Neulich saß ich vor meinem Plattenregal und habe mich gefragt: Wie sehen Songs eigentlich aus, wenn man sie nicht nur hört, sondern liest? Der Mainzer Ventil Verlag liefert mit seiner „Songcomic“-Reihe seit Jahren die Antwort.
Der Ventil Verlag ist seit 1999 so etwas wie die intellektuelle Homebase für alle, die Popkultur nicht nur konsumieren, sondern verstehen wollen – immer mit einem Bein im Moshpit und dem anderen im gut sortierten Comicregal. Heute habe ich mir zwei Neuzugänge geschnappt, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch beide voll in mein Fan-Herz treffen.
Date mit den Broten: Schwule Mädchen Sondereinheit

Ich gestehe: Ich bin ein „Brot“. Ich habe Fettes Brot fünf Mal live gesehen, stand klitschnass im Moshpit und habe jede Zeile mitgegrölt. Wenn man die Texte so verinnerlicht hat, ist es ein Wagnis, sie als Comic vorgesetzt zu bekommen. Es ist verrückt: Man schlägt die Seiten auf und plötzlich liefern Leute wie Kati Rickenbach oder Büke Schwarz neue Bilder zu Liedern, die in meinem Kopf eigentlich schon fertig waren.

Bei Jein (umgesetzt von Kati Rickenbach) hat es sofort Klick gemacht. Die visuelle Zerrissenheit passt perfekt zu meiner Erinnerung an diese Hymne der Unentschlossenheit. Helena Baumeister hat mich mit ihrer Interpretation von Silberfische in meinem Bett kalt erwischt. Das ist so herrlich surreal, dass meine eigenen inneren Bilder dagegen fast schon blass wirken. Auch Noëlle Kröger gibt dem Titeltrack Schwule Mädchen eine ganz eigene, starke Note. Klar, bei ein, zwei Songs bleibe ich dann doch lieber bei dem Film, den ich mir vor zwanzig Jahren selbst dazu gedreht habe, aber genau das macht den Reiz aus: Es ist ein echter Dialog zwischen Fan und Zeichner.
Trio: Ab dafür (und zwar stoisch!)

Ich habe Trio immer geliebt. Während andere den Bombast der 80er feierten, haben mich diese stoischen TV-Auftritte begeistert. Stefan Remmler, Kralle Krawinkel und Peter Behrens – der im Stehen trommelte! – waren die Könige des Minimalismus. Remmler hatte solo vielleicht die kommerziell größeren Hits, aber mein Herz hat er mit Trio und dieser radikalen Reduktion erobert.


Der Band Ab dafür fängt diesen spröden Witz perfekt ein. Dass sich ausgerechnet Nicolas Mahler den Song Kummergeschnappt hat, ist ein Geniestreich. Sein reduzierter Strich ist das grafische Äquivalent zum Casio-Keyboard. Auch Mawil (zusammen mit Gregor Hinz) bei Anna – Lassmichrein Lassmichraus und Nadine Redlich bei Danger Is liefern genau das ab, was Trio ausmachte: Eine Pointe, die sitzt, ohne das Panel mit unnötigem Ballast zu überladen.
Weitere Songcomics

Die Reihe ist mittlerweile ein beachtliches Sammelbecken für Musiknerds geworden. Ein kurzer Blick über den Plattentellerrand:
- The Go-Betweens & Stereo Total: Für die Momente zwischen elegischem Indie-Pop und verspieltem Elektro-Chanson.
- Ton Steine Scherben & Fehlfarben: Wenn es politisch, rotzig und geschichtsträchtig werden soll.
- Tocotronic: Die Hamburger Schule im Taschenbuchformat – klug und diskursfreudig.
- Schleimkeim: Ein wilder, wichtiger Trip in die Punk-Historie der DDR.
Muss das ins Regal?
Die Idee der Songcomics ist so einfach wie brillant, weil sie uns zwingt, Klassiker neu zu entdecken. Es menschelt an jeder Ecke. Man spürt, dass die Zeichner die Bands genauso feiern wie wir. Die Mischung aus den ganz großen Hits und den tief vergrabenen B-Seiten macht einfach Spaß. Wie bei jeder Anthologie zündet allerdings nicht jeder Stil bei jedem. Manche Interpretationen sind so abstrakt, dass die Verbindung zum Song ohne den Text im Hintergrund fast verloren geht. Wer die Bands gar nicht kennt, wird bei manchen Insider-Gags vielleicht etwas ratlos zurückbleiben. Dennoch lohnt sich der Kauf nicht nur für Fans der Bands. Es ist ein ganz besondere Art, deutsche Kult-Bands neu zu entdecken. Und natürlich hört man dabei die Songs. Für die Brote empfehle ich die Compilation „Hitstory“, um in Nostalgie zu schwelgen. Bei Trio führt kein Weg an der „Trio und Error“ vorbei. Also: Kopfhörer auf, Comic aufschlagen und abtauchen. Es lohnt sich.

Schwule Mädchen Sondereinheit: 10 Fettes Brot-Songcomis
Hardcover, farbig
128 Seiten
25. April 2025
25,00 €(D)
ISBN 978-3-95575-240-8
https://www.ventil-verlag.de/titel/1976/schwule-maedchen-sondereinheit

Ab dafür: 10 Trio-Songcomics
Hardcover, farbig
112 Seiten
Herbst 2024
25,00 €(D)
ISBN 978-3-95575-226-2
https://www.ventil-verlag.de/titel/1965/ab-dafuer