Ich gestehe es ohne Reue: Ich war ein Dieb. Einer, wie sie in jedem guten Abenteuercomic als Randfiguren auftauchen. Wie im großartigem Werk „Hal Foster’s Tarzan – The Complete Sunday Comics 1931–1937“ aus dem Taschen Verlag.

Ich war ein Dieb. Kein großer, kein gefährlicher. Eher einer jener kleinen, heimtückischen Gauner, wie sie in jedem Abenteuercomic als Randfiguren vorkommen. Das Diebesgut: Tarzan-Hefte aus dem Regal meines älteren Bruders. Ich schlich mich hinein, zog das dünnste Heft heraus, in der Hoffnung, es würde nicht auffallen, und tauchte ab in eine Welt aus Urwald, Urschrei und unglaubwürdig gut gebauten Körpern. Jahrzehnte später hat mir mein Bruder zum Geburtstag eine zerlesene, ehrwürdig ramponierte Tarzan-Sammlung aus dem Antiquariat geschenkt. Eine Wiedergutmachung? Ein stiller Witz? Beides, vermutlich. Und nun liegt TASCHENs monumentaler Band Hal Foster’s Tarzan – The Complete Sunday Comics 1931–1937 auf meinem Tisch, und ich merke: Der Urwald lässt einen nie wirklich los.
Der Mann, der Tarzan in die Zeitung brachte

© The Harold Rudolf Foster Estate
Hal Foster, 1892 in Halifax, Nova Scotia geboren, war kein Traumjunge der Comic-Industrie. Er kam spät, er kam zögernd, und er kam eigentlich nur, weil die Weltwirtschaftskrise ihn dazu zwang. Zuvor hatte er sich als Werbegrafiker durchgeschlagen, ein Handwerk, das man an seiner Arbeit noch deutlich ablesen kann: Foster dachte in Kompositionen, in Dramaturgie, in Blickführung.
Seinen ersten Tarzan-Strip hatte er bereits 1928 gezeichnet, damals noch schwarzweiß, auf der Basis von Edgar Rice Burroughs‘ Roman Tarzan of the Apes. Die Geschichte seiner Entdeckung ist von köstlicher Ironie durchzogen: Kein amerikanischer Zeitungsverlag wollte das Werk anfangs drucken. Es feierte seine Premiere in England und wurde ein Erfolg. Als die amerikanischen Verlage nachzogen und Foster engagieren wollten, winkte er ab. Erst 1931, mit dem großen Crash im Rücken und einer Familie, die ernährt werden wollte, ließ er sich überreden, Tarzan als farbigen, ganzseitigen Sonntagscomic zu gestalten. Den Job beschrieb er selbst als „ein Linsengericht“, gemeint als Bezeichnung für schlecht entlohntes Brot-und-Butter-Geschäft. Was er dabei schuf, war schlicht die Grundlage des modernen Abenteuercomics. Übrigens ist Tarzan nicht der einzige Welterfolg von Hal Foster: Von 1937 bis 1971 zeichnete er die Abenteuer von Prinz Eisenherz.

© ERB Inc.
Foster zeichnete nicht. Foster komponierte. Jede seiner Seiten ist ein kleines Ölgemälde: anatomisch präzise, perspektivisch souverän, narrativ brillant strukturiert. Er hatte nie eine klassische Kunstausbildung genossen, sondern sich alles selbst beigebracht, durch Beobachtung, durch Bücher über die Alten Meister, durch das geduldige Studium des menschlichen Körpers in Bewegung. Man sieht es in jeder Pose, jedem Muskelbogen, jeder dramatisch beleuchteten Szene. Kein Wunder, dass Kunstkritiker später seinen Stil mit Rembrandt und Rubens verglichen. Foster selbst hätte das wahrscheinlich amüsiert.
Tarzan und die Zeitung: Eine folgenreiche Sonntagsaffäre

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Um zu verstehen, was Fosters Tarzan-Strips bedeuteten, muss man sich die Medienlandschaft der frühen 1930er Jahre vorstellen. Die Sonntagszeitung war das Leitmedium der Familie. Sie wurde nicht gelesen, sie wurde zelebriert. Die Kinder lagen auf dem Wohnzimmerteppich, die Farbseiten ausgebreitet wie eine Schatzkarte, während die Erwachsenen sich um den Nachrichtenteil stritten. In diesem Kontext war die Sunday Comics Page heiliges Territorium.
Tarzan, erschaffen von Burroughs als Romanfigur im Jahr 1912, war längst eine kulturelle Marke, als Foster ihn in Bilder übersetzte. Doch die Romane blieben Literatur für Lesende. Fosters Comics brachten den Dschungelkönig zu den Massen, und zwar in einer visuellen Qualität, die bis dahin im Zeitungscomic schlicht undenkbar gewesen war. Woche für Woche entfaltete Foster eine Bilderwelt, die Leser von New York bis San Francisco in fernen Dschungeln, an ägyptischen Tempeln, auf Wikingerschiffen und in den Höhlen prähistorischer Monster verschwinden ließ.


Die Zeitungsredaktionen waren nicht immer begeistert. Es gab Beschwerden über die Gewalt. Burroughs selbst konterte unverblümt, Tarzans Erfolg sei das Ergebnis einer „menschlichen Schwäche für blutige und grausame Situationen“. Und dann war da noch die Nacktheit. Burroughs‘ Regieanweisungen sollen explizit „viel weibliche Nacktheit“ verlangt haben. Foster, der Gentleman aus Halifax, löste das Dilemma mit einer gewissen künstlerischen Eleganz: genug, um die Fantasie zu beflügeln, zu wenig, um den Postmeister zu alarmieren.

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1937 übergab Foster den Strip an Burne Hogarth und wandte sich seinem eigenen Werk zu: Prince Valiant, das er bis ins hohe Alter zeichnete und das ihn endgültig in die erste Reihe der Comic-Geschichte katapultierte
Die Sammlung: 292 Seiten Sonntagsglück
TASCHENs Herausgeberin Dian Hanson, eine der profiliertesten Popkultur-Kuratorinnen des Verlags, hat für diesen Band das Vollständige vollständig gemacht: sämtliche 292 ganzseitigen, farbigen Tarzan-Sonntagsseiten aus den Jahren 1931 bis 1937 unter einem Deckel. Komplett bedeutet komplett. Man bekommt Foster ohne Rosinenpicken, ohne redaktionelle Schönfärberei, den gesamten Bogen dieser sieben Jahre mit all seinen Höhepunkten, gelegentlichen Längen und jenen Momenten, in denen man das Blatt umwendet und einfach nur dasitzt und staunt.
Die Reproduktionsquelle verdient besondere Erwähnung: Die Comics wurden direkt aus Originalzeitungen reproduziert. Man bekommt nicht eine klinisch restaurierte, computergeglättete Version, sondern die echte Textur des Originals, inklusive der charakteristischen Ben-Day-Rasterung, jenem kleinen Raster aus Farbpunkten, das dem klassischen Zeitungscomic sein unverwechselbares, leicht körniges Kolorit gibt. Wer schon einmal alte Hefte in der Hand gehalten hat, zerlesene, leicht vergilbte Sonntagsbeilagen, die noch nach Druckfarbe und vergangenen Morgen riechen, weiß, was gemeint ist. TASCHEN bewahrt diese Textur des Historischen, ohne im Nostalgieschmalz zu ertrinken.
Das Format: Wenn ein Buch den Raum verändert

© Taschen
Das Buch misst 34,4 × 44 Zentimeter und wiegt 4,39 Kilogramm. Es gehört zu TASCHENs XXL-Reihe, jener Kategorie von Büchern, die man nicht ins Regal stellt, sondern auf einen Tisch legt, und die beim ersten Öffnen das Gefühl erzeugen, man schlage eine schwere Holztür auf.
Ein DIN-A3-Blatt misst 29,7 × 42 Zentimeter. Dieses Buch ist größer. Es zeigt Fosters Seiten in einer Dimension, die der ursprünglichen Zeitungsseite nahekommen, und das ist entscheidend. Zeitungscomics waren keine Miniaturkunst. Sie waren Schauseiten, entworfen für die ausgebreitete Sonntagszeitung auf dem Küchentisch. Wer sie auf einem Smartphone oder im herkömmlichen Buchformat betrachtet, versteht nur die Hälfte der Arbeit. Im XXL-Format begreift man, warum Foster seine Linien so setzte, warum diese Figuren so posieren, warum diese Landschaften so atmen.






392 Seiten, Hardcover. Erscheinungstermin: 17. Mai 2026. Preis: 200 Euro. Wer einmal vor einem dieser Bände sitzt und versteht, was darin steckt, rechnet anders.
Was man wissen sollte, bevor man den Dschungel betritt
Tarzan ist ein Kind seiner Zeit, und das muss man sagen, weil es wichtig ist. Burroughs‘ Figur trägt die koloniale Fantasie des frühen 20. Jahrhunderts in sich: Afrika als exotische Kulisse, einheimische Bevölkerungen als Staffage, der weiße Adlige als natürlicher Herrscher der Wildnis. Foster übernahm diesen Rahmen, weil es sein Rahmen war. Er war Kind seiner Epoche, kein Kritiker.
Das mindert seinen Wert als Zeichner um keinen Millimeter. Es bedeutet, dass man mit historischem Bewusstsein liest: als Dokument, als Zeugnis einer Bildsprache, als Kunstwerk, das man würdigen kann, ohne alles gutzuheißen, was es erzählt.
Wer das beherzigt, erlebt eine der großen Lektüren der Comic-Geschichte. Man lernt, wie Bilderzählung wirklich funktioniert: wie ein Könner ohne Sprechblasen-Exzess erzählt, wie Blick, Pose und Komposition die Regie übernehmen. Man sieht, woher Kirby, Hogarth, Adams und ungezählte andere ihre Lehrjahre verbrachten.
Ich denke an Johnny Weissmüller, der Tarzan mit einem Juchzen unsterblich machte. Ich denke an Lex Barker, der ihm Eleganz gab. Und ich denke an jenes erste gestohlene Heft, an den zerlesenen Antiquariatsband, den mein Bruder mir irgendwann kommentarlos zurückschenkte.
Legen Sie das Buch auf den Tisch, schlagen Sie es auf. Der Urwald wartet.

Hal Foster’s Tarzan – The Complete Sunday Comics 1931–1937
Herausgegeben von Dian Hanson.
TASCHEN Verlag
392 Seiten
Hardcover, 34,4 × 44 cm, 4,39 kg.
Deutsch, Englisch, Französisch
ISBN 978-3-7544-0264-1.
Preis: 200 Euro.
https://www.taschen.com/de/books/comics/08189/hal-foster-s-tarzan-the-complete-sunday-comics-1931-1937/