Asche auf mein Haupt: Bis vor Kurzem war Bernie Gunther für mich nur ein Name, und Philip Kerrs legendäre Romane der Berlin-Trilogie ein blinder Fleck in meiner literarischen Landkarte. Doch manchmal braucht es den Umweg über Panels, um die Wucht des geschriebenen Wortes zu erahnen.

Die Rede ist von der Comic-Adaption von „Feuer in Berlin“, dem ersten Teil der Trilogie, erschienen im Verlag Schreiber & Leser. Das Buch landete also ohne Vorkenntnisse in meinen Händen – und hat dafür gesorgt, dass die Romanvorlage nun unangefochten auf Platz 1 meines „To-Read“-Stapels liegt. Warum? Weil das Duo Pierre Boisserie (Szenario) und François Warzala (Zeichnungen) eine derart dichte, bedrohliche und zynische Atmosphäre von Kerrs Geschichte erschafft, dass man unweigerlich spürt: Hier liegt ein monumentaler Stoff zugrunde.
Hier ist der Blick auf einen Film-Noir-Stoff, der im Comicformat beweist, dass er auch ohne Vorwissen sofort unter die Haut geht. Kein Wunder also, dass ich auch den zweiten Gunther-Fall verschlungen habe, doch dazu am Ende mehr.
Feuer in Berlin – Ein Pulverfass kurz vor der Explosion
Wir schreiben das Jahr 1936. Berlin putzt sich heraus für die Olympischen Spiele, die Welt ist zu „Gast bei Freunden“ – oder zumindest soll es so aussehen. Die Olympische Flamme mag zwar in der Reichshauptstadt angekommen sein, aber hinter den Kulissen lodert eine ganz andere Flamme: der braune Terror. In dieser Kulisse operiert Bernhard „Bernie“ Gunther, Ex-Bulle, jetzt Privatdetektiv.
Der Industrielle Hermann Six beauftragt Gunther, den Mord an seiner Tochter und ihrem Mann aufzuklären und wertvollen gestohlenen Schmuck wiederzubeschaffen. Was als klassischer „Whodunit“ beginnt, zieht Gunther schnell in einen Strudel aus Korruption, organisierter Kriminalität und den Machenschaften der Nazi-Elite rund um Hermann Göring.
Pierre Boisserie gelingt das Kunststück, die komplexe Handlung des Romans (alle drei Teile kommen auf über 1000 Seiten!) auf die wesentlichen Handlungsstränge zu kondensieren, ohne dass die Geschichte gehetzt wirkt. Die dichte Atmosphäre der Bedrohung, in der jeder falsche Satz das Ende bedeuten kann, wird hervorragend transportiert.

Bernhardt Gunther: Zynismus als Überlebensstrategie
Bernie Gunther ist kein strahlender Held. Er ist ein Relikt aus der Weimarer Republik, das sich weigert, den neuen Herren zu huldigen, aber pragmatisch genug ist, um zu überleben.
„Ich mag es nicht, wenn man Juden herumsstößt. Aber ich mag es auch nicht, wenn man Polizisten herumsstößt. Ich mag es überhaupt nicht, wenn irgendwer herumgestoßen wird.“
Diese typische Gunther-Atitüde, diese Mischung aus Berliner Schnauze und Chandler’schem Hardboiled-Duktus, ist essenziell für den Erfolg der Geschichte. Es ist diese Ansprache gegenüber allem und jedem, Kioskbesitzer oder Nazi-Größe, die den Leser fasziniert und erschreckt zugleich. Der Comic nutzt Voice-Over-Boxen (Erzählertexte), um zusätzlich Bernies innere Monologe wiederzugeben. Philip Marlowe lässt grüßen. Das funktioniert erstaunlich gut und überträgt so natürlich auch den literarischen Witz Kerrs in die Sprechblasen, den ich an dieser Stelle einmal vorraussetze.
Ligne Claire trifft auf Düsternis
Wer einen Noir-Krimi mit fotorealistischen, schattigen Schwarz-Weiß-Zeichnungen im erwartet, wird von François Warzala überrascht sein. Sein Stil orientiert sich eher an einer modernen, etwas kantigeren Interpretation der Ligne Claire (wie bei Hergés “Tim & Struppi“).
Die Gesichter sind markant, leicht karikaturesk überzeichnet. Das passt hervorragend zur Darstellung der Nazi-Größen (wie Göring oder Heydrich), deren moralische Hässlichkeit so auch optisch erkennbar wird. Die Farben sind zurückgenommen, oft in Sepia-, Grau- oder Brauntönen gehalten. Sie vermitteln das Gefühl einer Stadt, die unter dem ideologischen Smog und der politischen Beklemmung erstickt. Nur selten brechen grelle rote Hakenkreuz-Fahnen die Tristesse auf – ein effektives Stilmittel, das die Omnipräsenz des Regimes betont.
Warzala gelingt es so, das Berlin der 30er Jahre lebendig werden zu lassen. Von den verruchten Nachtclubs bis zu den sterilen Büros der Gestapo wirkt das Setting authentisch recherchiert.
Ein kleiner Kritikpunkt an der Optik: In manchen Action-Szenen wirken die Figuren etwas steif, was der Dynamik der „Klaren Linie“ geschuldet ist. Die Stärke des Bandes liegt eindeutig in den Dialogszenen und den atmosphärischen Stadtansichten.

Zum Glück eine Trilogie
„Feuer in Berlin“ ist im besten Sinne eine „Graphic Novel“. Die hervorragende Verdichtung eines komplexen Plots und ein Handlungsort und seiner Zeit, der in einem „feinem Strich“ (Gruß and Gerd) klasse dargestellt wird, machen es zu einer großen Freude in die Welt einzutauchen. Es ist, wie im Anhang des Buches beschrieben, das „Was wäre, wenn Raymond Chandler seinen Philip Marlowe hätte agieren lassern?“, das mich Fasziniert. Aber Bernie ist auch eigenständig, authentisch und scharfzüngig, das historische Berlin und dortigen Spielorte (Alexanderplatz, Olympia Stadion uvm.) beklemmend gut eingefangen. Kurz: „Babylon Berlin“ trifft „Philip Marlow“ vor dem Hintergrund der Olympischen Spiele 1936. Deshalb ist es so wunderbar, dass es sich um eine Trilogie handelt und ich gleich weiterschmökern und in den nächsten Fall eintauchen konnte …
Band 2: „Im Sog der dunklen Mächte“
Zwei Jahre sind seit den Ereignissen des ersten Bandes vergangen, wir schreiben 1938, und die Schlinge um den Hals der Menschlichkeit hat sich weiter zugezogen. In „Im Sog der dunklen Mächte“ wird Bernie Gunther – widerwillig wie eh und je – durch Erpressung in den Polizeidienst zurückgepresst, und zwar ausgerechnet unter die Fuchtel von Reinhard Heydrich. War der erste Band noch ein Tanz auf dem Vulkan der Olympischen Spiele, fühlt sich dieser Teil an wie der freie Fall in den Abgrund.
Gunther jagt einen Serienmörder, der es auf arische Mädchen abgesehen hat, und gerät dabei zwischen die Fronten von SS-Intrigen, Okkultismus und skrupelloser Machtpolitik. Für mich als Nicht-Kenner der Vorlage war dieser Wechsel vom klassischen „Private Eye“-Szenario hin zum unfreiwilligen Rädchen im Nazi-Apparat ein brillanter erzählerischer Kniff: Er beraubt Gunther seiner letzten Freiheit und erhöht den moralischen Druck ins Unermessliche.

Zeichnerisch bleibt François Warzala seiner Linie treu, doch die Farben wirken noch eine Spur fahler, die Schatten noch länger – passend zur beklemmenden Thematik kurz vor der Reichspogromnacht. Der Fall selbst, der tief in die psychologischen Abgründe und die perverse Logik der Machthaber eintaucht, wirkt noch zwingender und düsterer als das Debüt. Während ich beim ersten Band noch die Coolness des Detektivs bewunderte, spürt man hier seine wachsende Verzweiflung. Dieser zweite Band zementiert meinen Entschluss, die Romane zu lesen, endgültig, denn er zeigt eindrücklich: Gunthers größter Fall ist nicht nur die Suche nach einem Mörder, sondern der tägliche Kampf, in einer monströsen Welt nicht selbst zum Monster zu werden.
Es sind bis zu Kerrs Tod 2018 sind 14 „Berie Gunther-Fälle“ erschienen.

Die Berlin-Trilogie 1 – Feuer in Berlin (Original: L’Été de cristal)
Verlag: Schreiber & Leser
Hardcover, 21.6 x x 29.5 cm 144 Seiten
Philip Kerr (Geschichte) Pierre Boisserie (Szenario), François Warzala (Zeichnungen)
Aus dem Französischen von Resel Rebiersch
ISBN 978-3-96582-194-1
29,80 Euro
Link zum Buch: https://www.schreiberundleser.de/index.php?main_page=index&cPath=cPath=1_94

Die Berlin-Trilogie 2 – Im Sog der dunklen Mächte (Original: La Pâle figure)
Verlag: Schreiber & Leser
Hardcover, 21.6 x x 29.5 cm 144 Seiten
Philip Kerr (Geschichte) Pierre Boisserie (Szenario), François Warzala (Zeichnungen)
Aus dem Französischen von Resel Rebiersch
ISBN 978-3-96582-211-5
29,80 Euro
Link zum Buch: https://www.schreiberundleser.de/index.php?main_page=index&cPath=cPath=1_94
Ein Veröffentlichungsdatum für den 3. und letzten Teil „Alte Freunde – neue Feinde“ steht noch nicht fest.