Die Abenteuer von „Sigi“ sind Beweis dafür, warum Comics zu den der beeindruckendsten Erzählformen zählen. Die Geschichten von Erik Arnoux (Szenario) und David Morancho (Zeichnungen) aus dem Hause Schreiber & Leser sind dabei weniger Graphic Novel als vielmehr eine perfekte Symbiose aus Storyboard und Drehbuch. Ein Road Movie par excellence, erzählt in wunderschönen Panels.

Die Frau am Steuer: Wer ist Sigrid Hassler?
Im Zentrum steht Sigrid „Sigi“ Hassler, eine junge Deutsche, die so gar nicht in das Frauenbild der späten 1930er Jahre passen will. Sigi ist keine „Damsel in Distress“, sondern eine Frau der Tat: Sie ist eine begnadete Rennfahrerin und Testpilotin.
Nachdem sie aufgrund von Intrigen und dem Misstrauen der männlichen Rennsport-Elite aus ihrem Job als Rennfahrererin gedrängt wurde, will Sigi beweisen, dass eine Frau am Steuer eines serienmäßigen Automobils, einem legendären Adler 6, die Welt bezwingen kann. Finanziert wird diese riskante Expedition von dem zwielichtigen Unternehmer Gottfried Geyer. Doch die Unterstützung ist ein zweischneidiges Schwert: Während Sigi die Nationalsozialisten und ihre Ideologie verabscheut, nutzen Geyer und das Regime die spektakuläre Reise unter Vorspiegelung falscher Tatsachen für ihre eigenen Propagandazwecke. Sigi gerät so in ein gefährliches Abhängigkeitsverhältnis, bei dem sie nicht nur gegen die Widrigkeiten des Weges, sondern auch gegen die dubiosen Pläne ihres Geldgebers anfahren muss.
Eine Frau ist zu Zeiten der Nazis eine professionelle Rennfahrerin und erlebt ihre ganz persönliche „In 80 Tagen um die Welt“-Reise – in einem Auto der 20er/30er Jahre? Klingt nach einer sehr wilden und kreativen Vorstellungskraft des Autoren. Ist es es aber nicht. Zumindest nicht in Gänze, denn Sigis Geschichte basiert auf dem sehr realen Leben der deutschen Clärenore Stinnes, die eben genau dies gemacht hat: eine Weltumrundung in einem Auto Ende der 1920er Jahre.

Die Etappen der Reise
Die Serie ist bisher in zwei Hauptakte unterteilt, die wie zwei große Kinofilme funktionieren:
Teil 1: Operation Brünhild: 1938: Sigi gerät zwischen die Fronten von Sport, NS-Propaganda und Spionage. Als Fahrerin für die legendären Silberpfeile wird sie in ein Komplott verstrickt, das weit über die Rennstrecke hinausgeht. Es ist ein rasanter Auftakt voller Benzin in der Luft und politischem Hochdruck.
Teil 2: Terra Inca: Nach dem Krieg führt der Weg nach Argentinien. Zwischen ehemaligen Nazis, mysteriösen Schätzen und dem Geheimdienst wird die Reise zur packenden Schatzsuche in den Anden. Sigi muss beweisen, dass sie nicht nur auf Asphalt, sondern auch im gefährlichen Terrain der Nachkriegs-Intrigen die Kontrolle behält.
An Sigis Seite agiert Sven, ihr treuer Begleiter und genialer Mechaniker. Während Sigi für das Tempo und die riskanten Manöver zuständig ist, sorgt Sven dafür, dass die Maschine – und das Team – nicht auseinanderbricht. Er ist die emotionale Erdung für die oft impulsiv handelnde Sigi und bildet mit ihr ein klassisches Abenteuer-Duo, das durch dick und dünn geht.

Erik Arnoux: Von der Historie zum Thriller
Das Besondere an Erik Arnoux’ Skript ist die gelungene Transformation der Realität in Fiktion. Er nimmt das reale Vorbild der deutschen Stinnes und webt daraus einen hochmodernen Abenteurer-Plot. Es gelingt ihm, die historischen Fakten einer technischen Pionierleistung mit den Elementen eines Agentenkrimis zu kreuzen. Indem er die Handlung in die politisch aufgeladene Zeit kurz vor und nach dem Zweiten Weltkrieg verlegt, erhöht er den Einsatz: Aus einer sportlichen Rekordfahrt wird bei Arnoux ein Kampf um Integrität und Überleben in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist.
Der cineastische Blick von David Morancho
Eine perfekte Vorlage für Morancho. Man kann seine Arbeit kaum beschreiben, ohne in filmischen Begriffen zu denken. Sein Stil ist die visuelle Entsprechung eines Indiana-Jones-Films.
Die Autos, Flugzeuge und Waffen sind historisch akkurat (soweit ich das einschätzen kann), mit viel Liebe zum Detail skizziert und wirken greifbar. Die Charakteuere sind auf den Punkt ausgestaltet. Doch trotz dieser Detailfülle wirkt nichts überladen – die Panels besitzen im Ablauf eine filmische Dramaturgie. Wie ein Story Board eben – aber ohne dies plakativ als Stilmittel in den Vordergrund zu heben. Morancho nutzt geschickte Perspektivwechsel (von extremen Totalen bis zu intensiven Nahaufnahmen), was den Comic wie eine perfekte Zusammenführung von Film-Story-Board und Script wirken lässt.

Kinoabend wird zu Comic-Abend
Schenkt Euch also schon mal ein gutes Glas Wein ein, denn „Sigi“ ist ein literarisches und visuelles Ereignis. Ein Road Movie in bewegten Zeiten, das den Leser eine dunkle, aber auch bildgewaltige Zeit des 20. Jahrhundert miterleben lässt. Es ist die Geschichte einer starken, bewundernswerten Frau, die sich nicht gefallen lässt, ob von Männern oder vom Schicksal. Geschichten so kurzweilig und unterhaltsam wie ein guter Kinoabend – dass ihr treuer, schwedischer Begleiter Sven heißt, ist hierbei natürlich ein Bonus…
PS: Dass das Leben von Clärenore Stinnes für sich schon als Filmstoff ausreicht, zeigt der Doku-Spielfilm „Fräulein Stinnes fährt um die Welt“ von 2008 mit Sandra Hüller in der Titelrolle.

Zeichnung: David Morancho
Szenario: Eric Arnoux
64 S. | gebunden | Farbe | 22 x 30 cm
€ 17,95 | ISBN 978-3-96582-143-9

Zeichnung: David Morancho
Szenario: Eric Arnoux
56 S. | gebunden | Farbe | 22 x 30 cm
€ 17,95 | ISBN 978-3-96582-203-0