Es ist ziemlich genau 25 Jahre her, dass ich „From Hell“ zum ersten Mal gelesen habe. Alan Moore kannte ich damals schon durch „V wie Vendetta“ und „Watchmen“. Diesmal also eine Geschichte über Jack the Ripper. Moore wäre allerdings nicht Moore, wenn er sich mit einer Mörderjagd begnügen würde. Ihn interessiert die Gesellschaft, in der diese Verbrechen geschehen, mindestens ebenso sehr wie der Täter.

1888 werden im Londoner Stadtteil Whitechapel mehrere Frauen ermordet. Wer sich hinter Jack the Ripper verbarg, ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Moore greift eine Verschwörungstheorie auf, die den Leibarzt der Königin, Sir William Gull, mit den Morden verbindet. Er verknüpft die britische Krone und die Freimaurer mit den Verbrechen und legt früh fest, wer in seiner Erzählung der Täter ist. Diese vermeintliche Aufklärung gehört zur Fiktion. Die Spannung entsteht vor allem aus der Frage, was diesen Mann antreibt und welche Verhältnisse seine Taten ermöglichen.

Besonders deutlich wird das beim Blick auf die Frauen. Ihr Alltag ist von Armut und Abhängigkeit geprägt. Schon ein Schlafplatz für die Nacht kann zum Problem werden. Moore und Campbell nehmen sich Zeit für dieses Leben, bevor die Frauen zu Mordopfern werden. Dadurch bekommt die Gewalt ein Gewicht, das bei all der Faszination für den berühmten Mörder schnell verloren geht. Zugleich zeigen sie, wie selbstverständlich Männer über Frauen verfügen und wie viel Schutz gesellschaftlicher Rang bietet. Für mich liegt darin die eigentliche Härte dieses Buchs.

Zwischen Geschichte und Mythologie

Moore nimmt dafür beträchtliche Umwege in Kauf. Wenn Gull seinen Kutscher durch London dirigiert und ihm die verborgene Bedeutung von Bauwerken erklärt, ruht die Krimihandlung über viele Seiten. Dafür öffnet sich ein Blick in den Kopf eines Mannes, der die ganze Stadt seinem Weltbild unterwirft. Geschichte und Mythologie gehen ineinander über, aus der Fahrt wird eine zunehmend unheimliche Belehrung. Man muss sich auf solche Passagen einlassen. Man merkt auf jeder Seite, mit welcher Akribie sich Moore auf den Stoff gestürzt hat. Rund zehn Jahre arbeiteten er und Campbell an diesem Werk. Im umfangreichen Anhang legt Moore seine Quellen offen und erläutert, wo er historische Überlieferung ergänzt oder erfindet. Die Anmerkungen zeigen, wie viel Recherche selbst in unscheinbaren Details steckt.

Inzwischen habe ich „From Hell“ mehrmals gelesen. Es ist ein Fest, immer wieder in diese Story abzutauchen und jedes Mal neue Details zu entdecken. So, als wäre man selbst auf der Jagd nach einem Verbrecher und würde beim erneuten Durchgehen des Falls auf eine weitere Spur stoßen. Was man schon zu kennen glaubte, bekommt plötzlich eine neue Bedeutung.

Ein Leben in schwarz-weiß

Eddie Campbell ist der kongeniale Partner für diese Erzählung. Seine Schwarz-Weiß-Zeichnungen wirken stellenweise grob, roh, beinahe unfertig. Gleichzeitig gibt er Details erstaunlich viel Raum. Häuserfassaden und Innenräume verankern die Figuren in einem London, das glaubwürdig bewohnt und verbraucht aussieht. Campbell kann mit wenigen Strichen eine Bewegung erfassen und dann wieder bei einem Bauwerk genau hinsehen. Dieser Wechsel hält auch die langen Gespräche lebendig. Einige Panels wirken, als hätte jemand den Kontrastregler weit aufgedreht. Schwarze Flächen nehmen große Teile des Bildes ein, die Figuren scheinen sich darin beinahe aufzulösen. Diese Düsternis tut der Geschichte gut. Bei den Morden wird sie allerdings schwer erträglich. Campbell zeigt die Gewalt explizit, manche Sequenzen ziehen sich quälend lange hin. Wer sich mit dem berüchtigten Mörder beschäftigt, muss hier auch den Anblick dessen aushalten, was er seinen Opfern antut.

Erst kürzlich habe ich eine kolorierte Fassung gelesen. Auch die hat ihren Reiz. Für mich gewinnt die Geschichte allerdings gerade durch das Weglassen der Farbe. Das Schwarz-Weiß lässt Campbells Striche und Flächen härter aufeinandertreffen und gibt diesem London noch mehr Wucht. Nun liegt also die Neuausgabe von Reprodukt vor mir, und ich kann mein Glück kaum fassen. Ein Buch von biblischem Ausmaß, der Heilige Gral für alle, die auch nur ein wenig Liebe für die Neunte Kunst empfinden. Erstmals erscheint „From Hell“ auf Deutsch mit Handlettering. Michael Hau hat sich der Sprechblasen angenommen und schenkt dem Buch damit noch einmal eine neue Facette.

Wie viele Geschichten von Alan Moore wurde auch „From Hell“ verfilmt. In der Umsetzung von 2001 spielte Johnny Depp den Ermittler Fred Abberline. Für sich genommen fand ich den Film nicht schlecht. An diesen Jahrhundertcomic reicht er allerdings nicht heran.

Wer True Crime, gutes Storytelling, historische Thriller und starke Zeichnungen mag, sollte sich diesen Band kaufen und vor den fast 600 Seiten nicht zurückschrecken. Ja, das ist viel Stoff. Aber auf der letzten Seite angekommen, hätte man gern noch mehr davon. Denn auch das lernt man in „From Hell“: Manchmal ist da so ein Drang nach mehr.

From Hell

von Alan Moor und Eddie Campbell

Aus dem Englischen von Gerlinde Althoff. Handlettering von Michael Hau. Erstmals in einer handgeletterten deutschen Ausgabe.

Verlag: Reprodukt

584 Seiten, Schwarz-Weiß, Hardcover, 17 × 24,5 cm, 49 Euro. ISBN 978-3-95640-510-5.

Link zum Buch: https://reprodukt.com/products/from-hell