Der Regen in Gotham City hat die Angewohnheit, den Dreck nicht wegzuwaschen, sondern ihn nur gleichmäßig zu verteilen, bis die ganze Stadt unter einem klebrigen Film aus Ruß und schlechtem Gewissen glänzt. Oben auf den Dächern, zwischen den steinernen Gargoyles, spielt ein Schatten den Erlöser – ein dunkler Ritter, der sich mit den bunt gekleideten Irren um das Schicksal der Welt prügelt. Aber Schatten haben die Eigenschaft, dort aufzuhören, wo das Neonlicht der billigen Bars auf den nassen Asphalt trifft. Hier unten, wo die Dienstmarken ihren Glanz längst an den Pfandleiher oder den höchstbietenden Mafiaboss verloren haben, ist die Gerechtigkeit keine Frage von Symbolen, sondern eine von harten Dollars und versteckten Klappmessern.
Gotham Central erzählt die Geschichte von jenen, die übrig bleiben, wenn die Fledermaus gerade woanders ein Feuer löscht: müde Frauen und Männer, die versuchen, das organisierte Verbrechen mit nichts als einer oft nutzlosen Dienstwaffe und einem Funken Restanstand aufzuhalten, während die Korruption wie Schimmel durch die Flure des GCPD kriecht. In Gotham stirbt man nicht an einem heroischen Sturz; man verblutet langsam in einer Seitengasse, weil ein Kollege weggesehen hat und der „Retter“ der Stadt gerade damit beschäftigt war, einen Clown zu jagen.
So in etwa fühlt sich der Großteil der fast 1000 Seiten des Sammelbands Gotham Central an, den ich im US-Original von DC Comics vorliegen habe.
Geschichten aus Gotham ohne Batman oder einen seiner kostümierten Verbündeten? Geht das? Von vorne!

Wenn der Postmann …
Als ich den Gotham Central Sammelband online bestellte, gab es ihn in der Form noch nicht in Deutschland (Serie bei Panini erhältlich). Und wenn der Postbote dir den mächtigen Omnibus, wie sie es in der Comic-Szene nennen, in die Hand drückt, merkst du zwei Dinge: Erstens, du solltest mehr Hanteltraining machen (über 2,8 Kilo) und zweitens, du hältst gerade eines der vielleicht besten Stücke Kriminalliteratur der letzten 20 Jahre in der Hand. Die Autoren Ed Brubaker und Greg Rucka haben zusammen mit dem Zeichner Michael Lark etwas geschaffen, das im Superhelden-Genre eigentlich gar nicht funktionieren dürfte: Ein Comic über Gotham, in dem Batman kaum vorkommt.
Vergiss für einen Moment die dunklen Kostüme, Batarangs und Enterhaken-Pistolen. „Gotham Central“ ist wie „The Wire“ mit dem Flair von „Sieben“ und der Authentizität von „Homicide: Life on the Street“, nur dass die Drogendealer hier zuweilen aus Lehm bestehen und Gangster Münzen werfen oder ein Dauerlächeln im Gesicht haben.
Die Prämisse: Cops im Schatten der Fledermaus
Die Grundidee ist so simpel wie genial. Wie fühlt es sich an, ein normaler Polizist in einer Stadt zu sein, in der ein Mann im Fledermauskostüm das Gesetz in die eigene Hand nimmt? Die Antwort der Serie ist ernüchternd: Es fühlt sich beschissen an.
Brubaker und Rucka zeigen uns die „Major Crimes Unit“ (MCU) in der Tag- und Nachtschicht. Für diese Detectives ist das Bat-Signal kein Zeichen der Hoffnung, sondern ein Eingeständnis ihres eigenen Versagens. Wenn das Licht angeht, wissen sie: Wir haben es nicht geschafft, wir brauchen den Freak. Das erzeugt eine psychologische Spannung, die tiefer geht als jede Joker-Gas-Attacke.

Brubaker & Rucka: Ein perfektes Autoren-Duo
Man merkt der Serie an, dass hier zwei Meister ihres Fachs am Werk waren, die sich die Bälle zuspielen. Ed Brubaker: Wer seine Solo-Werke wie „The Fade Out“ oder seinen legendären „Captain America“-Run (der uns den Winter Soldier gab) kennt, weiß: Brubaker liebt den (Film) Noir. Er liebt kaputte Charaktere, Zigarettenrauch und moralische Grauzonen. Gerd hat gerade jüngst seine kongeniale Serie „Criminal“ vorgestellt, in der Brubaker ebenfalls mit diesen Gewürzen kocht. In „Gotham Central“ bringt er genau diese dreckige „Film Noir“-Stimmung ein. Er erzählt von Cops, die müde sind, die Fehler machen und die manchmal selbst kriminell werden.
Greg Rucka: Er ist der Meister der starken Charakterstudien und komplexen Frauenfiguren (siehe „Lazarus“ oder „The Old Guard“). Hier liefert er mit der Entwicklung von Renee Montoya eine herausragende Charakter-Entwicklung ab. Ihr unfreiwilliges Outing und der psychologische Terror durch Two-Face sind Herzstücke des Bandes.
Die Kunst von Michael Lark
Der Omnibus wäre nur halb so gut ohne Zeichner Michael Lark. Sein Stil ist nicht „hübsch glatt gebügelt“ im klassischen Superhelden-Sinn. Er ist rau, schattig und realistisch. Lark zeichnet Gotham so, wie es sich anfühlen muss: als eine Stadt aus Stein, Regen und Schatten. Wenn bei ihm der Joker auftaucht, sieht er nicht aus wie ein lustiger Clown, sondern wie ein Albtraum, der in ein Bürogebäude einbricht. Die Szene im Story-Arc „Soft Targets“, in der der Joker mit einem Scharfschützengewehr Polizisten jagt, ist visuells Adrenalin und Horror. Das geht deutlich stärker unter die Haut als die obligatorische Säurespritze in Form einer Blume am Revers.

Stark von Anfang bis Ende
Das Besondere an dieser Sammlung ist die Konsequenz. Es gibt keine „Filler-Episoden“. Jeder Fall hat Konsequenzen. Cops sterben. Beziehungen zerbrechen. Korruption wird aufgedeckt. Und im Hintergrund lauert immer die Frage: Was nützt eine Dienstmarke gegen Mr. Freeze?
Es ist eine Dekonstruktion des Mythos Gotham. Wir sehen die Stadt nicht von den Dächern herab (Batmans Perspektive), sondern vom Bordstein aus. Und vom Bordstein aus sehen selbst Helden manchmal gruselig aus.
Der Omnibus sammelt die komplette Serie (40 Hefte). Das ist viel Holz, aber es liest sich flüssiger als die meisten modernen Eventserien. Es ist eine in sich geschlossene Saga über Pflicht, Moral und das Überleben in einer Stadt, die dich fressen will.

Fazit
„Gotham Central“ ist wahrscheinlich das beste Werk, das DC Comics in den 2000ern (Erstauflage in den USA 2004) veröffentlicht hat. Es ist tiefgründig, ohne prätentiös zu sein, und spannend, ohne auf billige Action-Effekte setzen zu müssen. Es ist der Beweis, dass man keine Superkräfte braucht, um eine fesselnde Comic-Geschichte zu erzählen. Manchmal reichen eine Dienstmarke, eine Kanne schlechter Kaffee und eine verdammt gute Schreibfeder.
In Deutschland erscheinen einzelne Gotham-Central-Geschichten bei Panini, bei ausgewählten Online-Shops sind die einzelnen Bände und auch der Omnibus erhältlich.

Gotham Central 1 – In Erfüllung der Pflicht
Verlag: Panini
Autoren: Brubaker / Rucka · Zeichnungen: Lark
132 Seiten | Farbe | € 25,00
ISBN: 978-3957984838
Link zum Comic: Zum Panini-Shop