Ich muss es zugeben: Ich bin ein Fan von Régis Loisel. Vor vielen Jahren fiel mir der erste Band seines „Peter Pan“ in die Hände. Und ich war von der ersten Seite an verzaubert. Loisels Version ist eine großartige Adaption des Stoffes von James M. Barrie, angereichert mit einer großen Prise Charles Dickens. Genaue Charakterstudien, starke Einfälle, viele Überraschungen. Dazu Zeichnungen, die auf den ersten Blick fast kindlich wirken, dabei aber eine unglaubliche Tiefe besitzen. Nach „Peter Pan“ habe ich „Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit“ gelesen. Loisel war dort „nur“ für die Zeichnungen verantwortlich. Doch auch hier waren die Figuren herrlich ausgearbeitet und wunderschön in Szene gesetzt. Spätestens da war es um mich geschehen.

Nun liegt also „Das letzte Haus am Rand des Waldes“ vor mir. Die Geschichte stammt von Jean-Blaise Djian, Loisel liefert die Zeichnungen. Und er enttäuscht nicht.

Ein schöner Mann. Findet er jedenfalls

Im Mittelpunkt steht Pierrot, ein Postbote, der optisch nicht unbedingt dem klassischen Schönheitsideal entspricht. Das weiß nur leider jeder außer ihm selbst. Pierrot hält sich für einen ausgesprochen attraktiven Mann und wundert sich, warum ihm das niemand bestätigt. Noch rätselhafter ist, weshalb seine Verabredungen regelmäßig scheitern. Der Grund dafür wird erst nach und nach deutlich: Pierrot wurde verzaubert. Und hinter diesem Zauber steckt ausgerechnet seine Mutter Yvette. Sie hat es sich im letzten Haus am Rand des Waldes gemütlich gemacht und sich dort mit allerlei Tricks und Magie eine Welt geschaffen, wie sie ihr gefällt. Wer würde das nicht tun, wenn er die Macht dazu hätte? Immer nur Gutes für andere? Das wäre vielleicht edel, aber auf Dauer auch ein wenig anstrengend. Yvette denkt da praktischer. Ihr Mann steht als Statue herum, Homunkulus-Diener kümmern sich um den Haushalt und fleischfressende Pflanzen gehören gewissermaßen zur Familie. Yvette zieht alle in ihren Bann. Buchstäblich.

Ein Fest für die ganze Familie

Anlässlich einer Geburtstagsfeier versammelt sich die Verwandtschaft in der Villa. Lebende und Belebte, Verzauberte und Unverzauberte treffen aufeinander. Dann taucht Mimi auf und bringt die sorgsam zusammengehexte Ordnung gehörig durcheinander. Was folgt, ist ein ganz besonderes Familienfest. Wobei „Familie“ hier ein weiter Begriff ist und „Fest“ nicht unbedingt bedeutet, dass alle Beteiligten am Ende zufrieden nach Hause gehen.

Djian erzählt eine Geschichte über jene, die übersehen, ausgelacht oder vorschnell beurteilt werden. Über Menschen, die Aufmerksamkeit suchen, geliebt werden wollen oder sich ihre Wirklichkeit so lange zurechtbiegen, bis sie ihnen gefällt. Das klingt schwerer, als es sich liest. Denn „Das letzte Haus am Rand des Waldes“ predigt nicht. Der Comic stolpert, tanzt und lärmt durch seine Themen. Er ist bezaubernd und verzaubernd. Skurril und absurd. Opulent und obszön. Bunt und laut. Abstoßend und anziehend zugleich.

Loisel zeichnet, als gäbe es kein Morgen

Régis Loisel ist hier ganz in seinem Element. Seine Figuren entsprechen selten gängigen Vorstellungen von Schönheit. Ihre Körper sind knubbelig, ausladend, knochig oder grotesk. Nasen ragen in die Welt, Münder verziehen sich, Gesichter erzählen schon vor dem ersten Wort ganze Lebensgeschichten. Gerade deshalb wirken diese Figuren lebendig. Bei Loisel ist Hässlichkeit kein Makel, sondern Charakter. Jede Falte, jede schiefe Haltung und jeder skeptische Blick verrät etwas über den Menschen dahinter.

Auch das Haus ist mehr als eine Kulisse. Es wuchert, ächzt und scheint beinahe selbst am Familienfest teilzunehmen. Überall gibt es Details zu entdecken. Pflanzen, Möbel, seltsame Wesen und noch seltsamere Verwandte drängen sich ins Bild. Die Seiten wirken übervoll, aber nie beliebig. Loisel beherrscht dieses kontrollierte Chaos. Dabei steckt unter all der Groteske erstaunlich viel Zärtlichkeit. Djian und Loisel lachen nicht über ihre Außenseiter. Sie lassen sie laut, lüstern, egoistisch, verletzlich und manchmal ziemlich unangenehm sein. Also menschlich.

Ein Festmahl für Comicfans

„Das letzte Haus am Rand des Waldes“ ist kein fein sortiertes Märchen. Der Band lebt vom Übermaß, von seinen Gegensätzen und von Figuren, die sich nicht ordentlich in Schubladen verstauen lassen. Manchmal möchte man genauer hinsehen, manchmal lieber kurz wegschauen. Meistens tut man beides gleichzeitig.

Wären Comics Leckereien, wäre dieser Band ein Festmahl aus exotischen Zutaten. Auf der Speisekarte klingt die Zusammenstellung zunächst gewagt. Nach dem ersten Bissen fragt man sich, ob das wirklich zusammenpasst. Und plötzlich explodieren die Aromen.

Loisel-Fans dürfen sich ohne Bedenken an den Tisch setzen. Alle anderen sollten ruhig einmal probieren.

Das letzte Haus am Rand des Waldes

Verlag: Splitter
ISBN: 978-3-69258-009-8
Szenario: Jean-Blaise Djian
Zeichnung: Régis Loisel
Übersetzung: Harald Sachse
Einband: Hardcover
Seitenzahl: 168
Preis: 35 Euro
Link: https://www.splitter-verlag.de/letzte-haus-am-rand-des-waldes.html