Eine Liebe, die über den Tod hinausgeht: Bea Davies hat aus dem Drehbuch von Fatih Akin und Ruth Toma einen berührenden Comic gemacht. Die Graphic Novel entstand parallel zum Film und findet für dessen Geschichte eine eigene Bildsprache.
Eigentlich bin ich kein großer Manga-Fan. Ich kann den Reiz dieser Art zu erzählen verstehen, greife im Zweifel aber doch zu anderen Comics. Bei „Geister“ wäre das ein Fehler gewesen. Bea Davies erzählt diese Liebesgeschichte mit einer solchen Zärtlichkeit, dass ich meine Vorbehalte schnell vergessen habe. Das Buch macht traurig. Und es gibt Hoffnung. Manchmal sogar auf derselben Seite.
Farasha und Faris sind zwanzig, als sie sich auf einer Abiparty kennenlernen. Zwei junge Menschen, die gerade erst ins Leben starten und plötzlich das Gefühl haben, jemanden gefunden zu haben, mit dem sie es teilen möchten. Noch in derselben Nacht stirbt Farasha bei einem Autounfall. Was kaum begonnen hat, scheint schon vorbei. Doch Farasha findet einen Weg zu Faris zurück: Sie kann ihm in seinen Träumen begegnen. Vierzig Nächte bleiben ihnen. Für eine Liebe, die gerade erst anfängt, ist das verdammt wenig.
Aus dieser ebenso einfachen wie grausamen Ausgangslage entwickelt sich eine bezaubernde Geschichte über Nähe und Abschied. Mit jeder Begegnung wächst die Verbindung zwischen den beiden, während die gemeinsame Zeit abnimmt. Das ist der eigentliche Schmerz dieses Buchs: Wir lernen Farasha und Faris beim Kennenlernen kennen. Wir wünschen ihnen eine Zukunft und wissen doch, dass ihnen etwas fehlt, das andere Paare ganz selbstverständlich haben. Zeit.


Wenn die Macher übers Machen reden
Bei einer kleinen Presseveranstaltung im Carlsen Verlag erzählten Fatih Akin und Bea Davies vom ungewöhnlichen Entstehungsprozess. Die Geschichte hatte den Regisseur schon lange beschäftigt. Gemeinsam mit Ruth Toma arbeitete er rund zehn Jahre am Drehbuch, veränderte Figuren, verwarf Ideen, begann neue Fassungen. Die beiden ließen den Stoff mit ihren Erfahrungen wachsen. Seine Begeisterung für Comics brachte Akin schließlich auf den Gedanken, „Geister“ auch als gezeichnete Geschichte zu erzählen.
Das passt zu einem Filmemacher, dessen Arbeit seit jeher von starken Gefühlen lebt. In „Gegen die Wand“ oder „Aus dem Nichts“ geraten Menschen durch Liebe, Verlust und Verzweiflung aus der Bahn. Auch „Geister“, Akins erster Fantasyfilm, beschäftigt sich mit solchen existenziellen Erfahrungen. Nur führt der Weg diesmal durch eine Welt, in der Tote die Träume der Lebenden betreten können. Japanische Animes, die Akin auch durch seine Kinder kennenlernte, gehörten zu den wichtigen Einflüssen. Er nennt etwa „Your Name“ und „Weathering with You“. Deren Verbindung von Liebesgeschichte und Übernatürlichem half ihm, eine Form für seinen Stoff zu finden.
Auch die Nähe zum Comic war früh da. Akin arbeitet gern mit Storyboards, die bei „Geister“ bereits wie Graphic Novels aussahen. Im Verlagsinterview beschreibt er eine Verwandtschaft, die über schöne Bilder hinausgeht: „Das Off zwischen den Panels kommt meiner ellipsenhaften Montage nahe.“ Was zwischen zwei Bildern fehlt, ergänzen wir selbst. Genau dort kann eine Geschichte im Kopf weiterleben.


Davies bringt dafür eine eigene Erfahrung mit. Die 1990 in Italien geborene Zeichnerin lebt seit 2012 in Berlin. Sie zeichnete die von Patrick Spät geschriebene Comicbiografie „Der König der Vagabunden“ und veröffentlichte mit „Super-GAU“ eine selbst geschriebene Graphic Novel über Menschen, deren Leben durch die Katastrophe von Fukushima miteinander verbunden sind. Ihre Illustrationen zu Karen Köhlers „Himmelwärts“ wurden 2025 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Persönliche Schicksale und große Fragen gehören also schon länger zu ihrer Arbeit.
Für „Geister“ musste sie sich allerdings auf ein ungewohntes Tempo einlassen. „Ich habe meine Arbeit als Comiczeichnerin immer sehr nah an der Arbeit einer Filmemacherin gesehen“, sagte sie dem NDR. Hier rückten die beiden Berufe besonders dicht zusammen. Ausgangspunkt war das Drehbuch, doch während Davies zeichnete, veränderte sich der Film im Schnitt weiter. Sie bekam Rohschnittfassungen, beobachtete die Figuren und ihre Bewegungen, sammelte Vorlagen für deren zeichnerische Umsetzung. Die Darsteller sollten wiederzuerkennen sein. Gleichzeitig musste sie die Geschichte für das Buch verdichten. Für die 224 Seiten blieben ihr etwa sechs Monate.
Zwei Werke in einer Geschichte
Von dieser Eile erzählen die Bilder wenig. Davies zeichnet klare Konturen, modelliert mit Rasterflächen und lässt den Gesichtern viel Raum. Schon beim ersten Gespräch auf der Party wechselt sie von der Umgebung zu einzelnen Blicken, rückt näher an die beiden heran und lässt das Gewusel ringsum zurücktreten. Farashas offenes Lächeln, Faris’ vorsichtige Annäherung: Die Zuneigung entsteht auch zwischen den Sprechblasen. Die Manga-Einflüsse stecken in der Mimik und im Rhythmus der Seiten. Man spürt, wie ein kurzer Moment größer wird, weil die Zeichnerin bei ihm bleibt.

Davies mag an Manga auch, dass romantische Motive Gefühle vermitteln können, ohne gleich ins Peinliche zu kippen. Im Verlagsinterview nennt sie unter anderem funkelnde Augen, Blumen und Schmetterlinge, die sie sparsam eingesetzt habe. Das funktioniert. Hier darf man sich auf eine große Liebe einlassen, ohne ständig darüber belehrt zu werden, wie naiv das angeblich ist. Mir gefällt diese Ernsthaftigkeit. Gerade bei einem Stoff, den eine ironische Bemerkung im falschen Moment leicht beschädigen könnte.
Wie stark die Gestaltung unsere Wahrnehmung verändert, zeigt auch Akins Entscheidung für den Film, der am 5. November 2026 in die Kinos kommt. Es gibt eine Farb- und eine Schwarz-Weiß-Fassung. Er beschreibt den Unterschied so: „In Farbe ist der Film ein Movie, eine Lovestory. In Schwarzweiß ist es ein Kunstwerk über Existentialismus.“ Eine selbstbewusste Einordnung, gewiss. Sie macht aber deutlich, welche Bedeutung er dieser Entscheidung gibt. Dieselben Figuren, dieselbe Geschichte, ein anderer Blick darauf.
Ein Leben in Schwarz-Weiß
Im Comic überzeugt mich das Schwarz-Weiß vor allem durch seine Konzentration. Die Gesichter, die Nähe der Körper und die Abstände zwischen den Figuren bekommen Gewicht. Das Auge bleibt an einem Blick oder einer Geste hängen. Und weil Davies die Farbe so lange zurückhält, entfalten die wenigen Farbtupfer zum Schluss eine besondere Wirkung. Ohne das Ende verraten zu wollen: Für mich liegt darin etwas von der Hoffnung, die dieses Buch trotz aller Trauer trägt. Nach so vielen Seiten fällt eine kleine Veränderung plötzlich sehr groß aus.


Beim Gedanken an das Gespräch im Verlag bekommt das Loslassen noch eine zweite Bedeutung. Auch Akin und Davies müssen irgendwann abgeben, was sie über Monate oder Jahre beschäftigt hat. Sie haben Entscheidungen getroffen, Bilder gesucht und ihre Figuren begleitet. Nun begegnen Film und Comic einem Publikum, das eigene Erinnerungen und Erfahrungen mitbringt. Die Künstler können nicht mehr bestimmen, was ihre Geschichte in anderen Menschen auslöst. Ihre Werke beginnen ein eigenes Leben, das länger dauern kann als das ihrer Schöpfer.
Vielleicht berührt mich „Geister“ auch deshalb so sehr. Das Buch erzählt davon, wie viel ein Mensch einem anderen bedeuten kann, selbst wenn ihnen nur wenig Zeit bleibt. Und davon, dass wir weiterleben müssen, obwohl wir jemanden vermissen. Ein fantastisches Märchen, ja. Aber eines, das mehr über unser Leben erzählt als so manche Dokumentation.

Geister
von Fatih Akin, Bea Davies, Ruth Toma
Illustriert von Bea Davis
Verlag: Carlsen
Seitenzahl: 224
Größe: 145 mm x 210 mm
ISBN: 978-3-551-81022-9
Lesealter: ab 14 Jahren
Preis: 20,00 Euro
Link: https://www.carlsen.de/softcover/geister/978-3-551-81022-9
