Jacamon zeichnet ihn dabei als kühlen, berechnenden und verschlossenen Machtmenschen. Er fängt dabei vor allem die Unnahbarkeit und das kontrollierte Auftreten Putins bildlich ein.

Aus: Der Magier im Kreml, copyright Verlag schreiber&leser

Und dann sind ja noch Boris Beresowski, ein maßloser, extrem einflussreicher Oligarch der 1990er-Jahre, der glaubt, den Putin als Marionette steuern zu können.  Oder auch der Erzähler, der als französischer Forscher nach Moskau reist und sich in einer langen Winternacht auf einer Datscha die Lebensgeschichte des zurückgezogenen Ex-Beraters Baranov anhört.

Flexible Farbpalette

Grafisch liefert Jacamon abermals ein absolutes Meisterwerk ab. Sein Strich ist extrem präzise, elegant und zeichnet sich durch eine fantastische Dynamik in den Gesichtern und Gesten aus. Besonders beeindruckend fällt die Farbpalette aus: Jacamon arbeitet stark mit atmosphärischen Stimmungen, bei denen kalte Blautöne und düstere Grauschattierungen der Moskauer Winterlandschaft gegen das nächtliche Neonlicht der Clubs oder das warme, aber erdrückende Gold des Kremls kontrastiert werden. Jedes Panel wirkt durchdacht komponiert, ohne dass der Erzählfluss ins Stocken gerät.

Aus: Der Magier im Kreml, copyright Verlag schreiber&leser

Jacamon lässt uns in die Zeit(en) einsteigen

Ich bin wirklich begeistert wir gut es Jacamon gelingt, die Balance zwischen politisch-philosophischem Tiefgang und visueller Unterhaltung zu halten. Die Mechanismen von Propaganda und Spin-Doctoring macht der seinen Lesern bildhaft deutlich. Ich habe die Romanvorlage nicht gelesen und kann vor daher nicht berichten, was fehlt oder gar geändert wurde. Da aber die Tochter des Autoren Giuliano da Empoli, Thea, Jacamon beim Szenario unterstützt hat, gehe ich mal davon aus, dass hier eine gewisse Werktreue vorausgesetzt werden kann.

Am Ende bleibt „Der Magier im Kreml“ für eines der stärksten Graphic-Novel-Highlights des Jahres. Wer verstehen möchte, wie moderne Machtarchitektur funktioniert und welche Rolle Medien inszenatorisch darin spielen, wird nicht enttäuscht. Ein kompromissloses Werk, das im Gedächtnis bleibt und zum Nachdenken anregt.

Titel: Der Magier im Kreml
Autor / Zeichner: Luc Jacamon (nach dem Roman von Giuliano da Empoli)
Verlag: schreiber&leser
Seitenzahl: 144 Seiten
Preis: 24,80 €
ISBN-Nummer: 978-3-96582-149-1