Als Falco-Fan kennt man die Eckdaten. Man kennt die Interviews, die exzentrischen Auftritte, seinen echten Namen Johan Hölzel, das Ende in Puerto Plata. Aber Arnulf Rödlers Graphic Novel „Falco – Leben und Sterben des Hans Hölzel“ (Verlag Knesebeck) zwingt uns, den österreichischen Ausnahmekünstler noch einmal ganz neu zu betrachten: nicht als Popstar, sondern als Getriebenen in einem selbstgewählten Käfig aus Licht und Schatten.

Die Mechanik des Wahnsinns: Das 12-Panel-Raster
Das Erste, was ins Auge springt, ist die gnadenlose Struktur. Jede Seite ist konsequent in 12 gleichgroße, quadratische Panels unterteilt. Das wirkt auf den ersten Blick fast mathematisch kühl, entfaltet aber schnell eine beklemmende Sogwirkung. Oft verschmelzen die kleinen Quadrate zu einem größeren Blickwinkel, einem meist bildgewaltigen Moment. Dadurch bleibt der Leser ein Betrachter von außen, der durch das so entstandene feine Raster wie in einen abgeschlossenen Raum blickt.
Im nächsten Moment nutzt Rödler das Raster für extreme Details. Ein Auge, der zuckende Mundwinkel, das weiße Pulver (das nie weiß ist, in dieser Melange aus Grau und Rot). Es ist eine filmische Erzählweise, die den Rhythmus von Falcos Musik (und seinem Herzschlag?) visuell zu übersetzen versucht. Erfolgreich, denn dieser visuelle Beat zieht einen in die Geschichte.
Ein Drogentrip als Lebensrückblick
Rödler wählt einen erzählerischen Rahmen, der so fatalistisch wie genial ist – und auch wieder cineastisch. Die Geschichte beginnt und endet mit dem fatalen Autounglück in der Dominikanischen Republik. Dazwischen entfaltet sich kein chronologischer Lebenslauf, sondern ein fiebriger Seelentrip.

Es ist, als würde in jenen Sekunden des Aufpralls das gesamte Leben des Hans Hölzel als halluzinogener Drogentrip an ihm vorbeiziehen. Wir erleben keine bloßen Stationen, sondern wir fühlen einige seiner Songs als Meilensteine, die immer auf Falco selbst zurückreflektieren.
Jeanny wird zum Albtraum aus Begehren und Wahn. Rock Me Amadeus zeigt den Zenit und gleichzeitig den Moment, in dem die Maske des Weltstars, die Krone des King Falco, beginnt, das Gesicht des Hansi darunter zu erdrücken. Er befindet sich auf seiner ureigenen Titanic in der Radio-Hits zu existenziellen Meilensteinen eines Mannes, der zwischen Wiener Beisl-Melancholie und internationaler Arroganz zerrieben wird.
Give me more, give me more, give me more
Give me more, give me more, give me more
(Falco, Junge Römer)
Otto Dix trifft auf Wiener Nacht
Die Zeichnungen sind keine hübschen Fan-Illustrationen. Sie sind gewaltig, düster und oft grotesk. Rödler leiht sich die Formsprache bei der Neuen Sachlichkeit und ich muss insbesondere an Otto Dix denken. Die Gesichter sind verzerrt, die Körperhaltungen oft am Rande der Karikatur, aber immer voller Schmerz. Es herrscht eine beklemmende Enge. Selbst auf den großen Bühnen wirkt dieser Falco einsam.
Rödler fängt das Schicksal ein, das Hans Hölzel mit Größen wie Jim Morrison oder Amy Winehouse teilt: Die Unfähigkeit, die künstlich erschaffene Bühnenpersona wieder abzulegen. Hans Hölzel hat Falco erschaffen, um die Welt zu erobern – und am Ende hat Falco Hans Hölzel einfach verschluckt.

Kein Fan-Buch
Dieses Buch ist schwere Kost. Es ist kein Werk für zwischendurch, sondern eine immersive Erfahrung. Wer eine feierliche Huldigung sucht, wird hier von der Düsternis erschlagen. Wer aber den Menschen hinter der Kunstfigur – in all seiner Zerrissenheit, seiner genialen Arroganz und seinem tragischen Scheitern – verstehen will, kommt an dieser Graphic Novel nicht vorbei.
Rödler hat das Kunststück vollbracht, Falcos Musik nicht nur zu illustrieren, sondern ihre psychologische Tiefe in Schwarz-Weiß-Bilder zu gießen, die noch lange nachhallen.
Die folgende Strophe (eigentlich die gesamten Lyrics) aus Falcos „Out oft he Dark“ bekommt nach der Lektüre dieses biografischen Bildertrips eine weitere, bittere Note:
„Ich bin bereit, denn es ist Zeit
Für unseren Pakt über die Ewigkeit
Du bist schon da, ganz nah
Ich kann dich spüren
Lass mich verführen, lass mich entführen
Heute Nacht zum letzten Mal
Ergeben deiner Macht
Reich mir die Hand
Mein Leben, nenn‘ mir den Preis
Ich schenk‘ dir Gestern, Heut‘ und Morgen
Dann schließt sich der Kreis, kein Weg zurück
Das weiße Licht kommt näher, Stück für Stück
Will mich ergeben
Muss ich denn sterben
Um zu leben?“
(Falco, Out of the Dark)

Arnulf Rödler
26.0 x 19.5 cm, gebunden, 96 Seiten
22,00 € | ISBN 978-3-95728-701-4