Erotische Comics und ich, das ist eine alte Beziehung. Eine mit Geschichte. Als Heranwachsender war „U-Comix“ für mich so etwas wie ein heimlicher Lehrplan, der nicht im Stundenplan stand. Das 1969 gegründete Magazin brachte die amerikanischen Underground Comix nach Deutschland: Gilbert Sheltons Freak Brothers, aber auch die freizügigeren Ausreißer, die manchen Ausgaben später die Indizierung durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften einbrachten. Das verlieh ihnen unter Gleichaltrigen natürlich den Status von Heiligtümern. Dazu kamen „Heavy Metal“ und sein deutsches Pendant „Schwermetall„, diese prachtvollen Science-Fiction-Erotik-Hybride, in denen Raumschiffe und nackte Körper eine symbiotische Koexistenz pflegten. Und dann waren da natürlich Robert Crumb, „Fritz the Cat“ und seine Gefährten im Underground-Comics-Universum. Das machte deutlich, dass der Zeichenstrich ein Mittel sein kann, gesellschaftliche Tabus nicht nur zu benennen, sondern genüsslich zu zertrampeln.

Was faszinierte mich damals? Einerseits, ja, das Offensichtliche. Ich war jung, die Hormone spielten ihr Programm. Aber mindestens genauso zog mich die erzählerische Freiheit dieser Werke in den Bann. Hier war alles erlaubt. Alle Fantasien hatten Heimatrecht, jede Übertreibung fand ihren Panel. Befreiung als Zeichenstrich. Das war, rückblickend, durchaus prägend.

Fever„, erschienen im März 2026 beim Splitter Verlag als Teil der hauseigenen Splitternackt-Reihe, landet also nicht unvermittelt auf meinem Schreibtisch. Ich bringe Vorgeschichte mit. Und genau das macht den Unterschied so deutlich.

Die Frau hinter den Fantasien: Octavie Delvaux

Wer ist Octavie Delvaux? In Frankreich eine Institution, hierzulande noch ein wohlgehütetes Geheimnis. Delvaux ist eine der prominentesten Stimmen der zeitgenössischen erotischen Literatur im frankophonen Raum. Sie ist Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Verlagsleiterin bei La Musardine in Paris. Ihr Erstling „Sex in the Kitchen“ machte sie 2013 einem breiten Publikum bekannt; seitdem hat sie eine beachtliche Bibliografie aufgebaut, die vom SM-Ratgeber bis zum feministischen Essay reicht. Eine Frau also, die weiß, was sie tut und die das Schweigen rund um weibliche Lust mit ebenso viel Eleganz wie Chuzpe aufbricht.

Ihre Prosa ist nicht das keuchende Geschwurbel, das man aus dem verstaubten Softporno-Regal kennt. Delvaux schreibt mit Witz und Rhythmus. Sie interessiert sich für den Moment vor dem Moment: das Kribbeln, die Erwartung, die kleine Abweichung vom Alltag, die plötzlich alles verändert. Neun Kurzgeschichten hat sie für diesen Band beigesteuert. Sie reichen vom Stelldichein im Sportwagen über eine Einkaufsfantasie bis zur Affäre zwischen Fremden auf einer Waldbrücke und schließlich einem Ausflug in eine futuristische Zukunft. Das Buch trägt im französischen Original den Titel „Fièvres“ und gewann 2025 den Prix Sade BD, den renommiertesten Preis für erotische Bande dessinée in Frankreich. Das ist keine Fußnote, das ist ein Qualitätsmerkmal.

Neun Zeichner, neun Welten

Was „Fever“ von den meisten Anthologien unterscheidet, ist der Mut zur zeichnerischen Vielfalt. Neun Künstlerinnen und Künstler haben Delvaux‘ Texte adaptiert: Urbinno, Luigi Critone, Apollonia Saintclair, Chéri, Inès Allahverdian, Janevsky, Michelle Reviglio, Chloé Cavalier und Raven. Das ist keine Besetzungsliste, sondern ein Orchester. Und wie in jedem guten Ensemble spielen alle dasselbe Stück, klingen aber völlig unterschiedlich.

Apollonia Saintclair ist das wohl rätselhafteste Mitglied. Die Künstlerin schützt ihr Pseudonym konsequent; Wohnort und Identität bleiben unbekannt. Seit sie 2012 mit schwarzweißen Tuschezeichnungen im Netz auftauchte, hat sie eine internationale Fangemeinde aufgebaut. Ihr Stil hat etwas von Aubrey Beardsley im zeitgenössischen Kleid: dekorativ, selbstbewusst, mit einer Sinnlichkeit, die sich nicht für ihre eigene Üppigkeit schämt. Das ist Linie als Verführung.

Luigi Critone bringt eine andere Qualität mit. Der Italiener, geboren in der Basilicata und seit 2005 in Paris beheimatet, ist im deutschen Sprachraum durch seine Arbeit an der Abenteuer-Reihe „Der Skorpion“ bekannt. Sein Strich ist präzise und elegant, seine Aquarellatmosphäre schafft Räume, in denen man verweilen möchte. Critone sucht in jedem Bild das Leben, die Emotion. Und genau das merkt man auch hier.

Die anderen sieben Beiträge spannen das Spektrum weiter auf: zarte, aquarellnahe Linien bei Inès Allahverdian und Chloé Cavalier, zugespitzte Karikatur bei Chéri, druckvoller Kontrast bei anderen. Wer von Geschichte zu Geschichte blättert, wechselt buchstäblich die Ästhetik-Etage. Das kann irritieren. Bei mir war es Begeisterung. Selten hat eine Anthologie so konsequent demonstriert, wie unterschiedlich visuelle Sprachen sein können, wenn alle denselben Text lesen.

Das Cover: Verführung auf den ersten Blick

© Splitter

Schon das Cover macht seine Sache außergewöhnlich gut. Warme Rottöne der Schrift tauchen in das tiefe Schwarz eines Kleides. Der Titel wird mehr als wörtlich: Hier brennt etwas. Die Komposition ist einladend ohne plump zu sein, verheißungsvoll ohne vorzugreifen. Es ist das Cover eines Buches, das man gerne auf dem Nachttisch liegen lässt, ohne es zu verstecken. In einem Genre mit langer Geschichte der braunen Umschlagverpackung ist das keine Kleinigkeit.

Explizit – aber nicht billig

„Fever“ zeigt nackte Körper. Und nicht nur das, es zeigt sie in Aktion, manchmal in recht deutlichem Detail. Die Intensität variiert je nach Zeichner erheblich: Manche Beiträge bleiben im Atmosphärischen, zeigen Andeutungen und Ausschnitte, Momente kurz vor oder kurz nach dem eigentlichen Geschehen. Andere sind handfest explizit, ohne voyeuristisch zu wirken. In der Gestaltung und der Geschichte spiegelt sich eine Haltung. Kein Beitrag behandelt seine Figuren als reine Objekte. Die Körper in „Fever“ sind keine Staffage, sondern Protagonisten. Frauen und Männer werden gleichermaßen als begehrend und begehrenswert gezeigt, was in diesem Genre leider noch immer keine Selbstverständlichkeit ist.

Ein Rollentausch, der sitzt

Hier ist der entscheidende Unterschied zu meinen jugendlichen Lektüren, was ich ohne nostalgische Schönfärberei sage: Die alten erotischen Comics waren, bei aller anarchischen Energie, im Kern männliche Fantasieräume. U-Comix, Schwermetall, Crumb: Die Frauen darin waren häufig von Männern erdacht und für Männer gezeichnet. Sie agierten als Objekte der Begierde, als willige Teilnehmerinnen am männlichen Drehbuch. Das war die Konvention des Genres, und niemand stellte sie ernsthaft in Frage.

„Fever“ dreht diesen Spieß um. Die Frauen in Delvaux‘ Geschichten sind nicht Objekte. sie sind Subjekte. Sie begehren, sie entscheiden, sie bestimmen das Tempo. Der Sportwagen-Flirt, die Supermarkt-Fantasie, die Brücken-Affäre: In all diesen Szenarien gehören Wunsch und Initiative den Frauen. Das ist kein feministisches Manifest, das einem die Lektüre verleidet, sondern schlicht eine glaubwürdigere, erwachsenere Erzählhaltung.

Und doch: Ganz ehrlich muss ich sein. So sehr mich diese Haltung überzeugt, so sehr die grafische Vielfalt beeindruckt – die neun Geschichten selbst sind flüchtige Erscheinungen. Man liest sie, genießt sie, und dann ziehen sie weiter. Keine brennt sich wirklich ins Gedächtnis. Die Figuren bleiben an der Oberfläche, die Plots folgen bekannten Bahnen der erotischen Kurzprosa. „Fever“ ist kein Buch, über das man am nächsten Morgen noch nachdenkt. Aber es ist eines, das man gerne in der Hand hatte. Manchmal ist das genug.

Porno oder erotische Fantasie?

Die Frage stellt sich bei jedem Werk in diesem Zwischenraum und „Fever“ bewegt sich dort zweifellos. Meine Antwort: erotische Fantasie, eindeutig und literarisch ambitioniert.

Pornografie ist auf Stimulation als Selbstzweck ausgerichtet. Sie ist funktional: Das Mittel ist der Zweck, alles andere, Narration, Psychologie, Atmosphäre. ist Ablenkung. „Fever“ folgt einer anderen Logik. Hier zählt der Weg genauso viel wie das Ziel. Delvaux‘ Geschichten handeln von Wunsch und Wahrnehmung, von dem eigenartigen Rausch, den ein Blick auslösen kann und von der Lust als Zustand des Bewusstseins, nicht als mechanischem Vorgang. Es ist der Unterschied zwischen Ravel und Techno. Beides kann den Puls erhöhen. Aber das eine lässt einen mit dem Gefühl zurück, etwas erlebt zu haben.

Zur Lektüre: ein paar Hinweise

Andere Zeit, andere Worte. „Fever“ erschien im März 2026 – und fühlt sich doch an wie ein Werk aus einer langen Tradition. Die frankophone Erotik-Comic-Kultur reicht von Crepax bis Manara, und Delvaux wie ihre Zeichnerinnen und Zeichner stehen bewusst in dieser Linie. Wer einen postpornografischen Diskurs oder gender-politische Selbstreflexion erwartet, wird überrascht sein. „Fever“ ist klassisch, fast zeitlos. Es fragt nicht nach Erlaubnis und erklärt sich nicht. Das ist Stärke. Für manche vielleicht auch eine Zumutung.

Geschichtsstunde. Die neun Geschichten sind nicht einfach Nummern aneinandergereiht. Sie sind Temperamente, Epochen, Räume. Wer das Buch als Ganzes liest, entdeckt eine kleine Geschichte der Sehnsucht. Wer die Zeichnerinnen und Zeichner noch nicht kannte, bekommt gratis einen Crashkurs in zeitgenössischer europäischer Comicgrafik. Intellektuell stimulierendes Beiprogramm zur körperlichen Lektüre.

Wertvolle Lektüre. Erotische Comics werden im Feuilleton entweder ignoriert oder als guilty pleasure abgehakt. Beides ist falsch. „Fever“ ist handwerklich auf einem Niveau, das sich vor keiner anderen Graphic Novel verstecken muss. Die Druckqualität, die sorgfältige Übersetzung von Hanna Reininger, die Zusammenstellung der Künstlerinnen und Künstler: Das alles zeugt von einem Verlag, der das Genre ernst nimmt. Splitter hat mit der Splitternackt-Reihe einen Ort geschaffen, an dem Erotik und Qualität kein Widerspruch sind.

Kaufgründe. Man kauft „Fever“, wenn man Graphic Novels liebt und den Horizont erweitern möchte. Man kauft es, wenn man Octavie Delvaux entdecken will, bevor sie im deutschen Sprachraum so berühmt ist, wie sie es verdient. Man kauft es für neun verschiedene Zeichenstile in einem Band. Und man kauft es, weil Erotik zur menschlichen Erfahrung gehört und damit auch zur Literatur und zur Kunst. Wer all das ablehnt: Das Regal mit den Superhelden ist nebenan.

Fever
Text: Octavie Delvaux
Zeichnung: Urbinno, Luigi Critone, Apollonia Saintclair, Chéri, Inès Allahverdian, Janevsky, Michelle Reviglio, Chloé Cavalier, Raven
Übersetzung: Hanna Reininger
Splitter Verlag
Hardcover
128 Seiten
29,80 EUR
https://www.splitter-verlag.de/fever.html