Isabelle Maroger hat aus der Geschichte ihrer Mutter, geboren in einem Lebensborn-Heim der Nazis, eine Graphic Novel gemacht. Dass man sie lesen kann, liegt an etwas, womit man nicht rechnet: den Bildern.
„Lebensborn“ klingt fast idyllisch. Quelle des Lebens. Dahinter verbirgt sich eines der kälteren Kapitel nationalsozialistischer Ideologie: ein Eugenik-Programm der SS, das die „arische Rasse“ planmäßig reproduzieren sollte. In eigens eingerichteten Heimen, vor allem in Norwegen, wurden junge Frauen, die von deutschen Soldaten schwanger waren, aufgenommen und betreut, ihre Kinder für das Regime vereinnahmt. Tausende kamen dort zur Welt. Viele erfuhren erst Jahrzehnte später, woher sie wirklich stammen.

Die Lieblichkeit als Strategie
Das Erste, was man beim Durchblättern dieser Graphic Novel bemerkt: Wie bitte? Die Zeichnungen sind warm, fast zärtlich, in einem pastellartigen Farbklang gehalten, der eher an ein Album für Jugendliche erinnert als an eine Auseinandersetzung mit NS-Eugenik. Ich muss gestehen, dass mich dieser Ton zunächst irritiert hat. Doch dann hat mich genau das hineingezogen. Nur dank dieses Zeichenstils war ich überhaupt in der Lage, die Geschichte wirklich anzuschauen, ohne wegzublicken. Der Kontrast zwischen dem Lieblichen der Bilder und dem Gewicht des Erzählten erzeugt eine eigenartige Spannung und entfaltet dabei eine Kraft, die man so nicht erwartet hätte.


Nur dank dieses Zeichenstils war ich überhaupt in der Lage, die Geschichte wirklich anzuschauen, ohne wegzublicken.
Mut zur eigenen Geschichte
Der Auslöser für dieses Buch klingt zunächst banal: Isabelle Maroger spaziert mit ihrem Baby durch die Stadt, einem blonden, blauäugigen Jungen, als eine fremde Frau das Kind bewundert und hinzufügt: „Das wird ja immer seltener, diese Rasse.“ Maroger ist selbst groß, blond und blauäugig. Weil ihre Mutter Katharine 1944 in einem Lebensborn-Heim in Norwegen zur Welt kam: Tochter einer siebzehnjährigen Norwegerin namens Gerda und eines deutschen Soldaten.
Anstatt das Thema von außen zu betrachten, wählt Maroger den direktesten Weg: die eigene Biografie. Sie erzählt, wie Katharine nach dem Tod ihrer Adoptivmutter begann, nach ihren biologischen Wurzeln zu suchen. Wie sich Familiengeheimnisse lösten. Wie norwegische Cousins gefunden wurden und ein deutscher Großvater, dessen Begegnung beklemmend bleibt. Diese Nähe schafft das, was ein historisches Sachbuch nicht kann: Man begreift, was es bedeutet, aus einer solchen Herkunft heraus ein Leben zu führen.

Späte Erkenntnis
Viele der sogenannten Lebensborn-Kinder erfuhren erst als Erwachsene, wer sie wirklich waren. Das Schweigen ihrer Familien war kein böser Wille; es war Scham und Verdrängung. Doch es hinterließ etwas, das schwer zu benennen ist: ein Leben, das sich irgendwie nicht ganz richtig anfühlte, ohne zu wissen warum. Maroger zeigt, wie ihre Mutter Katharine mit dieser Entdeckung umgeht, und wie widersprüchlich das Wissen ist. Es erklärt und schmerzt zugleich. Es gibt etwas zurück und nimmt gleichzeitig etwas. Die Autorin beobachtet das mit dem Blick einer Tochter, die ihre Mutter neu zu entdecken beginnt, ohne zu urteilen, ohne zu dramatisieren.
Kraftvolle Erzählung
Isabelle Maroger hat aus einer traumatischen Familienbiografie ein Werk gemacht, das man lesen will und das einem dabei mehr beibringt als viele Geschichtsbücher. Der erhobene Zeigefinger fehlt ganz, die Moral schleicht sich nicht durchs Hintertürchen. Man sieht Menschen, die versuchen, ehrlich mit ihrer Vergangenheit umzugehen. Riad Sattouf, selbst ein Meister des autobiografischen Comics, nannte es eine „Familienodyssee von seltener Kraft“. Er hat recht.

Zur Autorin
Isabelle Maroger wurde 1979 in Montpellier geboren, wuchs in Nîmes in einer französisch-norwegischen Familie auf und lebt heute in Lyon. Sie absolvierte die École Émile Cohl und arbeitet als Illustratorin für Verlage, Presse und Marketing. Bekannt wurde sie als Zeichnerin der Comic-Serie Grâce (Text: Marc Dubuisson, Bayard). Lebensborn ist ihr erstes Graphic Novel.
Zu ihrem Blog: https://isacile.blogspot.com

„Lebensborn“ von Isabelle Maroger
Übersetzung Silv Bannenberg
Verlag Helvetiq Verlag, Bern
Erschienen September 2025
Umfang 224 Seiten
ISBN 978-3-03964-113-0
Preis € 22,00
Empfohlen ab 16 Jahren
Link: https://helvetiq.com/ch_de/lebensborn