Figuren wie Modesty Blaise altern nicht. Sie wechseln nur die Beleuchtung. Seit ihrem ersten Auftritt in den 1960er Jahren, als täglicher Comicstrip im Evening Standard, wirkt Modesty Blaise wie eine Person, die jeden Raum mit ihrem Blick beherrscht. In der edlen Bocola-Gesamtausgabe, liegen die Geschichten gebündelt und ungekürzt vor. Für diese Rezension standen Band 1 sowie die aktuellen Bände 7 und 8 zur Verfügung. Drei Bände. Dutzende kleiner Spannungskurven. Ein großes Vergnügen.

© Boccola Verlag

Herkunft und Haltung einer Ausnahmefigur

Modesty Blaise ist keine Heldin aus elitären Kreisen, keine Agentin mit Silberlöffel im Mund. Als Kind heimatlos, erwachsen im Nahen Osten, baut sie ein kriminelles Netzwerk auf und wird zur Anführerin eines internationalen Syndikats. Statt an der Spitze weiter zu herrschen, zieht sie sich zurück. Gemeinsam mit ihrem unerschütterlichen Partner Willie Garvin arbeitet sie fortan für den britischen Geheimdienst. Diese Herkunft ist kein hübsches Accessoire. Sie prägt Modesty. Sie weiß, wie Macht funktioniert. Sie kennt Gewalt nicht nur als Metapher. Und sie entscheidet pragmatisch, ohne kalt zu werden. Loyalität ist ihr Kompass, nicht Ideologie.

Autor und Zeichner

Erfunden hat Modesty Peter O’Donnell, der die Serie ab 1963 schrieb. Seine Dialoge sind präzise, trocken, oft lakonisch. Keine Sentenzen, keine Verzierungen. Sein Ton, sein Rhythmus geben der Serie ihre unverwechselbare Energie. Visuell legte Jim Holdaway den Grundstein. In Band 1 trifft klare, kontrastreiche Linie auf geradlinige Erzählkunst. Holdaway inszeniert Action und Charakter ohne Schnörkel. Modesty ist präsent, stark, kontrolliert – nie bloß Pose. Nach Holdaways frühem Tod übernahm Enrique Badía Romero. Sein Strich ist weicher, opulenter, gelegentlich glamuröser. Die späteren Bände, darunter 7 und 8, atmen stärker die Atmosphäre internationaler Schauplätze und Mode. Unterschiedliche Handschriften also, die sich perfekt ergänzen.

Drei Panels. Spannung als Handwerk.

Ursprünglich erschienen die Geschichten als täglicher Strip. Drei bis vier Panels pro Tag. Kein Raum für ausschweifende Expositionen. Jede Sequenz musste funktionieren – als Mini-Dramaturgie und zugleich als Teil eines größeren Spannungsbogens. Dieses formale Korsett ist zugleich die Stärke der Serie. Die Zeichnungen setzen Tempo, die Dialoge sitzen, und fast jede Folge endet mit einem Haken: ein Blick, ein gezogener Revolver, eine neue Wendung. Das erzeugt einen Sog. Auch in Albumform behält das Format seine Wucht. Man will immer weiter.

© Boccola Verlag

Mehr als der Strip

Die Popularität der Figur brachte weitere Medien hervor. O’Donnell schrieb Romane, die Modestys Welt vertieften. 1966 entstand der Kinofilm Modesty Blaise unter Joseph Losey. Er trägt die Pop-Art-Ästhetik der Swinging Sixties und bleibt ein faszinierendes Zeitdokument.

Später folgte etwa der Fernsehfilm My Name Is Modesty als Prequel. So witzig es war, mir im Zuge dieser Rezension den Film anzuschauen: Es braucht kein Bewegtbild für die bewegten Abenteuer dieser genialen Agentin. Die Comics selbst besitzen ihre eigene, filmische Kraft.

Schwester im Geiste

In einer Zeit, in der viele weibliche Figuren schmückendes Beiwerk waren, agiert Modesty auf Augenhöhe. Sie führt, plant, kämpft – und sie tut das mit Köpfchen. In dieser Haltung lässt sie sich als Schwester von Pussy Galore oder Emma Peel denken. Doch wo diese Archetypen aus Spiel und Spektakel bestehen, wirkt Modesty wie eine Strategin, die ihre Welt mit Ausblick steuert. Ihre Partnerschaft mit Willie Garvin ist geprägt von Respekt und Vertrautheit. Keine Kitschromanze. Kein Pathos. Ein Team. Gerade heute liest sich das überraschend modern.

Pulp, B-Movie und Heimkommen

© Boccola Verlag

Die Geschichten atmen den Geist der Pulp-Literatur. Exotische Schauplätze, überzeichnete Gegenspieler, riskante Missionen. Alles wirkt wie ein perfekter B-Movie, den man mit Popcorn und einem Grinsen genießt. Und das ist ausdrücklich positiv gemeint. Die Zeichnungen sind schlicht großartig. Band 1 zog mich sofort in seinen Sog. Die späteren Bände entfalten eine visuelle Opulenz, die den Abenteuern noch mehr Wucht verleiht. Die Abenteuer mögen sich am Ende des Tages in ihren Grundmustern wiederholen. Aber jede Seite fühlt sich ein wenig wie Heimkommen an. Ich habe Modesty Blaise zwar erst spät kennengelernt, aber ich bin ihr verfallen.

Licht und Schatten der Edition

© Gerd Blank // Sprechblasen

So hochwertig die Bocola-Ausgabe insgesamt ist, ein paar Punkte trüben das Bild. Das Lektorat der Begleittexte wirkt stellenweise nachlässig. Rechtschreibfehler – in einer sonst edel gestalteten Edition – fallen sofort ins Auge. Und dann wäre da mein kleiner Monk: Die Beschriftung der Buchrücken ist nicht durchgängig einheitlich gesetzt. Im Regal wirken die Schriftzüge nebeneinander leicht versetzt – ein Ärgernis für Sammler, die Wert auf Präzision legen. Abgesehen davon überzeugt die Umsetzung. Das große Format steht den Zeichnungen gut, Papier und Druckqualität lassen die Schwarz-Weiß-Seiten kraftvoll erscheinen.

Ein Genuss

© Gerd Blank // Sprechblasen

Diese Edition bietet eine würdige Bühne für eine der faszinierendsten Heldinnen der Comicgeschichte. Zwischen Pulp-Charme und präziser Erzählökonomie entfaltet sich eine Welt, die auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung nichts von ihrer Kraft verloren hat. Eine tolle Sammlung. Wer wissen will, wie man mit drei Panels pro Tag Spannung erzeugt, sollte hier zugreifen.

Modesty Blaise: Die kompletten Comicstrips

Verlag: Bocola Verlag
Format: Großformatiger Hardcoverband
Umfang: ca. 128 Seiten
Ausstattung: Schwarz-Weiß mit redaktionellem Anhang
Gewicht: ca. 1 kg
je 29 Euro
https://www.bocola.de/modesty-blaise.html