Als jemand, der Amerikanistik studiert hat und mit den literarischen Schwergewichten der US-Geschichte bestens vertraut ist (hüstel, hüstel…), stehe ich Adaptionen großer Klassiker oft mit einer gesunden Portion Skepsis gegenüber. Doch das zweibändige Comic-Projekt „Es war einmal in Amerika – Eine Geschichte der amerikanischen Literatur“ (im französischen Original Il était une fois l’Amérique bei Les Arènes, deutsche Ausgabe 2025 bei Jacoby & Stuart) hat mich überaus positiv überrascht.

Unter der Schirmherrschaft von US-Literatur-Experte Oliver Gallmeister und Krimi-Spezialist François Guérif hat ein hochkarätiges Kreativteam eine Biografie der amerikanischen Seele geschaffen. Szenaristin Catherine Mory und Zeichner Jean-Baptiste Hostache gelingt hier das Kunststück, US-Literaturgeschichte lebendig und greifbar zu machen.

Zwei Bände, zwei Jahrhunderte US-Literatur

Eine Brücke zwischen Leben und Werk

Was diese Comic-Perspektive so besonders macht, ist die erzählerische Struktur. Mory verwebt geschickt Szenen aus dem oft turbulenten Leben der Autorinnen und Autoren mit direkten, visuell inszenierten Auszügen aus ihren Hauptwerken. Diese Herangehensweise holt die Literatur vom akademischen Sockel und macht sie auch für absolute Literaturmuffel sehr zugänglich. Man begreift sofort, in welchem historischen und persönlichen Kontext ein Werk entstanden ist. Man muss sich allerdings auch auf überdurchschnittlich viel Text einlassen.

Welche Autoren kommen vor?

Das Werk ist chronologisch in zwei große Bände unterteilt: das 19. und das 20. Jahrhundert.

Band 1 (Das 19. Jahrhundert): Hier triffst du auf die frühen Autoren der US-Literatur. Unter anderem:

  • James Fenimore Cooper
  • Edgar Allan Poe
  • Nathaniel Hawthorne
  • Herman Melville
  • Emily Dickinson
  • Walt Whitman
  • Mark Twain
  • Jack London
  • Henry James
Edgar Allan Poe, was viele nicht wissen, er ist auch der Vater des (düsteren) Kriminal-Romans

Band 2 (Das 20. Jahrhundert): Dieser Band widmet sich der Moderne und dem „American Dream“. Mit dabei sind:

  • F. Scott Fitzgerald
  • Ernest Hemingway
  • William Faulkner
  • John Steinbeck
  • Jack Kerouac
  • Truman Capote
  • Dashiell Hammett
  • Flannery O’Connor
  • Henry Miller
  • Tenessee Williams

Die Zeichnungen von Hostache sind dabei durchweg sehr gelungen. Seine Panel-Aufteilungen und die emotionale Tiefe seiner Figuren gefallen von der ersten Seite an. Besonders beeindruckend ist die Umsetzung der großen amerikanischen Mythen: Wenn wir in die düstere, melancholische Welt von Edgar Allan Poe eintauchen und The Raven (Der Rabe) visuell zum Leben erwacht, oder wenn wir Zeuge von Herman Melvilles Kapitän Ahab werden, dessen Besessenheit in der Jagd auf Moby Dick in, auf das Wesentliche reduzierten, Bildern geradezu greifbar wird, zeigt der Comic sein volles Potenzial.

Hier Herman Melville mit „Moby Dick“ und (eingewoben) Stimmen aus der Literatur-Kritik. Dieses Comic will, im wahrsten Sinne des Wortes, auch gelesen werden

Ein Wermutstropfen auf hohem Niveau

So beeindruckend die visuelle Umsetzung auch ist, eine kleine verpasste Chance bleibt für meinen Geschmack: Es wäre extrem spannend gewesen, den sehr unterschiedlichen literarischen Stimmen auch konsequenter angepasste Zeichenstile und Farbpaletten zu verleihen. Ein Mark Twain „klingt“ anders als ein Edgar Allan Poe oder ein Ernest Hemingway, und diese tonale Varianz hätte sich noch stärker in einer wechselnden grafischen Handschrift niederschlagen können. Nichtsdestotrotz ist die vorliegende Realisation aus einem Guss und auch so absolut empfehlenswert. Viel schwerer wiegt, dass es mit Emily Dickinson und Flannery O’Connor lediglich zwei Frauen in diese Auswahl geschafft hat. Mit Harriet Beecher Stowe (Onkel Toms Hütte), Dorothy Parker („New Yorker Geschichten“), Edith Wharton („Zeit der Unschuld“), Mary Shelly („Frankenstein“) und vielen anderen stünden jedenfalls genügend bedeutende Kandidatinnen in der Literaturgeschichte.

Werke UND Autoren werden vorgestellt: John Steinbeck

Ich will mehr!

Dennoch: „Es war einmal in Amerika“ ist eine Liebeserklärung an die amerikanische Literatur, die sich an sowohl Kenner als auch Neulinge wendet. Die zwei Bände decken das 19. und 20. Jahrhundert hervorragend ab (Wünsche gibt es immer) – doch die Geschichte ist hier noch nicht zu Ende. Mein größter Wunsch an das Team und den Verlag: Ein 3. Band muss her! Es wäre fantastisch, zu sehen, wie dieses Format die zeitgenössischen Autoren des 21. Jahrhunderts beleuchtet. Insbesondere eine grafische Aufarbeitung von Stephen King oder meinem persönlichen Favoriten Paul Auster (dessen New York Trilogy bereits in einer beeindruckenden Comic-Adaption vorliegt) wäre ein absoluter Traum (obwohl ja beide auch bereits ins 20. Jahrhundert gepasst hätten). Bis dahin bleiben diese beiden Bände ein Highlight in meinem Bücherregal.

Es war einmal Amerika: Eine Geschichte der amerikanischen Literatur – Band 1: Das 19. Jahrhundert / Band 2: Das 20. Jahrhundert

Verlag:Jacoby & Stuart
Hardcover, 21.8 x 27.6 cm, je 224 Seiten
ISBN ISBN 978-3-96428-272-9
je 32 Euro
Link zum Buch: https://www.jacobystuart.de/buecher-von-jacoby-stuart/neuerscheinungen/es-war-einmal-amerika/