Asterix und Obelix werden 41. Na ja, zumindest ist kürzlich der 41. Band Asterix in Lusitanien erschienen. Ein Blick auf zwei Gallier im Schatten ihrer Väter.
Hand aufs Herz: Wer hat nicht sofort die französische Landkarte mit einer Lupe über einem kleinem Ort im Kopf, wenn er folgende Sätze liest? „Wir befinden uns im Jahre 50 v. Chr. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt. Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.“
Diese Worte sind mehr als ein Intro; sie sind ein kultureller Code. Ein Versprechen für Abenteuer, Wildschweinbraten und verknotete Römer. Aber wenn wir heute, Jahrzehnte und über 40 Bände später, ein neues Asterix-Album aufschlagen – spüren wir dann noch dasselbe Kribbeln? Ist der Zaubertrank vielleicht ein wenig abgestanden? Asterix ist ohne Frage ein Monument der Comic-Literatur. Aber wie bei vielen Denkmälern muss man sich fragen: Wird es noch gelebt oder nur noch abgestaubt? Ein Blick zurück und auf die Gegenwart.

1959: Ein kleines Magazin in Frankreich
Die Legende nahm ihren Lauf an einem konkreten Datum: dem 29. Oktober 1959. In der allerersten Ausgabe des französischen Magazins Pilote erblickten der kleine, clevere Krieger und sein Hinkelstein liefernder Freund das Licht der Welt. Nahezu genau 10 Jahre vor dem Autoren dieser Zeilen. Die Väter des Erfolgs, der geniale Texter René Goscinny und der begnadete Zeichner Albert Uderzo, schufen etwas, das den Zeitgeist perfekt traf: eine Mischung aus historischer Satire, Slapstick und feinem Wortwitz.
Bereits 1961 wurde aus den Strips eine Alben-Serie, die alle Rekorde brach. Der Clou: Asterix war nie „nur“ für Kinder. Während die Kleinen über die Keilereien lachten, amüsierten sich die Erwachsenen über politische Anspielungen, lateinische Zitate und liebevolle Parodien auf nationale Klischees – sei es der Schweizer Käse oder der britische Tee. Es entstanden Klassiker wie der einführende Auftakt Asterix der Gallier (1968*), Tour de France (1970) und auch das geniale Asterix und Kleopatra (1968). Bis 1977 (dem Todesjahr von Goscinny) bereisten die beiden Helden viele Orte (u.a. Korsika, Schweiz, Belgien, England) und nahmen sogar an den Olympischen Spielen (1972) teil.

Ab Band 25 (Der große Graben, 1980) übernahm Uberzo schließlich alleine die Geschicke der Gallier. Optisch blieben die Comics ein Genuss (wie bis heute!), aber die Stories wurden flacher. Den bizarren Tiefpunkt markierte wohl Gallien in Gefahr (2005), als plötzlich Aliens und Raumschiffe auftauchten – ein Bruch mit der Logik der Serie, der mich von den Geschichten fortgetrieben hat.
Die Neuzeit (Ferri/Conrad & Fabcaro, seit 2013): Die neuen Autoren hatten und haben eine undankbare Aufgabe. Sie verwalten ein Heiligtum. Die Zeichnungen sind eine perfekte Mimikry des Uderzo-Stils, aber die Stories gehen auf „Nummer sicher“. Man wagt keine Experimente mehr. Das Ergebnis: Die Bände wirken oft nostalgisch, aber selten relevant. Wie sagen wir an anderer Stelle häufig: mehr Fan-Service, als wirkliche Innovation. Asterix ist längst zur Marke geworden, bei der das Produkt wichtiger ist als die künstlerische Dringlichkeit.
Die deutsche „Stimme“: Von Penndorf bis Jöken
Dass wir Asterix in Deutschland so lieben, verdanken wir nicht nur den Franzosen, sondern vor allem einer Frau: Gudrun Penndorf. Sie übersetzte die Bände 1 bis 29 und verlieh den Galliern ihren unverwechselbaren deutschen Witz. Viele der geflügelten Worte – darunter das legendäre „Die spinnen, die Römer!“ – sind ihrer Kreativität zu verdanken, da die französischen Originale oft unübersetzbare Wortspiele enthielten, die sie genial „eingedeutscht“ hat. Penndorf hörte auf, als der Verlag ihr eine Erfolgsbeteiligung verweigerte – ein herber Verlust für die Serie.
Nach einer Zwischenphase (u.a. Michael Walz) liegt die Verantwortung bis heute bei Klaus Jöken. Seine Übersetzungen gelten als handwerklich solide und modern, doch manche Puristen vermissen den charmanten, leicht anarchischen Sprachwitz der Penndorf-Ära. So geht es auch mir, offen gesagt. Allerdings: Jöken muss den Spagat schaffen, moderne Referenzen einzubauen, ohne dass es aufgesetzt wirkt – keine leichte Aufgabe. Seine Kreativität allerdings, was die deutschen Namensgebungen betrifft, lässt sehr zu wünschen übrig. Wo wir auch schon beim aktuellen Band wären.

„Asterix in Lusitanien“
Springen wir in die Gegenwart. Der neueste Band, Asterix in Lusitanien (Band 41, erhältlich seit Oktober 2025 bei Egmont/Berlin), hat mich eher unglücklich zurückgelassen. Die Geschichte ist ein Sammelsurium aus vielen Elementen, die wir schon gesehen haben: Ein Fremder kommt mit einem Hilfegesuch. Asterix & Obelix müssen „auf große Fahrt“, um zu helfen. Wir lernen einige Seiten des Landes (hier das alte Portugal) kennen. Die Römer sind auch da. Die Helden erleben nette Episoden und „befreien“ am Ende den unschuldig eingesperrten „Freund“. Lagerfeuerrunde. Ende.

Okay, okay, das ist etwas unfair, denn aus vielen solcher Versatzstücke besteht nun mal eine Asterix-Geschichte. Und sicher, es gibt schöne Momente. Die Figur des Lusitaners Schnurres, der um Hilfe für den Garum-Produzenten Schãoprozes bittet, ist sympathisch. Auch die touristischen Gags über Fado-Musik, Kabeljau und Korkeichen entlocken ein Schmunzeln. Ich mag auch die Anspielung auf den „Registrierungswahnsinn“ im Internet („Passwort unzureichend. Es muss eine Zahl enthalten“) oder Obelix als ewig nörgelnder Tourist. Nette Gags und Einzelstücke.
Genau das ist das Problem. Die Geschichte wirkt eher wie eine Aneinanderreihung netter Episoden als wie ein großes Abenteuer mit steigender Spannung. Wo früher eine dramatische Mission stand (denken wir an Asterix als Gladiator), dominiert heute oft eine Art „betreutes Reisen“. Der Humor ist zwar handwerklich okay, aber die mehrschichtige Tiefe der Goscinny-Jahre ist lange vergangen. Es ist nett. Aber ist „nett“ genug für einen Gallier? Was sollen Namen wie “Infettesfrittiertes“ oder „Mayopommes“? Da hätte ich mir etwas mehr Esprit gewünscht.
Unter dem Strich: Asterix in Lusitanien liefert einige nette Gags und Ortsdetails, bleibt aber in Erzählstruktur und satirischer Tiefe hinter den frühen Goscinny-Uderzo-Bänden zurück.
Ein dunkles Kapitel: „Siggi und Barnabas“
Zum Abschluss ein Blick in den Abgrund der deutschen Comic-Historie. Bevor Asterix hierzulande Kult wurde, gab es bereits einen ersten Versuch – der den Gallier und seine Kollegen völlig entstellte. Mitte der 60er Jahre sicherte sich der Verleger Rolf Kauka (bekannt für Fix und Foxi) die Asterix-Rechte für das Magazin Lupo modern. Was er daraus machte, war haarsträubend. Das fing schon beim Namen an: Er nannte die Helden „Siggi und Barnabas“.
Und dabei blieb es nicht. Kauka politisierte den Comic stramm rechtskonservativ. Aus den Galliern wurden „Westgoten“, die bösen Römer sprachen amerikanischen Slang und die verfeindeten Dörfer wurden zur Parabel auf das geteilte Deutschland – inklusive antisemitischer Untertöne bei Nebenfiguren. Als Goscinny und Uderzo davon Wind bekamen, waren sie entsetzt. Sie klagten, entzogen Kauka sofort die Lizenz und sorgten dafür, dass künftige Übersetzungen streng kontrolliert wurden. Somit vielleicht ein Glück: Ohne diesen Eklat hätten wir vielleicht nie die werkgetreue Version lieben gelernt.
Versöhnliches Fazit

Der kleine Asterix bleibt ein Gigant. Obelix, aber der eigentliche Held der Geschichten. Er liefert in der Regel die guten Gags, die herzlichen Momente und das warme Herz der Saga. Es ist mit beiden, wie ein mit alten Freunden, mit denen man sich immer wieder gerne auf ein Bier (oder Cervisia) trifft, um in alten Zeiten zu schwelgen, auch wenn es heute nichts Neues mehr zu erzählen gibt. Der wahre Geist von Asterix starb wohl ein Stück weit mit Goscinny – alles danach war und ist eine beeindruckende, aber endlose Ehrenrunde durchs römische Reich.
Und natürlich werde ich auch Band 42 lesen, beim Teutates.
*Die Jahreszahlen der Bände beziehen sich auf die Erstauflage in Deutschland. In Frankreich sind die Geschichten oftmals viele Jahre vorher erschienen.