Als leidenschaftlicher Comic-Leser haben mich schon immer diejenigen Graphic Novels besonders begeistert, die sich beim Lesen wie ein packender Roman – oder sogar wie ein richtig gut geschriebener Groschenroman im allerbesten Sinne – anfühlen. Geschichten, die tief in der echten Welt verankert sind, reale Wendungen aufgreifen und einen so sehr fesseln, dass man völlig vergisst, dass man hier eigentlich ein gezeichnetes Werk in den Händen hält. Genau in diese Kerbe schlägt „Salvator Mundi“ aus dem Knesebeck Verlag.
Die Kunstwelt bebt: Ein Krimi nach wahren Begebenheiten
Die Graphic Novel führt uns mitten hinein in einen der spektakulärsten und skurrilsten Kunstkriminalfälle der modernen Geschichte: die haarsträubende Odyssee des Gemäldes „Salvator Mundi“. Was als unscheinbarer Flohmarkt- oder Auktionsfund in New Orleans im Jahr 2005 für gerade einmal 1.175 US-Dollar beginnt, entwickelt sich zu einem hochbrisanten Thriller um Gier, Macht und Inszenierung.

Hinter dem Werk vermutet man ein verschollen geglaubtes Meisterwerk von Leonardo da Vinci. Schnell treten Kunsthändler, Restauratoren, russische Oligarchen und hochkarätige Auktionshäuser auf den Plan. Höhepunkt des Realsatire-Krimis ist schließlich die historische Versteigerung bei Christie’s im Jahr 2017, bei der das Bild für die schwindelerregende Rekordsumme von 450,3 Millionen Dollar an einen anonymen Bieter verkauft wurde – und die Ausläufer der Ermittlungen reichen bis in die unmittelbare Gegenwart. Der Comic fängt diese Mischung aus echter Kunstgeschichte und absurd anmutendem Kriminalfall hervorragend ein, ohne dabei vorab zu viel über die Verwicklungen hinter den Kulissen zu verraten.
Ein Spiegel des Turbokapitalismus im Kunst-Zirkus
Faszinierend ist auch der gesellschaftliche Hintergrund, vor dem sich das Ganze abspielt: Die Handlung deckt die Ära vom Beginn der 2000er-Jahre bis in die 2020er ab – eine Epoche, in der der globale Kunstmarkt zur Spielwiese für Superreiche, Spekulanten und geopolitische Strippenzieher wurde. Der erzielte Preis eines Kunstwerkes wurde immer weniger Zeichen einer künstlerischen Klasse oder Bedeutung, vielmehr ging es darum über den Wert ein Statussymbol zu schaffen und Scheinbedeutung.
Die Geschichte fängt perfekt die Mechanik ein: Es geht längst nicht mehr primär um Ästhetik oder kunsthistorische Bedeutung, sondern um Kunstwerke als pure Spekulationsobjekte, Währung für Schattenvermögen, Statusmotive für Milliardäre und diplomatisches Druckmittel. Der Fall zeigt serh anschaulich, wie die Gier nach Geltung und das große Geld selbst renommierte Institutionen und Experten ins Wanken bringen.

Autoren, Zeichner und die passende TV-Doku
Hinter der grafischen Aufarbeitung stehen Autor Antoine Vitkine und Zeichner Éric Liberge. Interessanterweise ist der Stoff für Vitkine kein Neuland: Er hat sich bereits ausgiebig mit dem Thema beschäftigt und eine gefeierte franzäsische TV-Dokumentation über genau diesen Fall realisiert. Diese investigative Vorarbeit merkt man dem Comic auf jeder einzelnen Seite an – die Dialoge und Hintergründe wirken extrem gut recherchiert und authentisch.
Realismus im Strich
Der starke Realitätsbezug spiegelt sich auch perfekt im Zeichenstil von Liberge wider. Der Franzose nutzt eine sehr markante, fast schon geometrische Linienführung. Anstatt auf knallige Farben zu setzen, arbeitet Coste mit einer reduzierten, stimmungsvollen Farbpalette, die den Szenen eine kühle, elegante und teils düstere Atmosphäre verleiht. Die Gesichter und Orte wirken realistisch, aber nicht fotorealistisch übertrieben – es ist ein reifer, grafischer Stil, der hervorragend zum akademischen und zugleich hier (im wahrsten Sinnes des Strichs) skizzierten schmutzigen Milieu des internationalen Kunsthandels passt.

Rauf auf’s Sofa und Glotze auslassen!
Wer beim Lesen genauso viel Spaß an realen Verschwörungen, Kunst-Krimis und doppelbödigen Machtspielen hat wie ich, sei diese Geschichte sehr ans Herz gelegt. „Salvator Mundi“ ist eine klare Leseempfehlung für alle, die sich abends analog zu einem packenden Film oder einer erstklassigen TV-Serie bestens unterhalten lassen wollen.

Autoren: Antoine Vitkine (Text), Xavier Coste (Zeichnungen), Sébastien Borgeaud (Szenario-Entwicklung)
Verlag: Knesebeck Verlag
Seitenanzahl: 128 Seiten
Preis: 25,00 €
ISBN: 978-3-95728-633-8
