Wir sprechen oft von Träumen. Das können Tagträume sein, die uns an andere Orte entführen. Oder es ist das fantastische Feuerwerk im Kopf, was uns im Schlaf verrückte Geschichten erzählt. Dann ist es auch mal die Bezeichnung für etwas unfassbar Schönes, ein Wort, ein Bild, eine Begebenheit, die wir nicht anders beschreiben können, als mit „ein Traum“. „Die hermetische Garage: Jäger und Gejagter“ von Moebius ist genau das – und all das. Ein Comic-Traum zu Durchblättern, eine Einladung in skurrile Traumgeschichten, ein traumhaftes Erlebnis, dass noch lange im Gedächtnis bleibt, selbst wenn man wieder in die Realität aufgetaucht ist. Wie ein Geruch, an den man sich noch Jahre später erinnert, mehr Gefühl als Realität.

Hermetische Garage: Jäger und Gejagter © Avant Verlag

Eigentlich muss man die Frage stellen, was Realität eigentlich ist. Im Prinzip ist es ja ganz einfach: Es gibt eine eigene, individuelle Realität. Oder anders: Meine Realität stellt sich anders dar, als deine. Und beide Realitäten finden parallel statt. Man muss sich das auch wie Zeit vorstellen, die für zwei Menschen ganz unterschiedlich abläuft, selbst wenn die Uhr am Handgelenk eigentlich für beide den selben Takt vorgibt. Nur im Traum wird aus diesen seltsamen Gedanken ein schlüssiges Konzept. Plötzlich ist alles real, fühlt sich echt an. Details werden zum großen Ganzen, es gibt keinen geraden Weg. Eine stringente Handlung in drei Akten gibt es nicht. Manchmal dehnt sich die Zeit im Traum, ein anderes Mal beschleunigt sie sich so schnell, dass einem schwindelig wird. Man erkennt fremde Gestalten wieder, die man noch nie zuvor gesehen hatte. Absurde Phantasien werden ein Teil der eigenen Wahrheit. Unerklärliches braucht keine Worte mehr.

In der Hermetischen Garage ist alles möglich

Moebis, alias Jean Giraud, war ein Meister im Spiel der Realitäten. Mit „Die Hermetische Garage“ ist ihm ein Kunststück gelungen. Es gibt wohl kaum einen anderen Künstler, der eindrücklicher Wirklichkeit und Traum ineinander fließen lässt. In den 1970er skizzierte Moebius aus einer Laune heraus die bizarren Welten, in denen Major Grubert wanderte. Es gab keine Story und kein Ziel, jede neue Seite entsprang einem Impuls. Intuitive Kreativität könnte man das nennen. Oder die Visualisierung eines Traumes, der vom Kopf direkt in der Hand kanalisiert und aufs Papier übertragen wird.

Hermetische Garage: Jäger und Gejagter © Avant Verlag

Die ursprünglichen Comics erschienen in Frankreich zwischen 1976 bis 1979, in Deutschland brachte das Comic-Magazin „Schwermetall“ die Serie von 1980 bis 1983 heraus. Es folgten mehrere Veröffentlichungen im Album-Format. In den 1990er gab es mit „Der Mann von der Ciguri“ eine Fortsetzung. Noch kurz vor seinem Tod zeichnete Moebius 2011 noch die Geschichte „Le Major“, die allerdings bislang noch nicht in Deutschland veröffentlicht wurde. Aber ein Video können wir hier davon zeigen.

Mit „Jäger und Gejagter“ findet nun die „Hermetische Garage“ nicht direkt eine Fortsetzung, ist ist eher ein kleiner Ausflug am Rande. Moebius zeichnete die Seiten zwischen 2006 und 2008. Auch das ist irgendwie eine Zeitreise. In der Story dann, wenn man sie so nennen mag, reist Major Grubert durch eine Wüste. Er sucht Madame Van Peebles, damit sie ihn durch sein Unterbewusstsein führt. Von Panel zu Panel begleitet man den Major auf seiner surrealen Reise. Unterwegs begegnet der Major seltsamen Gestalten und erlebt ein verwirrendes Abenteuer. Es wird frivol, es wird bizarr, es wird wunderschön.

Jede Seite und jedes Panel ist eine opulente und lustvolle Entdeckungsreise. Die detailverliebten Bilder sind mit kleinen Überraschungen vollgepackt. Der klare Strich, typisch für Moebius, kommt in der wunderbaren schwarz-weiß-Umsetzungen perfekt zur Geltung. Fast so, als hätte der Künstler seinen Traum direkt nach dem Aufwachen mit einer Sergent Major Feder und schwarzer Tusche auf die weißen Seiten seines Notizbuches gezeichnet. Es macht beim ersten Lesen des Comics keinen Sinn, den tieferen Sinn zu suchen. Viel besser ist es, sich auf diese Reise einzulassen – so, wie es Major Grubert in der Geschichte macht. Er hat eine Idee, wohin die Reise gehen soll, aber es sind die Umwege, die ihn am Ende leiten. Und so wie man nur selten einen Traum immer wieder auf die selbe Art träumen kann, darf man auch den Comic immer wieder neu anfangen – und dabei auch immer wieder neu entdecken.

Hermetische Garage: Jäger und Gejagter © Avant Verlag
Hermetische Garage: Jäger und Gejagter © Avant Verlag

„Jäger und Gejagter“ belegt eindrucksvoll, mit welch überbordender Kreativität und Phantasie Moebius ans Werk geht. Man erkennt schnell, warum er eine große Inspirationsquelle für andere Künstler war und noch immer ist. Wer will, findet Spuren von Film-Klassikern wie „Das fünfte Element“ oder „Inception“. Allerdings täuscht das ein wenig, denn in Wahrheit ist es genau andersherum: Major Grubert hat schon viel früher surreale Welten bereist oder ist tief in verschiedene Traumebenen hinabgestiegen. Jean Giraud arbeitete an einer Film-Adaption von „Dune“. Diese wurde zwar nicht umgesetzt, beeinflusste aber die Arbeit einer ganzen Generation an Regisseuren wie George Lucas und Luc Besson. Er erstellte das Storyboard für „Tron“ oder „Abyss“ und entwarf außerdem die Raumanzüge von „Alien“.

Hermetische Garage: Jäger und Gejagter © Avant Verlag

„Die Hermetische Garage“ ist eine Einladung zum Träumen. Der wunderbare Band „Jäger und Gejagter“ bringt gerade mit seiner monochromen Darstellung viel Farbe ins Leben. Die eigene Phantasie füllt die Konturen bunt aus, wenn man in die Träume von Moebius und Major Grubert eintaucht. Man fängt selbst an, zu träumen – mit offenen Augen und einem vor Begeisterung offen stehenden Mund.

Oder um es kurz zu machen: Dieser Comic ist ein Traum!

Die hermetische Garage – Jäger und Gejagter

Die hermetische Garage – Jäger und Gejagter

Text & Zeichnungen: Moebius
Verlag: Avant-Verlag
ISBN: 978-3-96445-157-6
64 Seiten, Hardcover mit Spotlack
24 x 32 cm, schwarzweiß
30,00 Euro
Link: https://www.avant-verlag.de/comics/die-hermetische-garage/