Ulli Lust hat ein Comic-Wunder vollbracht: „Die Frau als Mensch“ ist ein buchstäblich ausgezeichnetes Sachbuch und ein Bestseller. Wir haben reingeschaut und dabei eine Menge gelernt.

Ich liebe es, in ein Rabbit-Hole einzutauchen. Mit einer klaren Vorstellung zu einem bestimmten Thema ein paar Infos recherchieren, nur am dann mehrere halben Stunden später schlussendlich bei einem ganz anderen Thema zu landen. Ich folge dann einzelnen Info-Häppchen wie Hänsel und Gretel den Brotkrumen im Wald. Wie kürzlich, als ich irgendwo ein Beitrag zu Fritz Lang las. Ich schaute mir den Wikipedia-Beitrag über den Regisseur an, las alles zu „Metropolis“ und „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ und landete dann bei „Dr. Mabuse“. Dadurch erfuhr ich, dass es sogar einen englischen Film unter diesem Namen gab, der aber eigentlich gar nicht als Dr.-Mabuse-Film gedreht wurde, sondern nur in Deutschland so hieß. Ich landete bei den Schauspielern des Films, kam zu den Produktionsstudio und fand mich irgendwann bei Edgar Wallace wieder. Aber ich schweife ab.

Ulli Lust geht es ganz offenbar genauso. Mit „Die Frau als Mensch“ hat die Künstlerin genau so ein Rabbit-Hole erschaffen. Ich sehe es direkt vor mir, wie sie an ihrem Zeichentisch saß, erneut über einen interessanten Fakt über Frauen in Kultur und Gesellschaft gestolpert ist, diesen in eine Zeichnung fließen ließ und sich währenddessen schon wieder ein Gedanke, eine neue Info entwickelte. Das Resultat ist eine Reise in die Geschichte der Zivilisation. Und was soll man sagen: Die Geschichte ist weiblich. Von Panel zu Panel gibt es Geschichten, Hintergründe, kurze Infos und Einordnungen. Manchmal wissenschaftlich belegt, manchmal lediglich als neue Perspektive notiert aber immer lehrreich und wertvoll.

In „Die Frau als Mensch“ wird unsere Geschichte mal nicht mit einer männlichen Brille betrachtet, es ist die Perspektive der Frau, die hier beleuchtet wird. Und man muss sich gedanklich gar nicht so doll verbiegen, um laut „Endlich!“ zu rufen. Denn wenn wir ehrlich sind, ist es doch schon immer klar gewesen, wer schon immer für das Wesentliche im Leben zuständig war, ist und bleibt. Und das zeigt Ulli Lust ganz eindrücklich. Das Werk ist ein Sachbuch, kommt aber dabei nicht so langweilig daher, wie viele andere Bücher, die die Welt erklären.

Es sind nicht alleine die Zeichnungen, die sofort in ihren Bann ziehen. Es ist vor allem die große Lust (sorry, musste sein) daran, eine Geschichte über die Geschichte zu erzählen – und das häufig mit einem Augenzwinkern. Das erste Kapitel heißt „Die Scham“. Das ist mehrdeutig. Gleich im ersten Bild wird das deutlich. „Ich bin mit zwei Schwestern aufgewachsen. Mit sechs Jahren habe ich zum ersten Mal einen Penis gesehen.“ Ulli Lust schämt sich nicht für ihre Gedanken und Worte. Wenn man über die Unterschiede zwischen Mann und Frau spricht, gehört ganz natürlich der „Schambereich“ dazu. Und warum sollte man dafür vorsichtige Worte wählen, wie es die Mutter im Auftakt des Buches empfiehlt? Nee, damit sollte Schluss sein.

Mit sechs Jahren habe ich zum ersten Mal einen Penis gesehen.

Gleich auf der nächsten Seite geht es um den halbnackten Jesus, komplett nackte Mannsbilder ohne Scham – und gleichzeitig um Göttinnen, die sich genieren. So sehen Männer die Welt – und das im Prinzip seit der Stunde Null, also seit der Geburt von Jesus Christus. Das heißt auch: Seit gut 2000 Jahren lernen wir, dass die klassische Rollenverteilung der Geschlechter im Prinzip schon immer existierte. Der starke Mann, die schwache Frau, der Jäger und die Amme, der Chef und die Angestellte. Noch immer stellt man sich den Steinzeitmenschen männlich vor, gerne mit Bart im Gesicht und einer Keule in der Hand. Die Frau ist nach dieser gängigen Erzählung eher Statist. Aber ist das Bild korrekt? Ulli Lust sprach mit vielen Experten und Expertinnen über neue Erkenntnisse. Ganz offenbar stimmen die bisherigen Erzählungen nicht. Es zeigt sich: Die Ur-Geschichte ist weiblich, die jüngere Geschichte haben sich dagegen Männer auf den Leib geschrieben.

Auf der inspirierenden Reise in dieses geschichtliche Rabbit-Hole lernen wir viel über Kunst, den Menschen und das Zusammenleben. Natürlich spielt Religion eine Rolle, aber auch Spiritualität und Mystik. Wir erfahren etwas über Politik und einfach gestrickte Männer. Und selbst Liebhaber von Flora und Fauna kommen auf ihre Kosten. Klar, man könnte das Comic als hübsche Bildergeschichte abtun. Und in der Tat müssen einige Passagen auf Männer wie Science-Fiction wirken. Doch hier wurde nicht einfach nur eine Geschichte umgeschrieben, sondern der aktuelle Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse zusammengefasst. Wie es sich für ein Sachbuch gehört, findet man im Anhang des Buches alle genutzten Quellen, falls man sich noch tiefer mit der Materie beschäftigen möchte.

Der Titel des Buches „Die Frau als Mensch“ stammt übrigens ebenfalls aus dem großen Erfahrungsschatz von Ulli Lust. Sie stammt aus Niederösterreich, in der örtlichen Mundart steht Mensch für Mädchen. „Der Mensch“ kann eine Frau oder eine nonbinäre Person sein. „Die Mensch“ gibt es allerdings nicht, daher denkt man bei „der Mensch“ fast zwangsläufig an einen Mann. Die Geschichte ist halt von Männern gemacht, inklusive passender Sprache. Es ist höchste Zeit, für einen neuen Blick darauf. Die Geschichte musste einfach neu geschrieben werden. Und gezeichnet. Mit klaren Worten und mit einem klaren Strich. Der besondere Charme dieser Herangehensweise ist, dass im Gegensatz zur Lektüre eines klassischen Sachbuchs viele Fakten im Gedächtnis bleiben. Kein Wunder, dass „Die Frau als Mensch“ ein Bestseller ist. Zudem wurde das Buch mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2025 ausgezeichnet – als erster Comic überhaupt.

Und nach der Lektüre gibt es noch ein kleines Bonbon auf der letzten Seite. Es ist eine Ankündigung für den zweiten Band „Die Frau als Mensch – Schamaninnen„, der im Februar 2026 erscheint. Sogar Comic-Gott Alan Moore gibt sich hier noch einmal kurz die Ehre und spricht über die Kunst. Oder war es nur ein Traum? Wenn ja, war es ein schöner. Danke, Ulli Lust!

Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte

Ulli Lust
Verlag: Reprodukt
ISBN 978-3-95640-445-0
256 Seiten, farbig, 19,3 × 26 cm, Hardcover
29 Euro
Zum Buch: https://reprodukt.com/products/die-frau-als-mensch-am-anfang-der-geschichte-1