Wenn Detektiv Nestor Burma seine Fälle löst, nimmt er sich dafür viel Zeit. Für Leser der Reihe eine gute Gelegenheit, ein längst vergangenes Paris kennenzulernen.

Nestor Burma ist die französische Antwort auf US-Detektive wie Sam Spade und Philip Marlow. Léo Malet hat den Detektiv erfunden, seit den 1940er Jahren ermittelt der Lebemann im Maßanzug in den Straßen von Paris. Sein Fälle löst er dank Gespür und guter Kontakte. Mit der Polizei und besonders mit Kommissar Florimond Faroux pflegt er ein ambivalentes Verhältnis. Burma wird respektiert, aber er macht es den offiziellen Ermittlern nicht leicht, ihn zu mögen. Wie es sich um einen Thriller Noir gehört wird auch bei Nestor Burma viel getrunken und geraucht. Statt Scotch gibt es Wein und Pernot, statt Zigaretten zieht Burma an der Pfeife. Wenn man sich schon Tag für Tag mit Mord und Totschlag in allen gesellschaftlichen Schichten rumtreibt, dann doch bitte mit Stil.

„120, Rue de la Gare„, der erste Roman um Nestor Burma, erschien 1942. In den folgenden 30 Jahre schrieb er rund um Nestor Burma 15 Kriminalromane, sie bilden den Zyklus Die neuen Geheimnisse von Paris. In jedem Band dien ein anderer Pariser Arrondissement als Schauplatz. Der Stoff schreit geradezu nach anderen Veröffentlichungen. Fünf Film und eine TV-Serie wurden rund um Nestor Burma gedreht. Für uns haben aber besonders die Graphic Novels einen große Bedeutung.

Bei Schreiber und Leser erscheinen die Kult-Krimis von Léo Malet um den schlitzohrigen Privatschnüffler Nestor Burma in Comic-Form. Umgesetzt werde diese im Wechsel von Nicolas Barral und Emmanuel Moynot. Ein interessanter Kniff, den durch den unterschiedlichen Stil der Künstler erhalten die jeweiligen Ausgaben eine ganz besondere Note.

Nestor Burma – Blüten, Koks und blaues Blut

Der Roman „Blüten, Koks und blaues Blut“ erschien bereits 1945. Paris war wie alle Großstädte Europas vom Krieg gezeichnet. Gleichzeitig war eine Aufbruchstimmung zu spüren. Das gilt auch für Nestor Burma. Er braucht einen Tapetenwechsel. Also gönnt er sich eine Ermittlung an der Côte d‘Azur. Statt Spurensuche in den Straßen von Paris bewegt er sich in den Kreisen der Adeligen, Reichen und Berühmten. Aber der schöne Schein ist nur Fassade, denn natürlich geht es hinter den glänzenden Kulissen eher halbseiden zu. Die Reichen können nicht genug Kohle machen und bezahlen mit Falschgeld. Die Prominenz hat Sorge um Bedeutungsverlust und paktiert mit kriminellen Banden. Und der Adel kann zwar mit schönen und alten Namen dienen, pfeift aber aber auf dem letzten Loch. Ein perfekter Ort also, um sich trotz anderer Umgebung wie Zuhause zu fühlen. Auch wenn es manchmal ganz schön kritisch wird für Nestor Burma. Unter südlicher Sonne wird es heiß für den Detektiv, er muss sogar seine geschätzte Assistentin Helene aus Paris herbeirufen. Die bewahrt wie immer einen kühlen Kopf.

Die Szenerie des Comics ist magisch. Die markanten Gesichtszüge von Nestor Burma werden fast weich bei so vielen Schauwerten. Emmanuel Moynot versetzt den Detektiv und damit den Leser visuell in Urlaubstimmung. Panel für Panel taucht man immer mehr ins Urlaubsparadies an der Côte d‘Azur ein – und ist plötzlich mitten drin in einem Fall mit vielen Twists. Ein schöner Kurzurlaub mit etwas Spannung als Würze.

Nestor Burma – Blüten, Koks und blaues Blut

Verlag: Schreiber und Leser
Zeichnung: Emmanuel Moynot · Szenario: Léo Malet
80 Seiten | gebunden | Farbe | € 22,80
ISBN: 978-3-96582-224-5
Link zum Comic: https://www.schreiberundleser.de/index.php?main_page=index&cPath=cPath=1_69

Nestor Burma – Rififi in Menilmontant

„Rififi in Menilmontant“ erscheint etwas außerhalb der Reihe. Das Comic beruht nicht auf einem Roman von Léo Malet, sondern stammt von Comic-Altmeister Jacques Tardi. Der mehrfach für seine Arbeiten ausgezeichnete Künstler hatte bereits in den 1980er Ahren ein paar Original-Abenteuer von Nestor Burma umgesetzt, darunter auch das erste Buch „120, Rue de la Gare“. Die Story in „Rififi in Menilmontant“ stammt von Tardi. Statt einem schnellem Thriller hat man es mit einer gezeichneten Meditation zu tun. Tardi nimmt sich viel Zeit, wenn der Schnüffler durch Paris fährt. Manchmal passiert über mehrere Panels hinweg nichts, man bekommt nur immer wieder neue Blickwinkel auf Straßenzüge und Häuser, auf belebte Plätze und Kneipen. Und manchmal fährt Nestor Burma einfach nur mit seinem Auto. Ganz nebenbei löst er einen seltsamen Fall rund um einen Pharmakonzen mit einem dunklen Geheimnis, drei Weihnachtsmänner und einen Trinker mit guten Verbindungen.

Der Stil ist sehr reduziert, Farbe setzt Tardi nur sparsam ein. Die Gesichter sind bleich, lediglich die kräftige Kontur gibt den Figuren ihre Form. Die feiste Visage von Nestor Burma wirkt wie eine Mischung von Jean Gabin und Jaan-Paul Belmondo. Der Band ist mehr Skizzenbuch als ein ausgearbeitete Graphic Novel. Doch lässt man sich darauf ein, taucht man immer weiter in die Geschichte ein. Die blassen Bilder werden gedanklich gefärbt, die Stadt erwacht immer mehr zum Leben. Tardi hat für die Arbeit an diesem Band viele Fotos aus dem Viertel als Vorlage benutzt – und die Gebäude und Sraßen liebevoll in Szene gesetzt. Die eigenen Fantasie färbt schließlich die Story, so als würde man ein blasses Leben nach eigenen Wünschen ausmalen. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft von „Rififi in Menilmontant“: Ist das Leben noch so grau, dann mach es Dir zumindest in kleinen Teilen etwas bunter.

Am besten trinkt man beim Lesen ein Glas Weiswein, vielleicht auch zwei. So wie es Nestor Burma bei seinen „Ermittlungen“ macht – und Tardi wahrscheinlich beim Zeichnen am Bistro-Tisch vor einem seiner Lieblingslokale. Denn das ist es doch, was man unter Savoir-vivre versteht. Ein Leben mit Genuss – selbst wenn es um uns herum nicht immer so glatt läuft. Und davon versteht Nestor Bura auch in diesem Band eine Menge. Zum Wohl.

Nestor Burma – Rififi in Menilmontant

Verlag: Schreiber und Leser
Zeichnung & Szenario: Jacques Tardi
€ 29,80 | gebunden | Farbe | 200 Seiten
ISBN: 978-3-96582-221-4
Link: https://www.schreiberundleser.de/index.php?main_page=index&cPath=cPath=1_69

Links

Nestor Burma (Wikipedia): https://de.wikipedia.org/wiki/Nestor_Burma
Léo Malet (Wikipedia): https://de.wikipedia.org/wiki/Léo_Malet
Jacque Tardi (Wikipedia): https://de.wikipedia.org/wiki/Jacques_Tardi
Nestor Burma bei Schreiber und Leser: https://www.schreiberundleser.de/index.php?main_page=index&cPath=cPath=1_69